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    Compact Discworld – Terry Pratchett

    Terry Pratchett gab einen seiner seltenen Deutschlandauftritte. Er signierte anläßlich der deutschen Veröffentlichung des Romans "Thud" in der Thalia-Buchhandlung und stellte sich am Abend im ausverkauften Renaissance Theater den Fragen Knut Elstermanns .

    Pratchett Terry

    Es gibt heute leider wenige Bücher die ich noch wirklich verschlinge, ich lese nach wie vor gerne, aber die Zeiten in denen ich 600 Seiten Schmöcker in einer Woche durchlas sind vorbei. Es fällt immer schwerer über die Jahre Autoren zu finden, die wirklich jene Tür öffnen können die einen ins Buch hineinstürzen lässt. Die Stunden zu Minuten machen und das Buch nicht eher aus der Hand legen lassen, ehe die letzte Seite umgeschlagen ist.

    Einer der wenigen die das mit schöner Regelmässigkeit noch vermögen ist Terry Pratchett, Herr der Discworld, dessen Bücher über die Jahre eher besser wurden, als an Kraft verloren. Waren die ersten Stories aus der etwas anderen Fantasy-Welt noch mehr oder weniger Parodien auf die Genreklischees, von Tolkien bis Conan, so verschob sich bald der Akzent, trat die Komik die seine Geschichten auszeichnet mehr in den Hintergrund und dient nun dem Erzählfluss, war nicht mehr Motor sondern mehr Stilmittel.

    Will man Leute für Pratchett begeistern ist dies oft schwierig. Das Marketing möchte ihn gern als "Douglas Adams der Fantasy" verkaufen und übersieht dabei, daß Adams ein guter Humorist war, aber nicht unbedingt ein begandeter Geschichtenerzähler. Lange narrative Fäden zu spinnen, die gut konstruiert sind lag Adams weniger, als brilliant getimete Momentaufnahmen und kleine Sketche. Pratchett hingegen beherrscht die Langform souverän. Er kann witzig sein, sehr witzig, aber bei ihm sind die Figuren nie nur Vehikel für Gags, sie sind das Zentrum der Handlung.
    Menschliche Verhaltensweisen, menschliche Dummheit, wiedergespiegelt in Trollen, Zwergen, Werwölfen und anderen Figuren aus dem Mythenkatalog. Und so genau Pratchett es auch versteht die menschliche Natur in all ihrer Irrationalität zu beschreiben, steht doch hinter allem eine große Zuneigung zu seinen Figuren.

    Ob kleiner Alltagswahnsinn, Verführung der Massen, Rassenhass oder religiöser Wahn, die Discworld ist in vielem ein Spiegel unserer Welt, ohne dabei je predigend oder langweilig zu sein. Da schreibt ein Humanist mit großem Wissen und erstaunlicher Bildung, ganz ohne schwerfällige Zeigefingerrethorik mit viel Ironie, Selbstreflexion und Witz.

    Wären da nur nicht die oft quietschebunten Comic-Cover, die soviele Leute abschrecken, denen man mit etwas gutem Willen vielleicht sogar diese Art von phantastischer Literatur schmackhaft machen könnte. Man mag spotten über die Adult-Editionen von Harry Potter, für Pratchett wären sie sicherlich hilfreich, denn zuviele Leute würden seine Romane alleine deswegen nicht mit der Kneifzange anfassen, weil sie irgendwie nach "Sword & Sorcery", nach Undergound-Comix und ähnlich vermeintlich juvenilem Geschreibsel aussehen.

    Lamenti helfen jedoch wenig, freut man sich lieber über seine Bücher und bedauert, diejenigen die gute Literatur verpassen, weil sie in unpassender Verpackung daherkommt.

    Für nur eine Stunde (plus nochmaliger Signierzeit) durften diejenigen die das Glück hatten eine Karte zu ergattern, den Autoren dann auch gutgelaunt im Gespräch mit Knut Elstermann erleben, der sich sichtlich auf die Veranstaltung vorbereitet hatte und bemüht war Pratchett Fragen zu stellen, die über das klassische Klappentext-Geschwafel hinausgehen.

    Positiv überrascht Pratchett durch die Ungezwungenheit und Schlagfertigkeit, dem Spaß am Erzählen und herumflapsen. Live wirkt er wesentlich agiler und jugendlicher, als seine 58 Jahre und die eher gediegenen Fotos von ihm vermuten lassen. Sind andere Autoren stets darauf bedacht ihre literarischen, tiefgründigen Themen spazieren zu tragen und bloß nicht den Eindruck zu vermitteln sie würden etwa "Unterhaltungsliteratur" schreiben, geben sie sich gerne verschlossen oder geheimnisvoll grüblerisch, so überzeugt Pratchett auch im Gespräch auf der Bühne durch flinken Wortwitz und beiläufige Intellektualität.

