Vor einem Jahr…
Letztes Lichtspiel: Capote
"I couldn’t have done anything to save them."
"Maybe not, Truman. But the truth is, you didn’t want to."
Originaltitel: Capote
Herstellungsland: USA 2005
Regie: Bennett Miller
Darsteller: Philip Seymour Hoffman Catherine Keener Clifton Collins Jr. Mark Pellegrino Bruce Greenwood Chris Cooper

Eine Zeitungsartikel erregt 1959 die Aufmerksamkeit des Schriftstellers Truman Capote. In einem Kaff irgendwo in Kansas wurde eine vierköpfige Farmer-Familie mit Kopfschüssen brutal umgebracht. Intuitiv spürt Capote, daß hier ein Story für ihn bereit liegt, die nur darauf wartet aufgeschrieben zu werden. Er ruft den Chefredakteuer des New Yorker an und offeriert ihm eine Geschichte darüber, wie solch eine Tragödie eine kleine Gemeinde verändert.
Noch ehe die Täter gefasst sind, macht er sich auf den Weg nach Kansas. Er befragt Freunde der Familie, gewinnt das Vertrauen des ermittelnden Sheriffs, atmet die Stimmung in der Kleinstadt. Begleitet und unterstützt wird er dabei von Harper Lee, der Autorin des späteren Bestsellers "Wer die Nachtigall stört".
Capotes Faszination für den Fall wächst noch, als die mutmaßlichen Killer geschnappt werden, zwei Rumtreiber namens Perry Smith und Dick Hickock. Noch in der Untersuchungshaft erwirbt Truman Smiths Vertrauen. Er beschließt statt einer Story für den New Yorker, einen Tatsachen-Roman aus der Geschichte zu machen. Zu dieser Zeit eine Novität, die erste True-Crime-Geschichte, die ihm später Weltruhm einbringen wird, ein neues Genre kreiert und die amerikanische Literatur bis heute beeinflusst. Capote erzählt von der jahrelangen Recherche für dieses Buch, das "In Cold Blood" heißen wird, erzählt vom ambivalenten Verhältnis zwischen Capote und den Killern, einer seltsamen Freundschaft die Gleichzeitig Verrat war.
Regisseur Bennet Miller und Drehbuchneuling Dan Futtermann gelingt ein kleines Wunder. Aus einer reißerischen Geschichte um Mord, Glamour und einen neurotischen, mit Manirismen behafteten Hauptdarsteller, einen sensiblen, faszinierenden, unvoyeristischen Film zu machen, der sich viel Zeit nimmt und dennoch an keiner Stelle langweilig wirkt. Mag es seinem Hauptdarsteller auch um das "Warum" hinter der Bluttat gehen, die ihn vorgeblich treibt – zu wissen warum vier Menschen vom durchaus sympathischen, sensiblen Perry Smith so bestialisch abgeschlachtet wurden – so hat der Film ein anderes Ziel. Dank des zurecht oscargekrönten Philip Seymor Hoffman, bekommt der Zuschauer ein Gefühl für den Schriftsteller Truman Capote, der mehr und mehr am moralischen Zwiespalt seiner Recherche zerbricht. Er hat sich ein wenig in Perry Smith verliebt, entdeckt bei diesem viele Parallelen zu seinem eigenen Leben und Empfinden, er vernachlässigt seinen Freund der ihn oft genug um Aufmerksamkeit anbettelt. Gleichzeitig weiß er, daß die Geschichte die er erzählen wird mit dem Tod der beiden Killer enden muß. Das es keinen Abschluß geben wird, kein Buch, ehe sie nicht hingerichtet werden.
Er manipuliert Smith, nutzt dessen Vertrauen aus um mehr über ihn zu erfahren und hängt gleichzeitig an ihm. Hoffman ist die Idealbesetzung für dieses Bündel aus Genie, Arroganz, Unsicherheit, Esprit und Hilflosigkeit. Die exaltierten Gesten, die hohe, lispelnde Stimme wirken an keiner Stelle aufgesetzt oder eingeübt. Für die Zeit des Films ist Hoffman Capote.
Unterstützt wird sein differenziertes Spiel von einer ganzen Gruppe hervorragender Schauspieler, die auch die kleineren Rollen mit Leben erfüllen. Neben Clifton Collins Jr. als Perry Smith, überzeugen auch Chris Cooper als Sheriff, der wortkarg, mit verschlossenem Gesicht oft mehr aussagt als jeder Dialog, Catherine Keener als Harper Lee, die Capotes esoterischem Wesen eine erdnahe, nüchterne Weltsicht entgegenstellt und nicht zuletzt Bruce Greenwood als Trumans vernachlässigter Lover Jack Dunphy.
Über rund zwei Stunden wird ein Charakter fasslich, der von außen betrachtet schnell zur Karikatur verkommen könnte. Trumans Obsession mit dem Fall, seine Manipulation desjenigen den er liebt und gleichzeitig ausnutzt, um das Buch zu schreiben das ihn weltberühmt machen wird ihn aber letztlich auch zerstört.
Kameramann Adam Kimmel zeigt diese Geschichte in trüben Farben, kontrastiert weite Totalen in der sich Gebäude und Menschen verlieren, mit extremen Nahaufnahmen Hoffmans, studiert winzigste Mimiknuancen und fängt subtil das Innenleben seiner Figuren ein. Weitab von Kamerasperenzchen und Schnittstakkato wird so ein Psychogram Capotes gezeichnet, das fesselt und berührt. Die Musik von Mychael Danna bleibt unaufgregt im Hintergrund, akzentuiert eher, als das sie manipuliert.
Ein gelungenes Beispiel dafür, daß langsam erzählte Filme keinesfalls immer langweilig sein müssen. Und Elegie und Monotonie nicht Synonym sind.
Mehr Informationen über Truman Capote
Interviewausschnitt des echten Capote aus der Johnny Carson Show
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Von Batz am 10, 3, 2006 um 3:39 in CineBatz | Kommentieren »___________________________________________________________________________
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