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    Du bist Raubkopierer

    Ungeordnete Gedanken zum Thema Urheberrecht.

    raubkopierer

    Noch gestern abend freute ich mich beim Betrachten der letzten DVD-Neuerwerbung mal wieder, wieviel Respekt mir die Industrie doch entgegenbringt.

    Nachdem Start und der Sprachauswahl wurde ich wieder einmal gezwungen mit einen ellenlangen Anti-Raubkopier-Spot anzusehen, der sich weder überspringen noch abbrechen lässt. Gefolgt von einer Minute an Schrifttafel-Belehrungen darüber wo ich die für gutes Geld erstandene DVD alles nicht angucken darf. Gut auf Ölplattformen bin ich selten, aber warum es sich die Rechteverwalter anmaßen den Arbeitern die diesen unerfreulichen Jobs nachgehen zu untersagen am Feierabend zusammen einen Film zu gucken, entzieht sich meinem Verständnis. Es folgten nochmal Copyrighthinweise, Distanzierungen vom Regiekommentar, der nicht die Meinung von Universal wiedergebe, bis nach über 2 Minuten endlich mal das Filmmenue begann. Zwei Minuten die ich statt des Films den ich sehen wollte gezwungen wurde irgendeinen Scheißdreck zu sehen, von dem die Anwälte Universals meinen, daß ich sie sehen muß. Unabbrechbar. Selbst die Stop-Taste der Fernbedienung wird gesperrt für diese Zeit. Dasselbe erwartet auch jene Unglücklichen die vergessen den Abspann rechtzeitig abzubrechen. Dann erscheinen nocheinmal Copyrighthinweise, Bedrohungen und Belehrungen. Nicht nur auf deutsch sondern auch in 18 weietren Sprachen von Hebräisch bis Sanskrit.
    Jedes Restaurant das die Gäste damit begrüsst ihnen vor jedem Essen die Hausordnung komplett vorzulesen, einem dann vorschreibt in welcher Reihenfolge man sein Essen zu verzehren hat um dann mehrmals durchblicken zu lassen, daß man ja bestimmt die Rechnung prellen will und überhaupt ob man mal die Taschen leeren könne und wo man letzten Dienstag gewesen sei, als der Packen Eier aus der Küche verschwunden sei – Jedes Restaurant das sich so etwas rausnähme, wär alsbald seine Gäste los.

    Der Rechteverwaltungs-Lobby ist es allerdings egal was ihre Kundschaft von ihnen denkt. Sie hat vor Jahren beschlossen ihre Klientel vor allem als eins zu sehen: Als Feind . Lief man schon in den 70er mit sehr ähnlich klingenden Argumenten Sturm gegen Musikcasseten, die ja auch schon den Untergang des Abendlandes bedeuteten, so schlug mit aufkommen der CD-Brenner und spätestens mit der Verbreitung des Internets die Haltung endgültig in offene Verachtung um. Heimlich, hatte man die Kundschaft wohl schon immer verachtet, anders ließ sich die Qualität vieler Filme und Musikalben nicht erklären.

    Deutsche wie internationale Rechtssprecher gaben der Industrie über die Jahre auch immer wieder Rückendeckung. Nicht ein Richter der bei Hochrechnungen theoretischer Verluste, die seit seeligen C64-Zeiten jede Raubkopie als Geldwerten Verlust anrechnen, mal seinen gesunden Menschenverstand einschaltete und die Klagenden fragte, ob sie diese Milchmädchenrechnung denn selbst glauben würden.
    Nein. Seit Jahren wird, egal ob Brennerstudie oder Softwareerhebung, jedes Mal aufs Neue die Aussage als Fakt genommen, daß jeder der eine Kopie von einem urherberrechtlich geschützten Produkt besitzt, dieses ansonsten auch gekauft hätte. Was die Aussage, das bei der Durchsuchung von Schüler-PCs tausende illegale PC-Spiele und Musikstücke gefunden wurden ziemlich absurd erscheinen läßt, wenn man eben jenem Schüler im gleichen Atemzug unterstellt er hätte sich jene Dinge ja ansonsten alle gekauft. So üppig fällt nichtmal das Taschengeld von Paris Hilton aus.

    Hinter dieser Haltung steht von Seiten der Industrie vor allem Unverständnis. Unverständnis darüber, wie ihre Kundschaft funktioniert, Unverständnis darüber das die Zeiten in denen ein Inhalte-Vermarkter hundertprozentige Kontrolle darüber hatte wie seine Inhalte genutzt werden lange vorbei sind. Dennoch wird sich an dieses vermeintliche Recht geklammert. Nach Willen der Content-Industrie, die die von ihr vertretenen Künstler selbst sicher nicht immer mit den profitabelsten Verträgen bedenkt, hat der Kunde zu kaufen und das Maul zu halten. Wie, wo und wann er den Content zu nutzen hat, obliegt dem Rechteinhaber zu entscheiden.

