Vor einem Jahr…
Großer Bahnhof
Über einen Kommentar vom Nuff (DerNuff, nicht DasNuff) bin ich auf einen schönen Artikel zum neuen Berliner Hauptbahnhof gestoßen. Der ist bei Brandeins erschienen, geschrieben wurde er von Peter Lau:
"Der Mensch ist der natürliche Feind des Plans. Und das gilt nicht nur für den Sozialismus. Man kann das gut im neuen BerlinerHauptbahnhof sehen: Geht man die langen Galerien entlang, vorbei an den immer gleichen Läden, und sieht hinauf zu dem sichüber den Köpfen wölbenden Glasdach oder hinab, auf weitereendlose Gänge entlang weiterer Geschäfte, auf die zwischen den Ebenen dahinziehenden Rolltreppen, die schnittigen Züge auf denglänzenden Schienen, die silbern in den Himmel schießenden Fahrstühle, und lässt schließlich die extremen Perspektiven hinterdem Gewimmel der Details auf sich wirken, könnte man denken:Das ist die neue Reichskanzlei. Jetzt mit Gleisanschluss und Spätkauf. Ein Triumph des Willens zum Stahlbad. Schade, dass derFührer das nicht mehr erleben kann. Dem hätte das gefallen. Undder hat doch immer so lange gearbeitet. Jetzt könnte er sich nachts noch eine Wurst holen. Oder Enthaarungscreme.
Dabei ist das neue Wahrzeichen des neuen Berlins durchaus modern, man kann sich gut vorstellen, wie es am Computer geplant und danach in Computersimulationen wieder und wiederbetrachtet und analysiert wurde. Wir kennen diese virtuellen Touren: majestätische Fahrten durch Räume voll weichem Licht,die Wände sanft pulsierend, und dann steigt die Kamera hinauf,hinauf in den Himmel. So etwas sieht natürlich nur bei einem prächtigen Bau gut aus. Eine Reihe dezentraler, kleiner Bahnhöfewäre für den Verkehr vielleicht ebenso gut gewesen, wenn nichtbesser. Und billiger. Aber wer die Wahl hat zwischen der Simulation einer Hütte und eines Schlosses, wählt natürlich das Schloss.Schließlich fragt auch keiner: Wie willst du das heizen?Aber genau das ist das Problem mit der Simulation: Sie ist unvollständig. Und ich meine nicht bloß Details, die immer fehlen– im Berliner Hauptbahnhof gehörten dazu Briefkästen, Fahrradständer,Schließfächer und Anzeigetafeln. Nein, ich meine etwas viel Wichtigeres: kleine, zerknautschte, schlecht informierte,unwillige, müde, gelangweilte, hektische, unsichere, traurige,verärgerte, hilflose, ängstliche, tragische Menschen. Keine hoch gewachsenen, elegant gepixelten Figuren, die sich geschmeidigdurch ebenso geschmeidige Computergrafiken bewegen, sondernechte Menschen, aus Fleisch und Blut, Tränen, Glück und Hoffnung, anfällige Bio-Einheiten, die von hauchdünnen Zellmembranenund unendlich verletzbaren Nervenbahnen zusammengehaltenwerden. Wesen, die Briefkästen, Fahrradständer, Schließfächer und Anzeigetafeln brauchen. Wir alle.
Das ist an sich nichts Neues. Orte der Macht wie Kathedralenoder Paläste wurden zwar schon immer für die Massen gemacht, aber nicht damit die sie bevölkern, sich darin einrichten oder garin ihnen wohl fühlen, sondern im Gegenteil, als Symbole der Trennung: ihr da unten, die ihr das bestaunt, und wir, die wir es erbaut haben."
Den ganzen Artikel gibts HIER zu lesen.
Von Batz am 1, 7, 2006 um 0:34 in MediaBatzBits | 1 Kommentar »___________________________________________________________________________
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Ein Kommentar zu “Großer Bahnhof”
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01. Juli 2006 at 11:06
Der Mensch ist immer das, woran ein Konzept scheitert.