Vor einem Jahr…

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    Fünf Filmfreunde


    Mein Herz für Kino - moviepilot

     
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    Garry Poppers u.d. Möse des Schreckens 15

    Zaunkrieg

    Hermoaning schnappte einen der jüngeren Schüler aus der Menge und hob ihn auf Augenhöhe.
    »Was zum Teufel ist los? Ist Professor Quickfick wieder mit der Zigarette im Bett eingepennt? Wo rennen alle hin«
    Der Junge sah sie verdattert an.
    »Fagrid… seine Hütte brennt! Jemand hat ihm eine Brandbombe durchs Fenster geworfen!«
    »Ficken!« Hermoaning warf den kleinen Jungen zurück in den Schülerstrom und rannte los. Sie musste Garry Bescheid sagen. Auf halbem Weg zum Jungenschlafsaal Spiffydorms prallte sie mit ihm zusammen. Garry ging fast zu Boden.
    »Pass doch auf du dusselige- Oh Moany. Sorry ich hab dich nicht…«
    »Fagüttebent!« japste das Mädchen.
    »Is alles okay.. ich wollt grad nachsehen warum die Bratzen da unten sonen Lärm machen?« Garry kratze sich an der Nase. Die Schwellung war mittlerweile abgeklungen, vom Aufprall des Balls zeugten nur noch ein blasser gelbgrünlicher Schimmer an der Nasenwurzel und unter seinem rechten Auge. Selten war der Junge so dankbar, die Kunst der Schminktechnik erlernt zu haben, wie in den vergangenen zehn Tagen. Dank Camouflage-Make-up waren die Auswirkungen seiner Aussprache mit Tom, weitgehend unbemerkt geblieben.
    »Mitkomm.« Hermoaning packte Garry bei der Hand und zog ihn hinter sich her.
    »Du hast eine Art Kerl aufzureißen, darüber müssen wir nochmal…ugf«, der Satz blieb unbeendet, als er halb hinter dem Mädchen hergeschleift wurde.

