Vor einem Jahr…
Letztes Lichtspiel: Snakes on a plane
“You won’t believe what a man can do just with one hand”

AIRPORT 2006 – Luftschlangen
Originaltitel: Snakes on a Plane
Herstellungsland: USA 2006
Regie: David R. Ellis
Darsteller: Samuel L. Jackson, Byron Lawson, Nathan Phillips, Flex Alexander
Um zu verhindern, daß der junge Surfer Sean Jones (Nathan Phillipps) als Kronzeuge gegen ihn aussagt, läßt Gangsterboss Eddie Kim ein paar durch Pheronmonbesprühung beißwütig gemachte Giftschlangen an Bord des Flugzeuges schmuggeln, das Jones von Hawaii nach Amerika fliegen soll. Kurz nach dem Start beginnen die Schlangen Amok zu beißen und die Passagiere unter Führung des FBI-Mannes Neville Flynn (Samuel L. Jackson) kämpfen um ihr Überleben.
Nun, das war doch mal eine feine, knappe Zusammenfassung. Es ist ja selten, daß einem Film heute, abgesehen vom offiziellen PR-Sperrfeuer, noch solch ein Hype vorausgeht. Das in einer Pressevorführung Leute neben einem sitzen, die laut den Trailer zitieren und deutlich machen, daß dieser Film ja wohl der geilste Überknaller seit der Erfindung von Tischfeuerwerk sein muß.
Beim dritten Mal nutzte sich dann auch das “I’ve had it with these mother fucking snakes on this mother fucking plane!“-Zitat ganz gewaltig ab. Auch wenn es zugegeben ein sehr prophetisches ist, das ich insgesamt auch unterschreiben würde.
Aber der Reihe nach. Es ist fast unmöglich etwas über “Snakes on a plane” zu schreiben, ohne den Internet-Buzz zu erwähnen, der sich entweder geschickt lanciert oder aber tatsächlich selbständig in der Netzgemeinde aufbaute und dazu führte, dass nur auf Grund des Titels und der Prämisse Spekulationen ins Kraut schossen, Parodien gedreht wurden und sich die Fans in Foren die Köpfe wund redeten, wie dieser Film wohl wird. Wie sie es umsetzen, was für Gags gebracht würden und das Samuel L. Jackson ja generell ein supercooler Hund sei, der alleine dafür sorgen würde, daß der Film trashig-megahammermässig knallt.
Alleine der Titel. Dazu gehört Chuzpe, die heutzutage selten zu finden ist. Ein derartig deskriptiven B-Filmhorror-Titel zu benutzen, das ist selten geworden seit “Angriff der Todesspinnen” oder “Der Würfer von Boston“. Schlangen im Flugzeug. Wer sich traut seinen Film so zu nennen, der ist zu allem fähig dachte man sich.
Dass David R. Ellis, ehemaliger Second Unit-Director von Actionfilmen und Regisseur des wunderbar-splatterig und trash-witzigen Final Destination 2, den Film drehen sollte, war ein weiteres gutes Omen. So wuchsen die Erwartungen, das Studio bekam davon Wind und tat ausnahmsweise mal das Richtige. Anstatt Seitenbetreiber abzumahnen oder sonstwie rumzuzicken, beschloss man, die Fanaktiviäten in die Arme zu schließen und zum Teil der Werbestrategie zu machen.
Gezielt wurden Fanblogs angefüttert und der Kult ordentlich angeheizt. Die Pressemappen widmen sich ausführlich dem Internetphänomen rund um die Luftschlangen (was ja mein Vorschlag für einen deutschen Titel gewesen wäre, aber darauf hört natürlich wieder keiner).
Schwierig ist es nun, diesen Film zu bewerten, der mit so viel Erwartungen aufgeladen wurde. Es wäre leicht zu sagen: Dem Hype kann der Film ja nicht gerecht werden, man muß ihn objektiv sehen. Andererseits versuchte man von Seiten der Macher ja unbedingt, den Fanerwartungen zu genügen und drehte nach Studium der Fansites und Foren noch einige Sex- und Gewaltszenen nach, um den R-Rated-Anspruch auf überdrehten Megatrash einzulösen, den der Titel versprach.
Das ist ihnen leider nicht gelungen, wie ich finde. Für einen Film der immerhin ca. $35 Mio. gekostet hat, wirkt er über weite Strecken doch relativ billig. Das ist schade, denn er fängt mit ganz schicken Bildern an. Einem Hubschrauber-Schuß von Hawaii, bei dem die Kamera sich langsam dem Motorrad von Sean Jobes nähert, mit dem wir dann erleben, wie er den Mord an einem US-Staatsanwalt beobachtet und somit zum Auslöser des ganzen Schlamassels wird.
