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    Gorilla-Markt

    Ungeordnete Gedanken zum Thema Mimikri-Marketing

    (und ich werde keinen Scherz bringen der was mit "zum Affen machen" zu tun hat)

    Gestern lief in 3Sat mal wieder ein Bericht über "Guerilla-Marketing", also Aktionen zum Teil im legalen Graubereich, in denen Firmen für ihre Produkte werben. Was mit Edgar-Werbepostkarten in den Kneipen begann, hat sich längst zu einer veritablen Industrie entwickelt. Warben frühe rhauptsächlich Organisationen wie Greenpeace mit subversiven Aktionen, jenseits des erlaubten, so wird einem heute auch die trendige Sportklamotte mit Partisanentaktik  nähergebracht. Ob nun für Filme ungefragt Logos auf Bürgersteige gesprüht werden, Politikern bei Interviews Frischkäsebaguettes hingehalten werden, eine Uhrenfirma nachts ihre Chronographen übergroß auf Häuserwände projezieren lässt, im Netz Spots von explodierenden Autos lanciert werden oder Websites und Musikvermarkler in Blogs als Kunden getarnt Empfehlungen abgeben, Zeitschriftenhansel Blogkommentare zuspammen: Guerilla-Marketing ist in.

    Frech soll es ein und ungewöhnlich. Ein bißchen mit der Legalität spielen und dem Verblüffungseffekt. Witzig, das ganze. Den Kunden quasi überrumpeln, eh man sie dann dazu bringt sprechende Flaschenöffner zu kaufen. Die Werber lieben Guerilla-Marketing. Bzw Sie lieben es darüber zu reden. Weil es eben so hip ist, oder um in der gefühlten Diktion ihrer Auftraggeber zu bleiben "töfte". Nicht das "hip" nicht auch ein Begriff ist dessen Haltbarkeit kurz nach dem Ableben von "oberaffengeil" deutlich überschritten schien.  

    Grad haben sich die Gorillas wieder getroffen. Anfang Juni in Köln, zur 3. Tagung um sich gegenseitig Raffinesse und Innovativität zu attestieren. Große Firmen sind mittlerweile dabei von Nike bis BMW und auch die großen Werbeagenturen, wollen den kleinen Marketingpiraten nicht mehr alleine das Feld überlassen. Allüberall wird getüftelt wie subversiv man Öffentlichkeit erzeugen kann. Das klappt mal besser mal schlechter. Wenn Brausehersteller Blogger vor den PR-Karren spannen wollen, ist das sowohl durchsichtig als auch langweilig und wird schnell als Vehikel erkannt. Wenn Plattenfirmen für ihre Künstler mySpace-Profile anlegen, mag das zumindest ihre Zielgruppe erreichen.

    Man mag zu dieser Art der Werbung stehen wie man will. Mit ihrer zunehmenden Verbreitung, nimmt nicht nur ihre Originalität ab, es stellt sich vor allem eine Frage: Wie rechtfertigt eine Firma Guerilla-Marketing-Aktionen und ihren Flirt mit dem Illegalen, wenn sie gleichzeitig an allen Fronten ihre vermeintlichen (Marken)-Rechte mit Klauen, Zähnen und vor allem Anwälten schützt und alles verklagt und abmahnt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.
    Sorry Leute, aber eure Kumpel-Attitüde von wegen "Haha wir sind ein paar wilde, kreative Outlaws, die euch nur ganz zufällig was verkaufen wollen" diskreditiert sich mit jeder Abmahnung wie der gegen Nerdcore oder YouTube'er mehr.  Wer die Kunden einerseits mit "frechen" Aktionen von hinten durch die Brust ins Auge erwischen will, sollte realisieren, daß er sich lächerlich macht, will er den Gorilla am Gängelband der eigenen Dompteure halten.

    Solange man aber glaubt, man kann alle Bewegungen immer für die eigenen Zwecke einspannen und seine Kapitalismus 1.0 Regeln darauf anwenden, die stets besagt daß es eine klare Trennung zwischen Sender und Empfänger gibt und die Hoheitsgewalt über den (Werbe)Content immer alleinig beim Hersteller liegt, der beweist einfach wie wenig er begriffen hat. Es reicht nicht sich der vermeintlichen Syntax einer Kultur anzunähern und zu glauben man könne sie damit für seine Zwecke instrumentalisieren und ausbeuten. Guerilla-Marketing ist im Grunde der falsche Begriff, denn der Versuch mit der Imitation von etwas Beute zu schlagen wird gemeinhin als Mimikri bezeichnet. Wo bleiben also die Artikel zu Mimikri-Marketing?

    Als Zeichen von Coolness und "innovativität" ein paar scheinbar trendige Attribute der Jugendkultur aufzugreifen um weiterhin seine konservative Agenda zu verkaufen, wird nicht klappen.  Wer einerseits mit semi-legalen Aktionen wirbt um "frech" zu wirken, der darf nicht auf der anderen Seite den legalen Vorschlaghammer rausholen, wenn jemand sein Produkt vermasht, sein Logo zitiert. Die Devise "Wir diktieren wer was wann und wie mit unserem Produkt anstellt" die festgemeisselt in den Köpfen aller Konzernrechtsabteilungen steht, wird nicht funktionieren. Wer mit den Mitteln und in der oberflächlichen Syntax der Netzkultur diese aushebeln will, weil er sie einfach nicht begriffen hat, dermuß sich nicht wundern, wenn er gegen die Wand läuft. Scheißegal wie Trendy und töfte sie Macher von Musicload und anderen Downloadseiten glauben, daß ihre Werbung ist, solange sie ihre Produkte mit DRM in Ketten legen und an jeder Stelle die Kundenverachtung durchscheinen lassen, müssen sie sich nicht wundern, wenn sie keinen nennenswerten Marktanteil erreichen.

    Wenn IFPI und Konsorten mit nachgrade lächerlichen Auflagen die Nutzung von geschützter Musik in Podcasts, Mashs oder Funvideos  unterbinden, müssen Sie sich nicht wundern, wenn die so so zwangskriminalisierten Kunden alleine schon aus Protest aufhören ihre Werke zu kaufen. Schon jetzt hat die Rechteverwaltungsindustrie bei ihrer Klientel einen Image das nur wenig über dem von Kinderschändern liegt und das ist tragisch. Denn der Verkauf von Musik und Musiker war schon immer eine Imagefrage, die eine gefühlte Nähe zum Kunden bedingt hat. Wer die Revolution verkaufen will, kann sich das Wort nicht patentieren lassen. Aber sag das mal einem Anwalt.

    Ob nun mit oder ohne Mimikri, Parzisanen und Gorillas, die Werbung hat zunehmend ein Glaubwürdigkeitsproblem, denn die offenkundige Diskrepanz zwischen Worten und Taten klafft weit auseinander.

    Aber das ist ja eigentlich nichts neues: Erinnert sich noch jemand an "Welcome to the end of the computer-age.. ."- das die Industrie schon in den frühen 90ern  ausgerufen hat?

    Von Batz am 18, 6, 2006 um 18:14 in MediaBatzBits | Kommentieren »

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