    Beim Versuch sich die digital vernetzte Welt nach ihrem Bilde umzuformen, verheddert sich die Industrie denn auch des öfteren in ihrer eigenen Rhetorik. Will man selbst seine mit DRM-Management bis zur nutzlosigkeit geknebelten Produkte an den Mann  bringen, konstruiert man abenteuerliche Aussagen: Der Kunde würde ein Lied ja nicht kaufen, was er kauft ist lediglich das Recht dieses Lied zu hören.
    Wenn dem so ist, daß ein Kunde die Nutzungslizenz für ein Lied erwirbt, warum soll er dann für dasselbe Lied wieder und wieder bezahlen? Mit welchem Recht darf das tausendfach refinanzierte Backprogramm mit jeder neuen Datenträgergeneration dem Kunden erneut in Rechnung gestellt werden? Kann ich mit meinen dutzenden alten Schallplatten zu den Labeln hingehen und sagen: Schaut mal ich hab hier die Nutzungslizenzen für 300 Alben, ich möchte die jetzt in digitaler Form haben, weil ich das Recht den Song zu hören ja schon einmal erworben habe?
    Nein, natürlich ist nicht gedacht das Gedankenkonstrukt des Nutzungsrecht in beide Richtungen auszulegen. Schließlich will man auch noch die Audio-DVD, die HandyklingeltonVersion, die UMTS-Streaming Variante und was auch immer als nächstes Medium erscheint nutzen um den Kunden denselben Inhalt zum 20x Male zu verkaufen. Deswegen wird auch heute noch für ein 30 Jahre altes Beatles-Album ein Vermögen aufgerufen, kosten selbst Liedermacher-CDs aus den 70ern heute noch 17-20 Euro. Ob dieser Preis in irgendeinem Verhältnis zur Leistung steht, darf nicht diskutiert werden. Warum nicht gleich Pay-per-listen.

    Das Kunden Selbstbestimmung darüber wollen wie sie mit den Inhalten umgehen, das sie das Gefühl wollen einen fairen Gegenwert für das zu bekommen und vom Verkäufer geachtet und umworben werden wollen, ist etwas das partout nicht in die Köpfe von Rechteverwaltern geht. Friß oder stirb, entweder du nutzt die Inhalte so wie wir wollen oder gar nicht.
    Viele Beispiele und Auswüchse des Urherberrechts lassen einen nur mit dem Kopf schütteln und erscheinen jedem der halbwegs bei Groschen ist idiotisch, aber das tangiert Rechtssprecher wie Rechteverwalter kaum. In einer Situation in der man sich mit den Leuten die man als Kunden möchte im Krieg befindet, darf es eben keine Zeit geben für rationale Gedanken.

    Dank emsiger Lobbyarbeit, beugt sich die Politik denn auch immer aufs neue brav dem Druck und kriminalisiert  mal eben pauschal über die Hälfte ihres Volkes und räumt den Rechteinhabern nach und nach immer unangemessenere Kompetenzen ein. Von dem Auskunftsrecht an Internetprovider bis zur Aufstellung eigener Ordnungskräfte ist es nur noch ein Gedankensprung. Wenn man schon selbst polizeiliche Ermittlungsarbeiten übernimmt, warum nicht auch gleich noch
    eine eigene schnelle Eingreiftruppe, die die Gerichte entlastet und angemessen Bestrafung selbst übernimmt.
    Demnächst steht dann bei einer Privat-Party nicht mehr die Polizei vor der Tür mit der Bitte etwas leiser zu machen, sondern das Rollkommando der Rechteverwalter, das die laute Musik als illegale öffentliche Auffürhung wertet und mal prophylaktisch die Wohnung zertrümmert. Absurd? Warum sollte wer schon die PCs seiner Kunden mit Backdoorprogrammen verseucht vor handfester Gewalt zurückschrecken.

    Das konstant hohe DVD-Verkäufe beweisen, daß Kunden bei angemessenem Preis/Leistungsverhältnis sehr wohl bereit sind für Inhalte Geld auszugeben, interessiert weder die Justiz noch die Rechteinhaber. Das Zuschauerschwund im Kino auch an der lausigen Qualität vieler Machwerke und technisch lausigen Kinos liegen mag, wird nicht ins Kalkul gezogen. Anstatt daran zu arbeiten die Kunden zufriedener zu machen, ihnen das Gefühl zu geben das man ihnen ihre Wünsche erfüllen möchte, werden sie beständig eingeschüchtert und bedroht.  Ob man nun acht Euro für einen Kinobesuch hinblättert oder 15-20 Euro für eine DVD, der rechtmässige Erwerb schützt einen nicht vor Nachstellung und Gängelung. Das einem der Kassierer nicht noch ins Gesicht spuckt bei jedem Kauf ist wirklich schon das äußerste an Freundlichkeit daß man heute erwarten darf.

