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    Berlinbesucher

    Wenn man schon einige Jahre hier lebt, vergißt man bisweilen wie diese Stadt auf Leute wirkt, die hier nur zu Besuch sind. Die sich nicht auskennen und die sich noch nicht an die städtebaulichen Absurditäten gewöhnt haben die unsere Hauptstadt ausmachen.

    Sören von Hyperfunction war für einige Tage in Berlin und hat seine Eindrücke in seinem Blog festgehalten. Das ist zum einen sehr drollig formuliert. Zum anderen sehr treffend.

    Auszüge:

    "Im neuen Hauptbahnhof komme ich mir unter dem gigantomanischen, verkreuzt vergitterten Glasdach vor wie eine holländische Strauchtomate im Gewächshaus.
    Und dann frage ich mich, wo ich eigentlich bin. Der "Ausgang" des Bahnhofes führt mich – direkt ins Nichts. Ein bisschen Geröll, Gras, ein paar Autos, und hinter einem Hügel das Kanzleramt, das so elegant in die Landschaft gebolzt wirkt, wie ein abgestürzter Jumbojet."

    "Wenn man vom Brandenburger Tor aus Richtung Spree geht, und am Bundestag nicht links abbiegt sondern weiter gerade aus geht, läuft man direkt auf das sogenannte Lüders-Haus zu, das einem mit einer gigantischen Sinnlosigkeit den Atem raubt. Man steht da, auf der anderen Seite der Spree, und schaut auf die "Waschmaschine". Treffender hätte der Name nicht sein können. Dreht man sich nach links, wandert das Auge kilometerweit, so scheint es, an grauem Waschbeton entlang, der irgendwann am anderen Ende der baumbestandenen Einöde im Kanzleramt endet. Der politische Wahnsinn nimmt Gestalt an in diesen ganz eindeutig viel zu großen und viel zu kalten Klötzen. Wer ein wenig aufmerksam ist, entdeckt die Kamerapaare, die an jeder Wand, an jeder Ecke, in jeder Fuge lauern und mit 5fach Zoom hinter einem herwandern. Ich gehe weiter Richtung Kanzleramt, den Bundestag im Rücken. Und ich fühle mich wie im Zoo, nur dass ich nicht weiß, auf welcher Seite des Käfigs ich stehe; ob ich Beobachter bin oder beobachtet werde."


    Hier könnt ihr Teil 1 , Teil 2.1 und Teil 2.2 seiner Beobachtungen lesen.

    Man muß länger in dieser Stadt wohnen, damit man ihren sehr eigenen Charme wirklich schätzen lernt.  Als ich herzog fiel mir zunächst auch erstmal auf, wieviele wirklich erschreckend hässliche Bauwerke es hier gibt, die scheinbar ohne Sinn und Verstand in die Gegend gekotzt wurden. Selbst Architektureentwürfe die für sich genommen ganz schick sind, wurden, wie am Potsdamer Platz ohne jedes Gefühl zusammengewürfelt. Stets scheint in Berlin eine gewisse "Mal gucken"-Mentalität vorzuherrschen, bei allem was Städteplanung ist.

    Aber dennoch fällt es schwer die Stadt in all ihrer unfertigen chaotischen Imperfektion nicht doch ins Herz zu schließen. Das liegt vor allem auch an einer Gelassenheit und Unverkrampftheit, die man hier spüren kann.
    Berliner sind nicht auf Anhieb die freundlichsten Zeitgenossen, aber dennoch bietet die Stadt eine Freiheit und souveräne Größe, die ich in einem eskalierten Millionärsdorf wie Hamburg schmerzlich vermisst habe.
    Als ich nach Hambur zog, fragte mich jeder Zweite den ich dort kennenlernte, wie es denn so sei in einer "Weltstadt" zu leben. Damals lernte ich dieses Wort hassen und bin noch heute davon überzeugt, daß keine echte Weltstadt es nötig hat sich permanent selbst auf die Schulter zu klopfen und zu bescheinigen, das sie wichtig wichtig sind.

    Berliner würden sowas nie sagen. Berliner wissen das sie wichtig sind, es besteht kein Grund damit hausieren zu gehen. Zudem fühlen sich Berliner eher als Kreuzberger, Prenzelberger, Grunewalder oder Schöneberger. Wenn es Patriotismus gibt ist es eher eine harmlose und kauzige Variante des Stadtteilpatriotismus.

    Als Berliner lernt man mit dem Chaos dieser Stadt zu leben. Mit dem gewöhnungsbedürften ÖPNV der manchmal so gut funktioniert um dann wieder völlig zu versagen. Mit unkoordinierten Baustellen, Strassenirren, Tourihorden, dem Nebeneinander vom extrem Arm und extrem Reich, sowie einer Myriade an Subkulturen die alle irgendwie dicht nebeneinander existieren. Das ist nicht immer einfach und ganz sicher hat diese Stadt viele Probleme, aber sie ist in dem was sie kulturell und vom Grundgefühl her bietet auch verdammt liebenswert.

    Ein bißchen abgetakelt, ein bißchen zu grell geschminkt stellenweise, aber letztlich lebenswert.

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    Von Batz am 23, 8, 2006 um 14:45 in TagesBatz | 2 Kommentare »

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    2 Kommentare zu “Berlinbesucher”

    1. Jens Sagt:

      Hallo Batz, ich staune ja das Deine Liebeserklärung an Berlin, jedenfalls lese ich sie so, noch so völlig unkommentiert geblieben ist. Da ich gerade Urlaub habe, habe ich beschlossen, mangels Knete, diese Stadt als Besucher zu betrachten, da ich als Prenzelberger auch sonst recht wenig aus meinem Kiez rauskomme und komme in Ecken wo ich a) lange nicht oder b) noch nie war. Mein Fazit ist… ja Du hast recht, Berliner begreifen sich als Bezirksmenschen, was sicherlich auch daran liegt das diese Stadt einfach riesig ist und, es ist einfach unglaublich was in dieser Stadt passiert, was man sonst nicht mitbekommt weil man arbeitet und nicht über den Schüsselrand schaut. Diese Stadt ist einfach toll!!
      Und nein: Weltstadt sind wir nicht, auch wenn einige das glauben, da diese Stadt mitunter zu piefig ist… aber das wird anderswo auch so sein.

    2. dauni Sagt:

      Berlin ist einfach Klasse. Ich freue mich schon auf den nächsten Besuch. :-)

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