Vor einem Jahr…
Letztes Lichtspiel: Charlie und die Schokoladenfabrik
Even Im edible, but that is called cannibalism, dear children and is
frowned upon in most societies.
Originaltitel: Charlie
and the Chocolate Factory
Herstellungsland: USA / UK 2005
Regie:
Tim Burton
Darsteller: Freddie Highmore, Johnny Depp, Helena Bonham
Carter, Christopher Lee
Unwillkürlich muß man an W.C.Fields denken: Wer Tiere und
kleine Kinder hasst, kann kein schlechter Mensch sein. Wenn Johnny
Depp als Willy Wonka nach Jahren des Eremitendasein die Tore seiner
geheimnisumwitterten Süßwarenfabrik öffnet um fünf Kindern einen Blick
hinter die Kulissen zu gewähren, dann spricht vor allem eines aus seinem
Blick: Ekel. Wo Gene Wilder, in der von Autor Roald Dahl gehassten
1971er Verfilmung seines Buches, als ulkiger Derwisch durch sein
Schokoladenland hopste, da agiert Johnny Depps Wonka mit umwerfenden
Menschenekel.
Irgendwo zwischen Jack Skellington und Howard Hughes.
Gummiebehandschuht, alleine auf seine Arbeit fokussiert, mit scharfem
Verstand und doch kindlichem Gemüt und kaum ausgebildeten sozialen
Kompetenzen. Er ist "weird", er ist "creepy" – er wirkt wie ein
fröhlicher Psychopath, der jederzeit überschnappen könnte.
Und
er ist großartig. Seine Mimik ist ein Highlight in einem an Schauwerten
und exzellenten Schauspielern keineswegs armen Film. Jedes Kind ist
trefflich besetzt, dies sind mit Ausnahme des knuddelig gutherzigen
Charlie alles "Kids you love to hate", die alles vereinen
was einem an Kindern auf den Geist gehen kann. Von der verwöhnten
kleinen Göre über den verfressenen Dummkopf bis zum videotischen
Daddelbengel – keines dieser Kind erzeugt Mitleid, wenn es beim
Fabrikbesuch den von Wonka arrangierten Unfällen zum Opfer fällt. Einzig
Charlie und sein knarziger Großvater verdienen unsere Sympathie. Sicher
hier wird mit der groben Kelle verteilt, die Guten sind so gut das es
scheppert und die dummen, ignoranten, bösartigen Menschen sind
überzeichnet bis zur Karikatur. Burtons Jugendbuchverfilmung, ist ein
visuelles Fest, mit sarkastischem Humor, surrealer Grandezza und
herzerwärmender Liebenswürdigkeit. Sollte ihm jemand das "Planet of the
Apes"-Remake noch nachtragen, dieser Film muß als Entschuldigung mehr
als reichen.
Von einer etwas schäbbich animierten
Titelsequenz mal abgesehen, ist der Film ein Bravourstück an opulenten
Bildern und intelligenter Farbdramaturgie. Nicht nur das Burton jedem
Schauplatz seine eigene Farbpalette verleiht – vom tristen Grau der
Stadt mit ihren Reihenhäusern und dem Hartz IV-Häuschen von Charlies
Familie, zum nuttigen polaroidfahlen White-Trash-Amerikas, zu den
bonbonfarbenen Schlemmerlandschaften in der Fabrik – auch für seine
Figuren gilt ein ausgetüftelter Look. Willy Wonka ist so desaturiert,
das er fast schwarz-weiß daherkommt, die verwöhnten Kinder haben einen
porzellanglatten Schimmer bekommen, der an Pierre
et Gilles-Bilder erinnert, die Amis sehen glanzlos und billig aus –
nur Charlie und sein Opa werden in natürlichen, angenehmen Tönen gezeigt.
Deep
Roy, der die Aufgabe hatte sämtliche Ompaah-Loompahs – die
kleinwüchsigen Arbeiter in Wonkas Fabrik – zu spielen, darf zur
Retro-Poprockigen Musik Danny Elfmans ausgetüftelte Choreographien mit
sich selbst tanzen. Auch wenn einer der Fimcharaktere nach einer der
Musical-Einlagen nur trocken bemerkt: "Well, it all seemed a bit
rehearsed to me…" – die Nummer sind eingängige Tanzeinlagen mit
Referenzen die von Rap-Video, über Hardrock bis zu "Esther
Williams"-Filmen reichen.
Gleich zu Beginn darf Johnny Depp in
einer Szene in Reminiszenz auf seine erste Zusammenarbeit mit Burton als Edward
Scissorhands-Look-alike posieren, später wird sich dann an Kubricks "2001"
vergriffen – man merkt das, es diesem Team Freude bereitet nach "Ed
Wood" und "Sleepy
Hollow" wieder zusammenzuarbeiten. Soviel wohl das ein Teil des
Casts auch gleich den Animationsfiguren in Burtons kommendem Streich "The
Corpse Bride" seine Stimmen lieh.
In Amerika tobt
derzeit ein Glaubenskrieg, zwischen denjenigen die die alte Verfilmung
als Klassiker verehren und Burtos Film hassen.und jenen die die
Neuverfilmung des Buches für gelungener halten. Hier in Europa, wo die
kuriose Gene Wilder-Travestie "Willy
Wonka and the chocolate factory" keinen Kultstatus besitzt, mag man
darüber nur den Kopf schütteln. Denn wer sich die damals in den
Bavaria-Studios gedrehte Version ansieht, findet wenig an Bildern das an
Burtons Imagination heranreicht Die Songs sind allesamt fade, schwunglos
und lausig choreographiert und Wilder als Wonka strahlt in keiner
Sekunde die verschrobene Exzentrik der Buchvorlage aus. Zudem scheint
das Ende völlig sinnfrei und kommt zu abrupt. Der skurrile Charme und
schwarze Humor Dahls
bleibt bis auf ein zwei gelungene One-Liner völlig auf der Strecke.
Im
Gegensatz dazu hat es Burton, wie vor ihm Nicolas
Roeg und Danny
Devito geschafft die überbordende gallig-liebenswerte Phantasie des
zu früh verstorbenen Autoren auf die Leinwand zu übertragen- Ja mehr
noch: Er erweitert die Wonka-Figur um eine zusätzliche Dimension, indem
er ihm einen passenden Background verschatft, den es so in der Vorlage
nicht gab. Die Geschichte um Willys Vater, den gestrengen Zahnarzt, der
von Christopher Lee gewohnt souverän dargestellt wird, mag nicht von
Dahl stammen, aber sie fühlt sich nach Dahl an. Sie schafft einen
tieferen Einblick in die verkorkste Psyche des Schokoladen-Soziopathen
und verleiht dem Ende mehr Tiefe als es in der Vorlage der Fall war.
Fazit: Rundum gelungene Kinounterhaltung die sowohl Kindern als auch
Erwachsenen etwas bietet und mich zuversichtlich auf Burtons
Halloween-Farce "The Corpse Bride" sehen lässt.
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