    ***

    Schwarze, fettige Rauchschwaden stiegen gen Himmel. Fagrids Chateau war von Schülern umringt, die alle hilfsbereit im Weg herumstanden. Moany und Garry schoben die Jugendlichen unsanft beiseite, arbeiteten sich bis zur Eingangstür durch. Blaues Licht flackerte über Gesichter und Wände. Löschschaum trieb über teure Reliefkacheln.
    Fagrid hockte in der Hollywoodschaukel auf seiner Veranda und sah kaum auf, als die beiden auf ihn zutraten. Feuerwehrleute wuselten um sie herum.
    »Faggy? Was ist.. was ist passiert?« Garry ging in die Hocke um dem Mann ins Gesicht sehen zu können.
    Wortlos deutete Fagrid auf die große Fensterfront seiner Veranda. Leuchtend rote Buchstaben prangten in verschmierter Schrift auf dem Glas.
    DRECKSTUNTE WIR KRIEGEN DICH!
    Garry schaute sprachlos vom Hassgraffitie zu Fagrid.
    »Wer…? hast du jemand gesehen? Wer…?«
    »Sie hassen uns Garry.« Fagrid wischte sich mit beiden Pranken übers Gesicht und stand auf. »Ich dachte es hätte aufgehört, aber das wird es wohl nie. Solange es Cockwarts gibt, werden sie nie ganze Ruhe geben.«
    »Wer denn? Was hast du ihnen denn getan?« Garry schaute durch die Glasfront in Fagrids Wohnzimmer. Dort wo der Molotow-Cocktail zerschellt war und seine Flüssigkeit verspritzt hatte, zierte verkohlter Teppich den Boden. Löschwasser und und Ruß überzogen die ganze Einrichtung mit schwarzem Schmierfilm.
    »Irgendwer Garry. Es ist immer irgendwer. Heteros. Christen. Besorgte Bürger. « Faggy lächelte humorlos. »Wir hatten Glück, das es die letzte zwei Jahre relativ ruhig war. Aber dies Jahr wurden zwei Jungs aus Nachbardörfern bei uns eingeschult. Einer davon flog zuhause raus; Chris Lerchenberg, ich bin mit ihm zu seinen Eltern gegangen um seine Sachen aus der Wohnung zu holen… Sein Vater war ziemlich angepisst. Wer weiß…«
    »Christel? Du hast Christel hierhergebracht? Der kommt vom Dorf?« Garry erinnerte sich an den schlaksigen Jungen aus Vaseline, der aussah, als wäre er schon mit gebrochenem Handgelenk zur Welt gekommen. Ist es ein Junge? Ist es ein Mädchen? Es ist eine Tunte! »Und du denkst seine Eltern haben das hier..? Du musst unbedingt zur Polizei… du musst-!«
    »Sicher Garry. Sicher. Mach dir keinen Kopp. Ich bin überzeugt die örtliche Polizei wird alles in ihrer Macht stehende tun um diesen Fall, schnell zu klären.« Fagrid sah zu einem Beamten herüber, der gerade aus dem Haus kam und sein Notizbuch zuklappte. »Nicht wahr, Herr Kriminalobermeister?«
    Der Polizist schlenderte auf Fagrid zu, sah zwischen dem Mann und den beiden Jugendlichen hin und her.
    »Tja, da ham sie wohl ne Flasche Whiskey in der prallen Sonne stehen lassen, würde ich sagen.«
    »Bitte?« Hermoaning sprang auf und sah den Mann an. »Eine Flasche Whiskey???«
    »Ja. Dieses geschliffene Flaschenglas wirkte wohl wie eine Lupe… das hat den Whiskeyrest in dem Glas daneben erhitzt, der fing an zu brennen… durch die Flammen ist dann die Flasche geplatzt und Puff! – schon stand ihre ganze hübsche Puppenstube in Flammen.« Der Beamte lächelte überlegen.
    »Das ist der größte Scheißdreck den ich-« begann Hermoaning, wurde jedoch durch Fagrid gestoppt, der ihr eine Hand auf den Mund legte.
    »So wirds gewesen sein, Herr Kriminalobermeister. Da hab ich kleines Dummchen mir doch fast die eigene Hütte abgefackelt. Wie gut das die starken, heterosexuellen Feuerwehrleute so schnell zur Stelle waren, um das Schlimmste zu verhindern.«
    Der Beamte schien die Ironie entweder nicht zu verstehen oder zu ignorieren.
    »Und den Spruch da, der ist wohl auch von selbst da ans Fenster gekommen?« knurrte Garry.
    »Mumpf«, stieß Moany durch Fagrids Hand gepresst hervor. Beide starrten den Polizisten angewidert an.
    »Nun«, der Mann lächelte noch einmal unverbindlich, »Ich denke sie werden das Protokoll, wie gewohnt reinreichen, unterschrieben vom Leiter dieses Geländes. Damit sollte wohl erstmal alles erledigt sein.« Er wandte sich halb zum gehen, drehte sich dann noch einmal herum. »Achja… Herr… Fagrid, es hat jüngst wieder Beschwerden gegeben. Einige ihrer… Zöglinge wurden bei Tanzveranstaltungen im Nachbardorf beobachtet. Richten Sie Herrn Fumblemore aus, das wir angewiesen sind Maßnahmen zu ergreifen, wenn dies nochmals vorkommen sollte. « Er deutete ein Nicken an. »Einen schönen Tag noch. Ich empfehle ausgiebiges Lüften.«
    Damit verschwand er in Richtung seines Wagens, der einige Meter entfernt, nahe der Begrenzungsmauer an der Straße geparkt war.
    »Was für ein dummes, verficktes, mieses Drecks-«
    »Ich weiß Garry. Aber es bringt nichts. Wir haben nicht das erste Mal Ärger hier… wir kennen das Spielchen. Wichtig ist, das wir seinen unterschriebenen Bericht bekommen, damit die Versicherung zahlt.«
    »Aber… wie kann er so einen Scheißdreck erzählen? Das ist so blöd, das sie es nicht mal im Fernsehen zeigen würden!« Moany hatte sich aus Faggys Griff befreit und stapfte wütend umher. »Wieso läßt du dir das gefallen?«
    »Wir haben keine Wahl.« Fagrid zuckte die Schultern. »Cockwarts steht auf der Abschußliste. Wir hatten drei Durchsuchungen die letzten Jahre. Wann immer sich im Nachbardorf jemand beschwert, steht Officer Krupke hier auf der Matte. Und seit sich ein paar von unseren Jungs mal unter die Hetenbengel auf dem Heuwendfest dort gemischt haben und es in einer Riesenschlägerei endete… Die Eltern dort glauben anscheint, wir würden ihre Kinder rekrutieren.«
    »Du musst doch irgendwas machen können!« Garry trat wütend gegen den gemauerten Gartengrill.
    »Hey, sachte Garry. Mach nicht mehr kaputt als eh schon ist. Fumblemore hat uns alle zum Stillhalten verdonnert. Wenn dieses Jahr wieder Beschwerden kommen, gibts schlimme Konsequenzen… für ganz Cockwarts.« Fagrid strich dem Jungen über den Kopf. »Das einzige was ich machen kann, ist aufräumen… Es hat doch nur das Wohnzimmer erwischt. «
    Der letzte Feuerwehrmann verließ das kleine Haus. Nachdem klar war, das es nichts weiter zu sehen gab, begannen sich die Schüler zu zerstreuen. Einige beobachteten die Feuerwehrleute, die sich ob der intensiven Musterung deutlich unwohl fühlten. Andere marschierten in Grüppchen, schwatzend und gestikulierend gen Schulpark.
    »Wenn du Hilfe beim Renovieren brauchst….« Moany legte Fagrid eine Hand auf den Unterarm.
    »Danke. Für heute werde ich erstmal bissel klar Schiff machen. Lasst mich mal alleine bissel rumpuzzlen, ich brauche das grade… Außerdem gibts bald Abendessen, seht mal zu das ihr nicht zu spät kommt.« Faggy grinste schief. Er umarmte Moany und Garry kurz, dann verschwand er im Inneren der Hütte. Durch das schlierige Glas erkannten die beiden, wie er langsam im Wohnzimmer umherging und den Schaden betrachtete. Ein unterdrückter Schluchzer drang nach draußen.
    »Nicht…« Garry hielt Hermoaning an der Schulter zurück, als das Mädchen sich anschickte hineinzugehen. »Laß ihn…«