Leider bleiben die Bilder nach dieser Eröffnung relativ klein und bieten wenige echte Kinomomente. Für einen erfahrenen Second-Unit-Regisseur ist es auch verwunderlich, wie wenig dynamisch und wie schlecht getimed die Action-Momente des Films sind. Die Schlangen springen meist wenig überraschend ins Bild, die Kamera wackelt und alles krabbelt durcheinander, ohne das man einen wirklichen Fokus hätte. Fast als habe man den leuten gesagt, sie sollen einfach mal wild zappeln und tun als würden sie angegriffen, anstatt für Schauspieler und Kamera eine Choreographie einzuüben.
Die Bilder und die maue Action sind allerdings nicht das Hauptproblem des Films. Das ist wohl die Tatsache, daß der Titel den Inhalt nicht nur ausführlich beschreibt, sondern auch die beste Idee des ganzen Streifens ist.
“Snakes on a plane” – das klingt abgefahren, nach grandiosem Trash, wie man ihn in den 60er-70ern gedreht hat. Kingdom of the Spiders, Frogs, Slugs und Horrorameisen.
Filme die von klischeehaften Figuren leben, die jeden Moment B-Film-Charme atmen, die sich nicht ernst nehmen und guten ehrlich-albernen Spaß mit zum Teil derben Splatter verbinden.
In den letzten Jahren bewiesen Mid-Budget-Filme wie “The Relic“, “Arac Attack” und “Octalus – Deep Rising“, daß bewusster B-Trash auch heute noch wunderbar funktionieren kann, wenn die Macher sich nur bewußt sind, was sie da tun.
Und da liegt glaube ich das Problem des Films. Der ganze Streifen macht einfach nicht den Eindruck, als wäre er von vornherein als augenzwinkernder Spaß konzipiert gewesen. Er wirkt generell nur selten wie ein Film, der sich seiner Cheesigkeit bewußt ist.
Viel eher erfüllt er Genre-Konventionen die man aus dem Katastrophenfilm-Genre kennt, dessen Schnittmusterbogen (den ich im Poseidon-Review näher ausgeührt habe) er fast Punkt für Punkt erfüllt. Wie in einem klassischen Airport-Film bekommen wir Einzelgrüppchen vorgestellt, deren Privatzickereien wir erdulden müssen, ehe die Schlangen sich endlich dazu entschließen, loszulegen.
Da ist die blonde Blöd-Trulla mit großem Charakter und ihrem Schoßpinscher, der snobbigen Rap-Star mit seinen debilen Homie-Bodyguards. Die allein-reisenden Brüder, die ältliche Stewardess kurz vor der Rente, der schwule Steward (der dann *haha* doch nicht schwul ist), die toughe Stewardess, das notgeile Pärchen, der Arschloch-Passagier, die Mutter mit Baby – kurz die typische Besetzung eines Airport-Filmes.
Das bedeutet auch, dass es keinen wirklich klaren Helden gibt, sondern die Erzählung immer zwischen Einzelfiguren hin und herspringt, was in der ersten Hälfte dazu führt, daß Samuel L. Jackson auch mal für ne Weile ganz verschwindet und wir anekdotenhaft mal hier, mal dort etwas gezeigt bekommen, hauptsächlich langweiliges Geschnatter, das einem so auf den Nerv fällt, daß man betet die Schlangen mögen endlich loslegen.
Wenn sie dann tun, wird es alleridings nicht wirklich besser. Es fehlen Schockmomente, echte Spannung und wirklich interessante Charaktere und es gibt wenig wirklich gute Oneliner und Action-Momente. Wer sich nach dem tollen vielzitierten Motherfucker-Spruch aus der Werbung freute mehr in dieser Richtung zu hören, muß bald feststellen, daß der Film nicht grade eine Fundgruppe witziger Zitate ist.
Jackson macht souverän Dienst nach Vorschrift, spielt den eisenharten Bad-Nigger mit dem man sich nicht anlegen sollte und bleibt dabei erstaunlicherweise relativ profillos. Er hätte seine Rolle auch durchtelefonieren können, so unspektakulär schlängelt er sich durch den Film. Er ist kein cooler Actionheld, er ist nur ein Ensemblemitglied in einem Airport-Film.