    Natürlich schreibe er Fantasy, erwidert er auf die Frage ob seine Sachen denn noch in dieses Genre gehörten, obwohl sie sich anspruchsvollen Inhalten widmeten. "Da kommen Zwerge, Trolle, Zauberer und son Zeug drin vor. Natürlich ist das Fantasy, meine Güte. Wenn man einen Film sieht, in dem ein Kerl in Lederhose, Stetson, Weste und mit umgeschnallten Colt die Strasse hinuntergeht, ist die Chance auch recht hoch, daß es sich um einen Western handelt. (…) Also damit anzufangen, festzustellen das meine Bücher Fantasy sind, ist erstmal gar nicht falsch. Ob ich innerhalb des Genres gewisse Grenzen erweitere, über Dinge schreibe die andere Autoren so nicht behandeln, hat nichts damit zu tun, daß es dennoch Fantasy ist. Die blödeste Unterteilung die es gibt sind solche Aussagen wie: Wenn es gut ist es keine Science Fiction.. und wenn es Science Fiction ist kann es nicht gut sein. "

    Ob er denn wolle, daß die Leute die Meta-Ebene seiner Bücher entdecken?

    "Ich möchte, daß die Leute meine Bücher kaufen", erklärt Pratchett grinsend. Man versteht was gemeint ist, wenn es in seiner Kurzbiographie vom Verlag heißt, er würde bisweilen "beschuldigt Literatur zu schreiben". Wenn schon Schubladen, dann will er sich diese schon selbst aussuchen und nicht von Literaturkritikern eingeordnet werden.
    Natürlich setzt er sich mit Themen auseinander, aber seine Erzählkunst geht darüber hinaus.

    Diejenigen die alle Anspielungen und Subtexte verstehen, werden ihren Genuß aus den Büchenr ziehen, genauso wie begeisterte 12jr die sich einfach an der Geschichte erfreuen. Die vielleicht zwischen den Zeilen mehr lernen und mitnehmen, als durch jede gutgemeinte "wichtige" Schullektüre, die sie zähneknirschend lesen, weil der Lehrer meint es sei bedeutend.

    Pratchett erzählt viel und schnell dort auf der Bühne. Von seiner Kindheit in ärmlichen Verhältnissen, die aber eben normal waren, nach dem Krieg und die er als keineswegs traumatisch erlebte. Von seinem gespaltenen Verhältnis zum Fernsehen, der Faszination von Wissenschaft und Astronomie, dem allerersten Kontakt mit Tolkiens "Lord of the Rings", daß noch immer als dräuendes Übervaterepos über jedem Fantasy-Werk schwebt.

    Natürlich hat es ihn beeinflusst und beeindruckt, aber gleichzeitig auch irritiert in seiner rigiden Moral, der unnachgiebigen Verurteilung dazu Gut oder Böse zu sein. Im Gegensatz zu Tolkien vermittelt Pratchett ein mannigfaltiges Weltbild in der selten Schwarz / Weiß gezeichnet wird, in dem selbst die Guten fragwürdige Dinge tun und niemand durch seine Rasse von vornherein schlecht ist. Das Böse das geschieht, ist letztlich wie alles was seine Figuren tun, zutiefst menschlich. Es braucht keinen Ring um zu verführen, die Dunkelheit wie das Licht liegen in jedem selbst.

    All das erzählt er im Plauderton, gespickt mit Anekdoten über wichtige Bücher die man lesen sollte, ehe man seinem Kind ein Teleskop kauft (Titel: "Das Buch das Eltern lesen sollten, ehe sie ihrem Kind ein Teleskop kaufen, weils sie sonst sehr wahrscheinlich ein schrottiges erwischen") darüber das viele  Märchenfiguren wahrscheinlich eher Horrorfiguren sind ("Rotkäppchen konnte ihre Großmutter nicht von einerm Wolf unterscheiden? Trotz der Schnauze, den Ohren und den Zähnen? Ich hatte immer die Vermutung, daß Rotkäppchens Familie Werwölfe waren. Oder nehmen sie Schneewittchen, da hat Neil Gaiman mich drauf gebracht… Schneewittchen, ein Mädchen dessen Haut weiß wie Schnee ist, die Lippen rot wie Blut und das Haar schwarz wie Ebenholz? Und die tagsüber in einem Glassarg schläft? Wo hat man sowas schonmal gehört…hmm?") und anzügliche Witze die man grade noch so in Discworld-Romanen unterbringen kann.