    ***

    Schweigend stapften beide zurück zum Hauptgebäude. Die Sonne schimmerte über die Zinnen Cockwarts und verpasste allem den Look einer Fototapete. DIe Federballklasse von Tucor Wunnsiedel trainierte im Lindengarten. Die Boccia-AG hatte wieder einmal nur eine Ecke im abschüssigen Teil der Wandelallee erwischt. Eine feingliedrige Schülerin, die sich bei näherer Betrachtung als Schüler entpuppte, rannte grade hinter einer Boccia-Kugel den Hügel herunter.
    Am großen Brunnen saßen Pärchen und machten Pärchensachen. Verträumt ins Wasser starren, Händchenhalten oder streiten.
    »Wie läufts mit dir und Tom?« fragte das Mädchen als sie sich dem Eingang näherten.
    »Wir trainieren zusammen. Er will im November für die Zweitauswahl fit sein. Er ist eigentlich gar kein schlechter Werfer.«
    »Ich meinte, wie es zwischen euch läuft. Er schläft immer noch in seinem Zimmer, oder?«
    Sie betraten die Schule. Die meisten Mitschüler wuselten in Kleingruppen herum, das Feuer war Hauptthema und der Graffitiespruch wurde allenthalben zitiert. Für viele weckte er ungute Erinnerungen an die Zeit, ehe sie in Cockwarts lebten.
    Garry sah sich um, es war fast Zeit für das Abendessen. Malejoy und zwei seiner Lakaien kamen lachend die Treppe herunter. Er warf Garry einen kurzen Blick zu, wandte sich rasch ab und verschwand im großen Speisesaal.
    »Tom braucht etwas Zeit. Er kommt noch nicht damit klar, was neulich passiert ist…« Garry betastete abwesend sein Gesicht. »Er hat noch niemals vorher jemanden geschlagen.. und das ich ihn dazu gebracht hab… er hat irgendwie Angst.«
    »Ich dachte ihr habt euch ausgesprochen… «
    »Ja. Schon. Ich weiß auch nicht. Es ist anders geworden. Wenn ich ihn umarme.. es fühlt sich so… so anders an. «
    »Anders?« Moany sah ihn an.
    »Kälter irgendwie.« Garry zuckte die Schultern. »Als er mir neulich beim Fernsehen den Arm um die Schulter gelegt hat, hab ich nur gedacht, das es grade unbequem ist. Ich glaub Tom merkt das.«
    Die beiden gingen stumm einige Schritte nebeneinander her.
    »Was ist mit Zlatko?« sagte Hermoaning beiläufig.
    Garry schaute sie überrascht an.
    »W-was soll sein? Nichts! Wenn er mir blöd kommt dann fängt er sich eine!«
    »Okay. Wenn du meinst.« Hermoaning sah ihn etwas zu lange an. »Wo ist Tom überhaupt? Ich hab ihn seit heute Mittag nicht gesehen…«
    »Ich. äh.. keine Ahnung. Zuletzt war er beim Kochen vorhin. Ich guck mal ob er im Gemeinschaftsraum ist.. ich wollte eh noch kurz was aus meinem Zimmer holen…« Garry tat ein paar Schritte rückwärts, drehte sich dann um und rannte die Treppe hinauf. »Wir sehen uns gleich beim Essen, okay?«
    Hermoaning sah ihm nach.