Nach dem zweiten Akt hatte ich endgültig den Eindruck, daß die Macher ursprünglich nicht vorhatten, einen Trashfilm zu drehen, sondern einen ernsthaften Katastrophenfilm. Schlimmer noch, dass sie selbst den Titel, der für den ganzen Hype verantwortlich war, ursprünglich ernst meinten. Dass sie nicht begriffen haben, dass man so einen Film nicht ernsthaft erzählen kann, ohne dass es lächerlich wird. Dass sie erst durch die Internet-Aktionen der Fans darauf aufmerksam wurden und dann hastig versuchten, das ganze schnell durch ein paar Nachdrehs noch etwas überkandidelter und trashiger werden zu lassen.
Das führt dazu, dass ganze Szenen plötzlich ziemlich aufgesetzt wirken in der ansonsten sehr konventionellen und eher zahmen Inszenierung. Plötzlich verzieht sich ein Pärchen aufs Klo und wird dort beim Ficken von Schlangen gemeuchelt, einen anderen Passagier erwischt es beim Pinkeln im Stehen, als ihm eine Schlang in den Schwanz beißt, eine hawaiinische dicke Frau wird ins Auge gebissen, ein Passagier beim Sturz von einer Treppe gepfählt usw.
Alle diese extrem unrealistischen Momente zeichnen sich dadurch aus, daß sie wenig mit der eigentlich Handlung zu tun haben und ein bißchen wie Kai aus der Kiste kommen. Als hätte die Marketing-Abteilung dem Regisseur gesagt: „Hey, die Leute erwarten mehr geschmacklose Gewalt, mach noch was echt schräges, hartes! Dreh einfach noch ein paar Schlangen-Gags und bau die über’n Film verteilt ein.“ Vermutlich, ist es auch genauso gelaufen.
“Snakes” fehlt über weite Strecken einfach die nötige Größe, um wirkliche B-Film-Action zu sein. Er dümpelt zu lange in Soapmomenten herum, die Action ist inkonsequent und gruselig ist es natürlich gar nicht. Dafür, dass sich der Film doch streckenweise recht ernst nimmt, ist er einfach nicht spannend genug.
Zwar wird im Pressematerial und der Werbung sehr viel Mühe darauf verwendet, die einzelnen Schlangenarten vorzustellen, aber wer damit rechnet, daß dies irgendeine dramaturgische Bedeutung hätte (wie beispielsweise die Vorstellung der verschiedenen Spinnenarten am Anfang von Arac Attack), der sieht sich getäuscht.
Bis auf die Boa reagieren nämlich alle Schlangen ziemlich gleich, sie schlängeln herum und beissen ihre Opfer, vorzugsweise an besonders unangenehmen Stellen. Wobei einige der extremeren Attacken auch so wirken, als wäre erst in der Postproduktion entschieden worden, daß sie noch etwas ausgefallener und härter aussehen sollten, weshalb man sie dann digital noch etwas auf”jazzte”.
Da es dem Ganzen durchweg an trashigem Charme mangelt, fallen dann auch die komplett aus dem Rechner stammenden Schlangen eher negativ auf. Sie sehen an keiner Stelle wirklich realistisch aus, was verzeihlicher wäre, wenn sie dafür einen eigenen Charakter hätten, wenn die Unterschiede zwischen ihnen deutlicher würden, wenn sie echte Antagonisten der Helden wären.
Aber sie sind halt nur Schlangen. Irgendwelche bunte Luftschlangen, die planlos Leute beißen. Zwar werden Szenen aus Filmen wie Gremlins zitiert, aber als Bedrohung werden die Viecher nie so interessant, wie ihre Artgenossen in anderen Filmen.
Das mag auch dran liegen, daß ich Schlangen nie als wirklich furchteinflössende Tiere wahrgenommen habe. Spinnen sind creepy, überhaupt alles was mehr als vier Beine hat finde ich ziemlich unheimlich.
Aber Schlangen… hmm. Klar sie sind gefährlich, aber das sind Autos auch. Man hätte sich einfach mehr anstrengen müssen, um sie zu einem echten Gegner zu machen. Eine Oberschlange, die von allen die verschlagenste und giftigste ist, hätte dem Showdown vielleicht auch ganz gut getan, aber leider ist der Film fast Showdown frei. Ein kleiner harmloser Spaziergang zum Sicherungskasten, bewaffnet mit einem improvisierten Flammewerfer, ist schon das heroischste was Jackson-Figur absolvieren muß.
Es gibt nie wirklich ausweglose Situationen, alle Personen sind im Rahmen der Möglichkeiten nett und kooperativ, wenn mal einem die Nerven durchgehen entschuldigt er sich in der nächsten Szene gleich wieder… mit einem Wort: LANGWEILIG.
