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    Letztes Lesezeichen: J. Strange & Mr Norell

    Jonathan Strange & Mr. Norrell Weiße Edition

    Susanna Clarkes Debutroman, an dem sie 10 Jahre gearbeitet hat, umfasst in der hier rezensierten englischen Taschenbuchausgabe rund 1000 Seiten, in kleiner Schrift. Er hat mehrere Preise gewonnen, darunter den rennomierten HUGO-Award und den Preis für das beste Erstlingswerk vom angesehenen SF-Literatur-Magazin Locus (und ich werde mir jede naheliegende Pointe verkneifen).

    Erzählt wird die Geschichte zweier Magier, Mr Norrel und Jonathan Strange, die im England des frühen 19 Jahrhunderts die englische Magie, die lange verschollen geglaubt war und die nur noch von theorethischen Magiern diskutiert wird, mit neuem Leben erfüllen wollen. Zunächst zieht es Norrel, der etliche Jahre seines Lebens mit dem Studium der Magie zubrachte und der fast alle Bücher zum Thema aufgekauft hat nach London, wo er sich der Regierung im Kampf gegen Napoleon andient. Er vollbringt einige Zauberkunststücke und nimmt schließlich den magisch aussergewöhnlich talentierten Jonathan Strange als Schüler auf. Gemeinsam wollen sie der englischen Magie zur neuen Blüte verhelfen. Leider haben sie die Rechnung ohne den König des Feen-Reiches gemacht…

    Selten war ich solange zwiegespalten bezügliche eines Buches. Ich wollte es wirklich mögen. Ist es doch unbestreitbar kunstvoll geschrieben, merkt man ihm doch an, daß Frau Clarke einiges an Recherche und Mühe in die Dickensche Sprache gesteckt hat in der sie ihre Story erzählt. Dennoch gab es von Anfang an nie Momente, die mich wirklich gefesselt haben, in denen ich das Buch nicht aus der Hand legen konnte. Ich dachte es liege an mir, das ich zu ungeduldig sei, ich wartete täglich auf den Klick, jenen Moment den es oft in guten Romen gibt, an dem man quasi in das Buch hineinfällt und alles vergisst, weil die Story einen so gefangen nimmt. Nichts passierte.