    Friß oder stirb, Kunde. Du bist Raubkopierer. Du bist Deutschland.

    Und wer glaubt, das es ja eh nur um Unterhaltung ginge, der täuscht sich. Copyright ist längst ein universelles Thema . Zukünftig wird kein Bereich des Lebens mehr davon ausgespart. Von der Sprache, über Technik, Biologie und Medizin wird es nichts mehr geben, das nicht "intellektuelles Eigentum" irgendeines Konzerns ist.

    In zehn Jahren sind wir sicher soweit, daß Pärchen nach dem ficken eine Abmahnung bekommen, weil sie patentrechtlich geschützte DNA weitergegeben haben.

    Die Diktatur der Zukunft, wird eine Diktatur von Rechteverwaltern sein.

    Von Batz am 23, 3, 2006 um 14:15 in MediaBatzBits, TagesBatz | 3 Kommentare »

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    3 Kommentare zu “Du bist Raubkopierer”

    1. lahnix Sagt:

      Ein großartig geschriebener Artikel. Du triffst mit deinem Artikel die Thematik voll auf den Punkt.
      Gibt es das Bild auch in groß?

    2. Alpha-Hasi Sagt:

      Schöner Artikel!

      Zwei Punkte würde ich ergänzen wollen:

      Zum einen eine Motivation der Musikindustrie, die ich für denkbar halte. Auch dort ist sicher bekannt, dass nicht jede Kopie den realen Verlust von 20 Euro mit sich bringt. Aber wenn nicht mehr “wild” kopiert und damit “wild” geworben wird (die einziger Werbung, die wirklich gut funktioniert, bislang), ist nur noch der Musiker im Fokus, den die Industrie pushen möchte. Käuferströme werden noch gezielter gesteuert. “Hits” noch berechenbarer.

      Der zweite Punkt ist die Kriminalisierung. Dem “Normalbürger” wird kaum etwas passieren, aber Leute, die nicht sonderlich “genehm” sind, und deren Computer man gern mal durchsuchen möchte (z.B. polizei- oder politikkritische Journalisten), werden in Zukunft noch eher und erfolgreicher behelligt. Durchsuchungs”befehle” sind schon zur Zeit in Berlin nicht sonderlich schwer zu bekommen, nur leider musste man bislang die beschlagnamten Computer wieder rausrücken, wenn sich nach einen halben Jahr immer noch keine strafrelevante Propaganda auf den Festplatten gefunden hat. Strafe blieb somit weitestgehend aus, man hat “nur” Adressen gesammelt, Strukturen dokumentiert, journalistische Arbeit vernichtet und nebenbei ggf. Adressen oder studentisches Überleben (Hausarbeiten, Mitschriften etc.) zerstört. Mit solchen Gesetzen wird sich in Zukunft auch immer irgendwie etwas “Verbotenes” finden oder konstruieren lassen. Das schreckt nicht nur vor *lauter* Kritik ab, es gibt auch die Möglichkeit, Leuten eins auszuwischen, denen man eigentlich nichts vorzuwerfen hat.

      Letzteres betrifft übrigens nicht nur “radikale böse Autonome”, sondern auch ganz biedere Journalisten von Stern, Spiegel oder Cicero. Und Blogger werden ja auch so langsam als kritisches Sprachrohr entdeckt…

      [Und nein, ich bin nicht paranoid verfolgungsbewahnt und halte das auch nicht für eine *Motivation* dieser Gesetzgebung, aber ich halte es für eine nichtbeachtete *zwingende* Folge.]

    3. BatzLog - Noch etwas Salz? » Menschenhandel 2.0 Sagt:

      [...] Jetzt mögen erfahrene Mitmenschen lächeln und sagen, das sowas alltäglich sei und völlig normal. Das mag sein. Ich behaupte nicht, daß diese Vorgehensweisen eine Ausnahme ist oder besonders spektakulär. Vielmehr empfinde ich sie als typisch für die völlige Erosion, den fehlenden Anstand und Respekt der von Arbeitgeberseite den zu Beschäftigenden entgegengebracht wird. Friß oder stirb. Vielleicht ist er Verklärung aber irgendwann gab es mal eine Loyalität, die nicht völlig einseitig war. Die neben dem Business auch die Menschen anerkannte.  Welche Loyalität, welches Engagement und welche Identifikation erwartet sich eine Wirtschaft die viel zu oft nur noch ihre Verachtung für die Arbeiter ausdrückt. Hmmmm. Irgendwie kommt mir das bekannt vor .  Arbeitgeber und Rechteverwalter scheinen eine ähnliche Denkrichtung zu verfolgen.  "…für euch sind Menschen nur noch Dornen im Profit… " [...]

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