Der eigentliche Kronzeuge spielt genau wie Sam Jackson im ganzen Film nur eine erweiterte Nebenrolle, weder muß einer über sich hinauswachsen um die anderen zu retten, noch sich irgendwelchen Ängsten stellen oder etwas wirklich anstrengendes machen. Und wirkliche Chemie, die das ganze auf Buddy-Movie-Niveau heben soll, konnte ich auch nicht feststellen. Wenn Jackson am Ende mit seinem Kronzeugen surfen geht, fragt man sich was die beiden plötzlich zu besten Freunden werden lässt.
Die interessanteste Figuren, über die ich gerne mehr erfahren hätte, waren für mich die toughe Stewardess und der Co-Pilot sowie die kurz vor der Pensionierung stehende Stewardess, aber auch sie hatten zuwenig wirklich gute Szenen. Im Endeffekt wird vieles nur angerissen, wirkt die Story unfokussiert, fahrig und ohne rechte Linie erzählt. Es gibts einfach zu viele Grüppchen und Einzelschicksale und zuwenig Konzentration auf Jackson als Helden.
Man stelle sich Stirb langsam vor, und die Kamera bleibt statt bei McLane auf den Partygästen, die uns mit ihrem Privatkram nerven, derweil verpassen wir, wie Bruce Willis “Yippi-yay-Yeah, Motherfucker”-rufend vom Haus springt.
Es mag müssig sein, in einem Film mit diesem Titel auf Logik zu pochen, aber dennoch hätte ich gerne gewusst, woher Jackson a) wußte, wo der Kronzeuge wohnt und b) wußte, dass dieser den Mord beobachtet hat – wenn dieser niemandem davon erzählt hat. Und c) warum die Rettung durch Jackson so absolut langweilig und unspektakulär war, wo sich doch grade zu Beginn des Films eine schöne Actionszene und Verfolgungsjagd angeboten hätte, die Jacksons Charakter etabliert und als coolen Typen vorgestellt hätte. Statt dessen gibts einen müden Schusswechsel und fertig. Bei einem wirklich packenden No-Brainer wie “Charlies Angels” fängt man gar nicht an über Logik nachzudenken, weil er viel zu rasant ist und über die volle Spielzeit erfrischend unrealistische Comic-Unterhaltung liefert. Nur bei mittelmässigen Filmen, fang ich an spitzfindig zu werden. Und Mittelmäßig beschreibt dieses Schlangenvehikel ziemlich gut.
Ein Kritiker von Entertainmenbt Weekly schrieb: “Yet what, exactly, is the joke? If this cornball exploitation disaster movie had been called Anaconda 3: Flight of Fear (or, as was once planned, Pacific Air 121), we could all stop pretending that there was something exotically tacky about it.” und trifft wohl den Nagel auf den Kopf.
Das mich Snakes am Ende gelangweilt hat und auf mich wie ein halbgarer, krampfhaft auf Trash getrimmter Flickenteppich wirkt ist schade, denn man hatte wirklich die Chance einen guten, charmanten Genrefilm zu drehen. Aber dazu hätte man den Machern wohl vorher erklären müssen, was an ihrem Titel der Witz ist.
Die bisherigen Kritikerstimmen und die eher traurigen Einspielergebnisse des Films deuten darauf hin, daß das Prinzip “Internet-Bohai” auch nur dann trägt, wenn der Film die Erwartungen wenigstens teilweise einlösen kann. So aber bleibt das Fazit, daß ich auf diese Luftschlangen auch verzichten kann und die alte Popweisheit nach wie vor ihre Gültigkeit hat: Don’t believe the… Ach, ihr wißt schon.
Meine euphorisierten Mitkritiker, waren nach Ende des Films auch wesentlich leiser. Beim Rausgehen wurden keine Zitate mehr gerufen. Vielleicht war ihnen zwischenduch wieder eingefallen, daß Mr. Cool “Samuel L. Jackson” auch schon in anderen Gurken mitgewirkt hat. Deep Blue, XXX, S.W.A.T., Star Wars Episode I-III oder Shaft.
Dazu die Erkenntnis: Auch ein cooler Motherfucker braucht letztlich ein gutes Drehbuch. So schnell kann Ernüchterung gehen.
PS: Das die von Warner in der Werbung empfohlene Website, die mögliche Überraschungsenden des Films prognostiziert, mit Ideen aufwartet, die allesamt besser sind als das eigentliche Ende des Films, sei nur eine nette Randbemerkung.
Von Batz am 21, 8, 2006 um 23:42 in CineBatz | Kommentieren »___________________________________________________________________________
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