    Bezeichnenderweise und vielleicht um nicht wieder beschuldigt zu werden literarisch zu sein, auch wenn es in "Thud" um Rassenunruhen und Migrantenproblematik geht, die zum Teil an aktuelle Ereignisse in England erinnern, beschliests er den Abend mit einem zotigen Witz, von einem Mann der in einer Bar seine Genitalien in das Maul eines Krokodils steckt…

    Aber das sollte man auch nicht zu laut sagen, wenn man Leute dazu bringen will, die Discworld-Romane zu entdecken. Am besten sagt man gar nichts, sondern schenkt ihnen einfach eins.

    Und wenn sie dann sagen: Das Cover ist aber hässlich, dann sagt ihr: Du sollst ja auch reingucken und es nicht als Dekoelement benutzen.


    Terry Pratchetts "THUD" auf englisch bestellen

    oder die deutsche Ausgabe "KLONK" in der Übersetzung von Andreas Brandhorst

    Ein Interview mit Terry Pratchett bei Die Presse

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    Von Batz am 13, 9, 2006 um 2:08 in LiteraBatz, MediaBatzBits | 7 Kommentare »

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    7 Kommentare zu “Compact Discworld – Terry Pratchett”

    1. der toby Sagt:

      Ich habe die Scheibenwelt immer einem Grund gemieden: Sie ist unter Informatikern sehr beliebt. Besonders jenen die Aussehen wie Linux-Kernel Hacker. Vielleicht auch, weil wie du schreibst, Terry Pratchett mit Adamas in einem Topf geworfen wird, dessen Schreibstil ich überhaupt nicht leiden kann.

      Mag sein, dass ich fürchte zu einem dieser Akte X Hacker-Geeks zu werden, wenn ich eines dieser Bücher lese. Und vielleicht sollte ich Herrn Pratchett eine Chance geben.

      Ich finde es schade, dass dich Bücher/Literatur nicht mehr beigeistern kann. Liegt es an der visuellen Flut von Filmen und Serien? Oder hat sich eine Lesenmüdigkeit eingestellt, bedenkt man wie viel wir heute lesen von der Tageszeitung über Internetmessage, Chatmessages, E-Mails, Postwurfsendungen, Reklamesprüchen überall (nicht nur Google Ads) an Wörterfluten zu ertragen haben?

      Ich denke Pratchett ist ein authentischer Mensch. Zumindest klingt das danach. Es gibt viele “Literatarten”, die derart in ihrere Verschlosseheit und Melancholie gefangen sind, dass sie publikumsuntauglich wirken. Arrogante Menschen mag keiner. Auch keine arroganten Autoren. Auf “Stars” wie Paris Hilton scheint dies aber nicht zuzutreffen ;-)

    2. .markus Sagt:

      Dafür dass Pratchett “einer der erfolgreichsten Autoren der Gegenwartsliteratur” (45 Millionen verkaufte Bücher weltweit) ist, ist seine (Medien-)Präsenz erstaunlich klein, fällt mir immer wieder auf.

      Wegen Cover: Nach einer Sekunde ist der Witz verflogen und die Cover sind nur noch potthässlich. Man versucht ja heute individuell zu sein und aufzufallen, aber mit einem aufgeschlagenen Pratchett-Buch in der Bahn zu sitzen, ist schon eine ästhetische Herausforderung ;-)

    3. pascal Sagt:

      man kanns ja einbinden…
      kann man die bücher eigentlich durcheinander lesen, oder ist das eine fortlaufende geschichte? (also, douglas adams könnte man auch rückwärts oder nur jede zweite Seite lesen, wenn man die beiden schon vergleicht…)

      IMO ist die Gefahr, Linux Kernel Hacker zu werden nicht sooo hoch, also, ich z.B. habe den Anhalter gelesen und trotzdem noch niemandem “42″ geantwortet oder so (das machen mittlerweile sowieso vornehmlich die Leute, die nur den Film gesehen haben, keine Ahnung wieso)

    4. Reaper-Batz Sagt:

      @Toby

      Du solltest den Büchern wirklich eine Chance geben, wobei anzumerken ist, daß ich die späteren Bücher wesentlich besser finde als die Frühwerke. Ein guter Start wäre zum Beispiel "Small Gods", weil es ein Einzelband ist den man ohne Vorwissen lesen kann. Außerdem stellt er Pratchetts Abrechnung mit Religionen und Philosophie da und gehört zu meinen Lieblingsbüchern von ihm. Was die allgemeine Lesemüdigkeit angeht ist es wohl ein bißchen von allem. Je mehr man gelesen hat, desto mehr Kunstfertigkeit braucht es von einem Autoren einen noch wirklich zu überraschen und in die Geschichte zu ziehen. Zudem kostet lesen einfach sehr viel Zeit, die man sich gezielt nehmen muß und oft fehlt einem nach nem Tag am Rechner dazu einfach die Power… Neben meinem Bett stapeln sich derzeit 5 Bücher die alle noch auf der Leseliste stehen.