    War ich die ersten hundert Seiten noch leicht amüsiert vom betulichen Tempo in der die Erzählung (illustriert mit sehr lieblosen, schlecht reproduzierten Kohlezeichnungen) fortschritt und den ausufernden Fußnoten die den Textfluß alllenthalben unterbrechen, so wich diese Belustigung spätestens nach der zweihundersten Seite einer Ernüchterung. Es passiert einfach nichts. Ich hab selten ein Buch gelesen in dem sowenig Handlung auf so vielen Seiten ausgeschmückt wurde. Vermutet man Anfangs noch, daß die Fußnoten eine tiefere Bedeutung haben und für das Verständnis der Geschichte wichtig sind, so realisiert man irgendwann, das sie einfach nur Fußnoten sind. Sie tragen nicht zur Vertiefung der Charaktere bei, noch sind sie notwendig um der dünnen Handlung zu folgen. Es sind lediglich elaborierte Abhandlungen über die Geschichte der englischen Magie, die sehr viel Hintergrundwissen anhäufen das für die Story vollkommen belanglos ist.
    Der zweite Hauptdarsteller Jonathan Strange taucht erst nach einem Viertel des Buches überhaupt auf. Zu diesem Zeitpunkt hat man schon etliche Zeit mit Mr. Norrel verbracht, der wie alle Hauptfiguren reine Hülle ohne Innenwelt ist. Er wird bei seinem ersten Erscheinen als langweilig und nicht sonderlich sympathisch charakterisiert und das wars. Weder bekommen wir Einblicke in seine Gedankenwelt, sein Gefühlsleben noch in das von seinem Schüler und späteren Gegner Strange. Clarke schriebt gerne was Figuren machen, aber sie verweigert jeden Einblick in Motivationen und Innenleben.  Dialoge sind rare Momente in einer Bleiwüste aus Beschreibungen über Beschreibungen von langweilen Begebenheiten. Die Charaktere reden wenig direkt miteinander und wenn dann gerne in Ausrufsätzen.
    Wer die Anzahl an "Oh!"s im Buch zählt käme sicher auf einige hundert. 
    Zu Beginn hoffte ich ja noch, das Frau Clarke irgendeinen genialen Masterplan verfolge, der allen mäandernden Erzählschlenkern irgendwann einen Sinn verleihen würde, aber auch diese Hoffnung wird enttäuscht. Clarke erzählt um zu erzählen. Wie eine geschwätzige Nachberin die vom Stöckchen aufs Hölzchen kommt, türmt sie unwichtige Informationen aufeinander, die reiner Selbstzweck sind.
    Immer wieder fügt sie Figuren in einer Ausführlichkeit ein, die deren Bedeutung in der Geschichte in keiner Weise angemessen ist. Ellenlang wird einem von Reisen und Unternehmungen von Seitencharakteren berichtet, die dann wieder für 300 Seiten verschwinden, nur um dann nochmal kurz am Rande erwähnt zu werden. Einige tauchen auch nie wieder auf und man fragt sich warum man soeben eine weitere langweilige Lebensgeschichte nebst genauer Beschreibung der Wohnungseinrichtung, der Umgebung, dem Architekten des Wohnhauses und dessen Schwester und deren Schlafstörungen erzählt bekam.
    Sprachlich orientiert sich Clarke am Stile von Jane Austen und Charles Dickens, ohne jedoch deren Gespür für lebendige, interessante Charaktere zu besitzen. Auf 1000 Seiten begegnet dem Leser keine wirklich faszinierende oder sympathische Person. Sicher Jonathan Strange ist weniger unsympathisch als Norrel, und graduell weniger Langweilig – aber auch er wird zu keinem Zeitpunkt wirklich lebendig. Die Figuren agieren, sie machen irgendwas und das meist sehr langatmig.
    Clarke versteht es selbst die Schlacht von Waterloo als ermüdend langweiliges Ereignis zu schildern. Noch nie war Magie so uninteressant wie das, was die Zauberer Strange und Norrel abliefern. Es erscheint umso unspektakulärer, da keiner von beiden eine Entwicklung durchmacht an der der Leser teilhat. Ohne große Mühe beherrschen beide Zauberer binnen kurzer Zeit die erstaunlichsten Tricks, können Tote zum Leben erwecken, Geisterschiffe kreieren, ganze Städte auf andere Kontinente versetzen, die Geographie verändern, das Wetter beherschen, Straßen erschaffen. Dies alles geschieht ohne jede Anstrengung, Magie für Steuerbeamte. Man fragt sich, warum die englische Magie für soviele Jahre ausgestorben war, wenn es nur einer Runde Schmökern in alten Büchern braucht um die ergötzlichsten Kunststücke zu beherrschen. Ohne Mühe, ohne Herausforderung die es zu überwinden gilt, werden Figuren aber uninteressant. Wer nur kurz mit dem Arm wedelt und eine ganze Stadt von Europa nach Amerika versetzen kann, ohne das er je Rückschläge oder ernsthafte Schwieriggkeiten erlebt, der wird als Figur kleiner.
    Die Satire auf die englische Geselschaft jener Zeit wird zwar deutlich, aber sie ist einfach nicht sehr lustig oder interessant genug, als das man sich darum kümmern würde. 

    Normalerweise mag ich lange Romane. Ein Autor der es schafft seine eigen Welt zu kreieren, in die man gern zurückkehrt und bei der man hofft, daß das Buch niemals enden möge.  Susanna Clarks Buch schafft dies leider nicht. Immer wieder zwang ich mich es weiterzulesen, weil ich mir einredete das die ganze Erzählung ja auf irgendwas hinauslaufen müsse. Das nicht hunderte und hunderte von Seiten mit Anekdoten und geschichtlichen Exkursen und zwei im Grunde genommen grottenlangweiligen Männern verplempert werden würde, wenn es nicht irgendwo eine geniale Idee gäbe, die plötzlich alles in neuem Lichte erscheinen ließe und den Leser mit einem Aha-Effekt überraschte.
    Noch bei Seite 600 glaubte ich, das ja jetzt allmählich mal die Geschichte losgehen würde, aber ach lieber Leser (um mich mal des Stils des Buches zu bedienen) es passierte einfach nichts. Schon lange sah ich in den Fußnoten keine attraktive Bereicherung mehr sondern öde Pflichtübung.
    Wenn ein Werk jemals nach einem Lektor geschrien und gebettelt hat, dann "Jonathan Strange & Mr Norrel" Das Buch wurde innert zehn Jahren geschrieben und man hat beim Lesen auch das Gefühl, um diese Zeit zu altern. Ein Zettelkasten von Ideen, mit skizzenhaften Figuren und ohne dramaturgische Linie, geschrieben ohne Selbstdisziplin und eine ordnende Hand die den Wildwuchs an Text etwas eindämmt und in Form bringt. Ohne Zweifel könnte man aus dem Buch rund 500 Seiten streichen und es würde ihm sehr gut tun.
    Es wurde irgendwann zur Pflichtübung es auszulesen. Jeden Tag sah ich es wieder daliegen, dieses Buch das nicht enden wollte… und es waren immer noch mindestens hundert Seiten die auf einen warteten. Ein Reviewer sagte: "Susanne Clark ist eine gute Schreiberin, aber eine schlechte Geschichtenerzählerin." und das bringt es gut auf den Punkt. Sie kann mit der Sprache umgehen und liefert eine sehr gelungene Imitation von Charles Dickens ab, der seine Stories bisweilen ja auch sehr ausgedehnt erzählte, was aber auch daran lag das er damals in Zeitschriften publizierte und nach Worten bezahlt wurde. Frau Clarke, die selbst lange Jahre Lektorin war, besitzt leider nicht seinen Humor und sein Gespür für Figuren, aber auch sie schreibt als würde sie nach Kilo bezahlt. Man stelle sich einen sehr gebildeten Hochschulprofessor der in wunderbar geschliffener Form die Beiblätter zum Lohnsteuerjahresausgleich vorliest und man bekommt einen ungefähren Eindruck von dem Problem.

