Vor einem Jahr…
Garry Poppers u.d. Möse des Schreckens 16
Briefgeheimnis
»Was zum Teufel ist das!?«
»Feigencremecaramel auf Salbeiblättern«
Professor Rape schaute den gelblichen Klecks auf Garrys Teller, der mit zwei Pistazien und einigen Salbeiblätter umkränzt war, missbilligend an.
»Poppers. Ich habe Sachen überfahren die appetitlicher Aussahen als dieses Zeug da. Ich habe im Krieg Dinge gesehen, die sahen weniger abstossend aus als diese Kreation!«
»Sie waren im Krieg, Sir?« fragte Garry kleinlaut.
»Im ersten…. Golfkrieg. Ich war dabei.« Für eine Sekunde nahm Rapes Gesicht einen verklärten Ausdruck an. Garry glaubte Musik zu hören und das ferne Geräusch von Helikoptern und Schüssen. »Truppenverpflegung… man nannte uns das Vier-Sterne-Regiment. Es ist erstaunlich, was man aus einem toten Kamel alles zaubern kann, wenn man nur genug Rosmarin dabei hat. Aber das geht dich wohl nichts an, Herr Poppers. Bei deinen Talenten, dürftest du nichtmal in der Mensa einer Hauptschule kochen.« Die Musik brach ab. In der Luft hing ein leichter Kerosingeruch. Rape stupste die widerspenstige Masse auf dem Teller vorsichtig an. Sie zischte leise und sackte zusammen.
»Sehr luftig, wie ich sehe. Du weisst was das bedeutet. Du darfst den Aufräumdienst übernehmen.« Der Mann grinste Garry herablassend an.
»Aber Sir… Es ist nichtmal explodiert.. Ich hab sogar probiert ich glaube es ist.. ungefährlich…«
»Ungefährlich? Ungefährlich? Poppers… vielleicht ist dort wo du herkommst die reine Ungefährlichkeit eines Essens schon Anzeichen von Haute Cuisine«, Rape musterte ihn abfällig. »Dein Vater war ja bekannt dafür das ihn schon ein Happy Meal happy machte…«
»Lassen Sie meinen Vater aus dem Spiel…«
»..und ich erinnere mich noch mit Grauen an das gemeinsame Abendessen zum 30. Geburtstag deiner Mutter. Lili hat diese arme Gans förmlich eingeäschert… Ihr Händchen fürs Kochen hast du anscheind geerbt.«
»Was wissen Sie schon von meiner Mutter!«
»Mehr als du denkst, Poppers. Genaugenommen wußte doch jeder in der Szene mehr von Lilli als ihm lieb war. « Rape beobachtete genüßlich die Wirkung seiner Worte. »Es gibt Fotos die würde man nicht ins Familienalbum kleben wollen… aber wenn du etwas suchst, findest du sie viellleicht auf einschlägigen Internetseiten… oder in gewissen Magazinen.«
»Nicht.« Hermoaning war unbemerkt hinter Garry getreten und presste die Hand in der er ein Garniermesser umklammert hielt auf die Arbeitsplatte zurück. »Er will dich provozieren. Lass ihn einfach reden.«
»Hör besser auf deine kleine Freundin. Ich erwarte das bis 17 Uhr hier alles aufgeräumt ist, das ich abschließen kann.« Rape drehte sich um und marschierte an den übrigen Schülern vorbei zu seinem Pult. Eine Sternfrucht erwischte ihn halb an der Schläfe und zerplatze am Flip-Chart mit dem Rezept des Tages.
»Ups«, Hermoaning schaute Rape unschuldig an. »Entschuldigen Sie. Sie wissen ja wie ungeschickt kleine Freundinnen sind. Ich wollte sie eigentlich in den Biomülleimer an der Tür werfen.«
Rape wischte sich Fruchtschleim vom Ohr und starrte das Mädchen kalt an.
»Poppers. Du hast grade Unterstützung beim Aufräumen bekommen. Zusammen seit ihr sicher viel schneller fertig.«
Er schnappte seinen Gewürzkoffer und verließ den Raum.
»Toll ich hab Spülhände. Guck dir das an.. meine Finger sehen aus wie Trockenobst.« Garry marschierte mißmutig neben Moany den Gang entlang. Er zog eine Tube AloeVeraGel aus der Tasche und cremte sich die Hände ein.
»Wie gehts Tom?«
»Ganz okay denk ich. Er hat nen Tag frei bekommen und durfte sich von Fumblemore verhören lassen. Die paar Schrammen an den Handgelenken sind nicht weiter wild, es war wohl mehr der Schock gestern. Zu blöd, das er niemand erkannt hat.«
»Du hast den Typ in dem Tarnanzug doch auch gesehen, der der dich auf der Treppe beinah umgerannt hat.«
»Ich hab nicht auf sein Gesicht geachtet. Könnte so ziemlich jeder gewesen sein… Und Tom erinnert sich nur, das der andere nach Eternity roch.«
Sie erreichten den Gemeinschaftsraum von Spiffydorm. Die meisten der anderen Schüler hatten noch Unterricht. Nur Paul Harber lag auf der Couch vor dem künstlichen Kamin und blätterte in der Mens Health.