      @Markus

      Das Pratchett so wenig präsent ist, grade in Deutschland finde ich sowohl positiv wie negativ. Einerseits verkommt er so nicht zu Schmökerware, die jeder gelesen hat, wie Dan Brown, Ken Follet oder sowas, andererseits ignoriert ihn leider auch die seriöse deutsche Presse fast völlig. Mittlerweile mag ja notgedrungen akzeptiert worden sein, daß Tolkien Literatur ist, aber gegen Pratchet mit seinen hässlichen Covern wehrt man sich doch beständig. Wird in UK jedes Buch von ihm von den großen Tageszeitungen und Buchmagazinen ausführlich besprochen, vergleicht an ihn dort mit Dickens und anderen Weltklasseautoren, so rangiert er in Deutschland leider weiterhin unter "Kinderkram".

      @Pascal

      Die Discworld-Stories bilden keine große Geschichte, dennoch gibt es eine gewisse Kontinuität. Es gibt verschiedene Figuren-Gruppen die immer mal wieder im Mittelpunkt stehen, aber auch Einzelfiguren die nur für einen Roman Hauptdarsteller sind. Natürlich ist es sinnvoller die Romane einer Gruppe, wie z.B. Die Stadt-Wache-Bücher in der richtigen Reihenfolge zu lesen, weil man dann die Entwicklung der Figuren verfolgen kann. Zwingend ist das allerdings nicht, da es keine Cliffhanger gibt, die Bücher erzählen jedes eine abgeschlossene Geschichte.

    5. .markus Sagt:

      Ich hatte mit den ersten Büchern angefangen, die mir – vor allem vom Humor her – schon sehr gefallen haben.

      Doch gerade die neuen, düsteren und nachdenklichen Bücher von Pratchett, sind sehr viel mehr als (was ja auch nicht negativ wäre) Unterhaltungsliteratur. Wie Pratchett unsere Welt, mittels der Scheibenwelt-(Charaktere) betrachtet, beschreibt und charakterisiert ist unvergleichbar.

      Mein damaliger Deutschlehrer übrigens, hatte den Namen Pratchett noch nie gehört…

    6. Tatjana Sagt:

      Terry Pratschet gehört wirklich heute zu den wenigen Schriftstellern von Fantasy die wirklich gut sind.
      Und das die Cover so hässlich sind liegt an der Grundannahme der Verlage, dass nur unter 14jr Pratschet lesen. Aber bis die es begreifen…
      Ich persönlich mag Walter Moers auch ganz gern, der in seinen Stil Pratschet ähnelt.

    7. Herbert Sagt:

      Tolkien schrieb durchaus bewusst eine mythische Realität, in der er nicht versuchte eine brauchbare Anleitung für moralische Fragen im normalen Leben zu geben. Die Kritiker scheinen ihm oft das zu unterstellen. Wenn man genau hinsieht, benutzt er sogar Mittel, mit denen man das Mythische als Illusion betrachten kann, wie wenn Frodo die Spinnweben von Kankras Höhlenausgang durchschneidet, werden sie beschrieben, als würden sie sich winden. Gleichzeitig weht jedoch der Wind durch die Öffnung und womöglich ist gar kein magischer Eigenwille im Spiel. Es lohnt, sich auf solche Feinheiten zu achten.

      Ganz anders hingegen Pratchett: seine Dialoge drehen sich immer um den Punkt der gerade anstehenden Moral zwischen den Charakteren. Dabei macht er auch viele zweifelhafte Aussagen mit störendem Absolutheitsanspruch: Todesstrafe ist für ihn nicht nur selbstverständlich, nein, seinem Naturrecht nach sollte es auch schwerere Strafen geben (auch wenn das nur seine Lieblingsfigur Vimes denkt).
      Und hier sollte es meiner Meinung nach ersichtlich werden, dass seine Karikaturen kaum ein gültiges Abbild der Wirklichkeit geben. Das findet gerade in den ernsten Passagen jedoch nicht statt. Alles bleibt eher eindimensional und doch wird an fundamentale moralische Gefühle appelliert, ohne den Gedanken zuzulassen, dass die Wirklichkeit weit mehr Facetten bieten kann (das wäre in seinem Universum lediglich “Unehrlichkeit”).

      Ich finde das, ehrlich gesagt, sehr nervig. Als sprücheklopfenden aber stock-konservativen Lehrer oder Vorgesetzten könnte Pratchett wahrscheinlich kaum jemand leiden, denn als „Fantasy“-Autor, tritt er für mich so in seinen Büchern auf.

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