    Warum der sehr geschätzte Neil Gaiman meint, dies sei das wichtigste Fantasy-Werk der letzten 70Jahre, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Ich bin zwar kein großer Freund von Tolkiens Schreibe, aber selbst seine Werke sind nicht so langatmig und unkonzentriert geschrieben.

    Vielleicht liegt der Erfolg des Werkes, wie bei vielen anderen Dingen im Marketing begründet. Wenn man sich einen gewissen Tonfall draufschafft und suggeriert ein Werk sei sehr anspruchsvoll / literarisch / poetisch, dann wird es vom Publikum nicht selten auch als solches aufgenommen, weil die Menschen froh sind, wenn sie etwas verstehen das anspruchsvoll ist. "Die fabelhafte Welt der Amelie" und "Lost in Translation" fallen mir als Beispiele von Filmen ein, die es auch geschafft haben Allgemeinplätze mittels geschickter Vermarktung als originell und anspruchsvoll auszugeben.
    Susanne Clarke könnte ein ähnlicher Erfolg gelungen sein, denn ihre sprachliche Kunstfertigkeit scheint viele Leser und Kritiker über die fehlende Dramaturgie und die im Grunde flache Geschichte und die nichtexistente Charakterzeichnung hinwegzutäuschen. Das abrupte Ende des Buches und die professionell aufgezogen Website deuten darauf hin, daß sie bereits an einer Fortsetzung sitzt.

    Ich hoffe bis dahin vergehen weitere zehn Jahre.

    Von Batz am 9, 2, 2006 um 10:44 in LiteraBatz | 2 Kommentare »

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    2 Kommentare zu “Letztes Lesezeichen: J. Strange & Mr Norell

    1. earlybird Sagt:

      Hier spricht mir jemand aus der Seele – sonst bekomme ich Gewissensbisse Bücher anzufangen und dann nicht zu Ende zu lesen – auch nach 100 anspruchslosen Seiten erfährt somit meist letztlich dem Buch der Gefallen. Bei diesem “Meisterwerk” war das anders. Das Leben ist zu kurz, um schlechte Weine zu trinken, warum sollte es mit Büchern anders sein? Mein Tipp ist “Umtauschen”. Eigentlich schade, die Einbände gibts für dekorative Zwecke gleich in rot-weiß, schwarz-weiss und weiss-schwarz.;-)

    2. Ben Lankuttis Sagt:

      Ich muss ebenfalls zugeben, dass dieses Buch zu lesen, die ersten 100-200 Seiten recht… zäh verlief. Dennoch, ich konnte danach nicht aufhöhren es zu lesen, auch wenn ich das Zitat auf der Deckseite etwas übertrieben finde, ich habe viele Bücher gelesen, es ist zwar gut, aber das wars auch.
      Ich kann jedoch nicht behaupten, dass dieses Buch in irgenteiner Weise sehr Anspruchsvoll ist, nur teilweise kompliziert umschrieben, aber selbst ich, mit meinen 16 Jahren kann es leicht, und ohne Probleme, verstehen. Ich denke der Erfolg des Buches beruht (jedenfalls in meinem Fall) nich auf der guten Vermarktung (ich hatte von dem Buch, bevor ich es im Buchhandel kaufte, noch nie gehört), vielmehr faziniert mich einfach dieses Thema und seine Athmosphäre. Ich denke dies ist der Wahre Grund seines Erfolges. Alle Kritikpunkte die sie ansprachen entsprechen leider der Wahrheit, besonders die Geschichten von Leuten über 20 Seiten, die in dem Buch dann nur einen Satz mit einem der Hauptdarsteller sprechen, und überhaupt keinen Einfluss auf die Handlung des Buches haben, ich freue mich dennnoch auf den zweiten Teil, und hoffe nicht dass es 10 Jahre dauern wird bis er erscheint:)
      Sie müssen sich ja nicht wieder zwingen es zu lesen, es gibt ja noch viele andere Bücher …

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