»Du hast gesagt das Malejoy auch immer Eternity benutzt…« Moany warf einen Euro in den Getränkeautomaten der in das Bücherregal eingelassen war und zog sich eine Diät-Cola.
»Ja.. er und die Hälfte der Schwuppen hier.« Garry schaute zu Paul rüber. »Hey Harber. Was hast du fürn Parfüm?«
»Eternity von CK und Boss bottled. Wieso?«
»Siehste. Das besagt gar nix. WIr haben Malejoy ja auch gesehen gestern. Und nen dunklen Trainingsanzug hat jeder der die Darkroom-Wanderung bei Professor Cruz mitgemacht hat.«
»Da war ich dabei…« Paul sah ihn über den Rand der Zeitschrift hinweg an.. »Sollteste vielleicht auch mitmachen, wenn du alt genug bist Garry. Diese Monogamie-Scheisse mit Sissie wird doch eh nix…«
»Das ist ja wohl meien Sache!« fauchte Garry den älteren Jungen an. »Vielleicht warst du es ja auch, wo warst du denn gestern abend – ich hab dich nirgends gesehen?« .
»Garry, wenn ich Bock auf ne Fesselnummer hätte, dann würd ich mir sicher nicht son Kindchen wie Tom aussuchen.« Paul sah ihn vielsagend an. »Aber wenns dich beruhigt, ich war im Theaterkurs bei Professor Laubheim. Du kannst sie gern fragen. Wir üben grade McBeth ein.«
»Ach vergiss es.« Garry griff sich Moanys Cola und nahm einen Schluck. »Ich schau mal eben nach Tom, vielleicht mag er ja mit in den Park kommen.«
Das Mädchen nickte. Sie nahm sich eine Zeitschrift vom Tisch und hockte sich in die Sitzecke. Paul blätterte um. Er summte eine leise Melodie.
»Something wicked this way comes...«
Garry klopfte an die Schiebetür zu Toms Zimmer. Als niemand antwortete öffnete er sie einen Spalt und schlüpfte hindurch.
Ehe er nach dem Lichtschalter tasten konnte, wurde er von hinten umklammert und zu Boden gerissen. Ein Arm lag um seinen Hals. Garry schlug nach hinten, versuchte sich herumzudrehen. Der Angreifer rang ihn nieder, setzte sich auf seinen Brustkorb und drückte seine Arme mit den Knien auf den Boden. Eine Hand legte sich um seinen Hals und drückte zu. Ein Klicken und das Halogenlicht einer Taschenlampe strahlte ihm grell ins Gesicht.
»Nicht nochmal du Scheißk- Garry?«
Garry blinzelte. Er erkannte nur eine Silhouette über sich gebeugt. Der Griff um seinen Hals lockerte sich. Als der Lichtstrahl sich etwas senkte, erkannte er, wer ihn angegriffen hatte.
»Tom du Spack… natürlich ich. Herjehh du wirst echt paranoid. Ich dachte du schläfst vielleicht und wollt dich nicht stören…« Garry zog seinen Arm unter Toms Knie heraus und rieb sich über den Hals.
»Sorry.. ich bin aufgewacht und hab nur gesehen, wie sich die Tür langsam aufschob.. ich dachte… ich dachte es wäre wieder…« Tom senkte den Blick.
»Schon okay« Garry sah zu seinem Freund hoch, der noch immer auf ihm saß. Tom trug lediglich eine Retroboxer und T-Shirt. Garry entwand ihm die Taschenlampe und leuchtete in sein Gesicht.
»Komm her«
»Was?« Tom versuchte mit zusammengekniffenen Augen Garry anzusehen. Er schob die Taschenlampe beiseite.
»Komm.« Garry grinste, Er packte im Nacken und zog ihn zu sich herunter. »Fürn son Hempfling haste ganz schön Kraft.« Sie küssten sich. Die Taschenlampe kullerte herunter und blieb dicht neben eienm Stuhl liegen. Warf bizarre Schatten an die Wand, die sich erhoben und wieder verschwanden.
»Ich weiß nicht ob ich grade-« Tom lag mittlerweile unter Garry und schnappte nach Luft.
»Das fühlt sich an,als wüßtest du es doch…« der Junge grinste breiter und gab seinem Freund einen Kuss auf die Nase. Toms Hände legten sich auf seinen Kopf und dirigierten Garry sanft nach unten.
»Ähm… soll ich lieber später nochmal..?« Ein Schattenriß stand im Türrahmen. Er klopfte nocheinmal.
Garry und Tom lösten sich erschrocken voneinander. Tom angelte nach seinem Shirt und bedeckte sich..