    ***

    Die Gedanken im Kopf des Jungen purzelten übereinander wie junge Hunde. Was sollte die Frage nach Malejoy? Wieso hatte sie in so merkwürdig angeschaut? Er hasste Zlatko. Jede Stunde wenn er mit ihm zusammen im Unterricht war, musste er sich zusammenreißen um diesem kleinen Mistkerl nicht eine reinzuhauen. Garry verlor auf der Treppe kurz das Gleichgewicht in der Kurve und klammerte sich am Geländer fest.
    Er kollidierte halb mit einem älteren Jungen der einen schwarzen Trainingsanzug und eine Wollmütze trug.
    »Pass doch auf, Pimpf!«
    Eine Entschuldigung murmelnd, bog Garry in den Gemeinschaftstrakt von Spiffydrom. Er wollte nichts aus seinem Zimmer holen, sondern nur einen Moment alleine sein. Das Gerede über Tom, die Sache mit Fagrids Haus– er wollte nur einen Moment Ruhe haben. Sich auf sein Bett werfen und nur- Garry stolperte in sein Zimmer.
    Sein Bett war völlig zerwühlt. Das Bettdeck hing halb auf der Matratze, halb auf dem Boden. Die Kissen hier und dort. Alles was normalerweise auf seinem Nachttischchen stand, lag quer über den Fußboden verteilt. Die Schubladen des Schreibtisches waren aufgezogen. Bücher lagen zerfleddert, wie ausgeweidete Vögel umher.
    »Tom?« der Junge stand reglos in der Mitte seines Zimmers. Er betrachtete das Chaos ringsum. »Tom???«
    Aus dem Nebenzimmer war ein Klirren zu hören. Die Schiebetür die beide Räume trennte stand halb offen. Das Licht im Nebenraum brannte nicht. Kleine Lichtstreifen schimmerten aus Garrys Zimmer herein und schnitten Blöcke aus der Dunkelheit.
    »Tom bist du da?« Garry tastete nach dem Lichtschalter. Klick.
    Das Zimmer war leer. Auch hier Chaos. Umgestürzte Schubladen. Ausgeleerte Schultaschen… Stifte, Kleidung, Mappen – alles in wildem Reigen auf Bett und Boden verstreut. Das kleine Schrank-Klappbett in dem Tom die letzten Tage schlief, hing schief in den Scharnieren.
    Klirr!
    Garry wirbelte herum. Das Bad.
    Ohne zu zögern betrat er das gemeinsame Badezimmer, das Türen zu beiden Zimmern bot. Klick.
    Mit müdem Flackern erwachte die Halogenröhre an der Decke zum Leben.
    »Tom! Oh fuck!«
    »Mhhhhmpf!«
    Tom lag verdreht in der Badewanne und starrte Garry aus großen Augen an. Er war nur mit seiner Unterwäsche bekleidet, ein Streifen Gaffatape verklebte den Mund. Handschellen mir rosa Plüschbezug fesselten seine Hände an die Duschstange.
    »Oh scheiße, scheiße scheiße scheiße.« Ein kleines Mantra, das Garry schon häufiger benutzt hatte. Er kniete sich neben die Badewanne, neben seinen Freund. Vorsichtig zog er Tom das Klebeband ab, welches zweimal um den Kopf geklebt war. Der Junge hustet und japste nach Luft.
    »Wer war das? Oh scheisse, scheisse scheisse! Komm steh auf…« Garry half seinem Freund auf die Beine, doch dieser knickte wieder ein und fiel in die Wanne zurück. In diesem Moment gab die Duschstange nach und riss aus der Verankerung. Garry reagierte auf Autopilot und schnappte sie aus der Luft, Zentimeter vor Toms Gesicht. Vorsichtig hakte er die Kette der Handschellen los und stellte die Stange neben die Badewanne.
    »Komm.« Garry umfasste Tom vorsichtig und zog ihn hoch. Der anderen Junge bibberte vor Kälte.
    »Wo.. wo warst du solange?«
    Der Sechzehnjährige sah Tom nur an. Weiße Putzsprenkel klebten ihm in den Haaren. Rote Riefen zierten die Handgelenke, dort wo die Handschellen in die Haut schnitten.
    Garry legte Toms Arme um seinen Hals und stand langsam auf.
    »Wo warst du denn? Ich… ich…. «, Tom umklammerte Garry und stützte sein Gesicht an dessen Schulter.
    Ungelenk erwiderte Garry die Umarmung. Fragen mußten im Moment warten. Er strich Tom behutsam über den Rücken und hielt ihn einfach.
    »Wo warst du denn bloß…« fiepste der Junge erneut.
    Garry hielt Tom einfach fest.

    Von Batz am 20, 10, 2004 um 19:05 in Garry Poppers | Kommentieren »

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