»Moany.. ähm wir haben.. wir wollten..«
»Tom wollte… ich meine er dachte ich sei..ähm…«
Hermoaning knipste das Deckenlicht an. Sie grinste breit.
»Ich wollt nur wissen, ob ihr gleich noch mit in den Park kommt. Wir könnten Faggy besuchen und schauen wie es bei ihm aussieht. Aber wenn ihr grad beschäftigt seid…«
Als erster hatte sich Tom gefangen. Er zog im Aufstehen seine Hose hoch und verschwand im Badezimmer.
Garry warf Moany einen entschuldigenden Blick zu.
»Schön das du ihm bei der Traumaverarbeitung hilft, Garry«
»Er… ich meine ich.. « Garry knöpfte seine Jeans zu und hielt Ausschau nach seinem Shirt. Es lag halb unter dem Bett. »Moany… wir kommen gleich runter, okay. Und wisch dir dein Grinsen aus dem Gesicht.«
Schulterzuckend verließ Hermoaning den Raum. Als sie weg war, robbte Garry zum Bett herüber und zog das Shirt zu sich ran. Ein kleiner Karton wurde mit hervorgezogen. Er schlüpfte in sein Shirt und zupfte ein paar Staubmäuse aus den Haaren. Fast hätte er den kleinen Karton wieder unter das Bett geschoben, als sein Blick auf eine umgeknickte Papierecke fiel, die unter dem Deckel hervorlugte. Es sah aus als wäre er hastig draufgestülpt worden, vielleicht hatte Tom den Karton dort versteckt, als er jemanden an der Tür bemerkte.
Mit einem Seitenblick auf die Badezimmertür – die Dusche lief noch immer – öffnete Garry den Karton. In ihm lagen Briefe. Die meisten von Toms Mutter und seinem Bruder (oder Schwester) Winnie (oder Minnie). Beim blättern fiel der Blick des Jungen auf einige schwarze Umschläge. Es waren nur drei. Garry erinnerte sich an den Brief den Tom neulich beim Frühstück gepudelt bekam. Den mit dem merkwürdigen Absender. Den von einem "Brieffreund".
Die Dusche verstummte.
»Ich bin gleich fertig Garry. Du kannst gleich rein…« hallte Toms Stimme aus dem Nebenraum.
Er wußte das es falsch war. Er wußte das es ihn nichts anging. Für eine Sekunde erwartete Garry Miniaturausgaben religiöser Figuren auf seinen Schultern, zu sehen, die ihm moralische Beratung geben würden – doch dort waren nur zwei kleine Staubmäuse die er nervös wegwischte. Es half nichts, die Neugier war stärker. Nervös öffnete Garry einen Brief und faltete ihn auseinander. Das Briefpapier war gleichfalls schwarzen und von seidiger Struktur. DIe goldene Schrift ließ sich im Halbdunkel des Zimmer kaum entziffern.
"Liebster Tom" stand dort geschrieben. Garry suchte nach der Taschenlampe. Ein Geräusch aus dem Badezimmer unterbrach ihn.
Es blieb keine Zeit zum Lesen. Hastig überflog Garry die Schrift, hoffte das ihm ein wichtiger Satz ins Auge springen würde.
"…und wie geht es deinem Freund Garry Poppers, er scheint ein wirklich außerordentlich interessanter Mensch zu sein. Du mußt mir unbedingt mehr von ihm berichten…"
Ein neuerliches Geräusch aus dem Bad.
Garrys Blick flog zum Ende der letzten Seite.
"Vergiß mich nicht, du bist ein ganz besonder Junge und du weißt ich denke immer an dich. Dein Mort."
Mort? Mort? Wie waren noch die Initialen auf dem Brief? M.G.? wie in Mort Goldenrohr!
»Weißt du wo das Ice-Gel ist?«
Garry zuckte zusammen. Er faltete den Brief, stopfte ihn ungeschickt in den Umschlag und beides in den Karton. In der Sekunde als Tom das Zimmer betrat, stieß Garry das Behältnis mit dem Fuß unter das Bett zurück.
»Äh Ice Geld.. ? ich glaube..ähm weiß nicht.. «
Tom beäugte ihn besorgt.
»Alley okay?« Tom trug nur seine Jeans, er roch nach Duschgel und nassen Haaren und verströmte eine angenehme Wärme. »Das war geil eben.« Er gab Garry einen Kuss. »Beeil dich, bissel rausgehen ist sicher cool jetzt.«
Als Garry zehn Minuten später aus dem Bad zurückkam und noch einen raschen Blick unter das Bett warf, war der Karton verschwunden.
»Garry komm endlich!« Tom steckte seinen Kopf durch die Tür. Seine Haare standen in Igelspitzen vom Kopf ab und er wirkte fröhlich, wie seit Tagen nicht mehr.
»Bin schon da.« Garry folgte seinem Freund.
Die Worte des Briefes klangen in seinem Kopf nach.
"… dein Mort…"
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