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Letztes Lichtspiel: Children of men

“Pull my finger”

Originaltitel: Children of Men
Herstellungsland: Großbritannien / USA 2006
Regie: Alfonso Cuarón
Darsteller: Clive Owen, Julianne Moore, Michael Caine, Chiwetel Ejiofor, Charlie Hunnam

Children of men

London 2027. Seit 18 Jahren ist die Welt ins Chaos gefallen, nachdem alle Frauen plötzlich keine Kinder mehr bekommen können. Globale Kriege, Terrorismus und Umweltzerstörung hinterließen verheerte Länder.

Gigantische Flüchtlichsströme die von einem Land zum anderen zogen, auf der Suche nach Rettung. Afrika, Amerika, Russland, Europa, sie alle sind schon völlig zerstört – lediglich England, abgekapselt durch seinen Inselstatus schaffte es mehr schlecht als Recht als moderne Diktatur zu überleben. Rigide Abschiebepolitik versucht der Flüchtlingsströme her zu werden. Wer gegen das Gesetz verstößt wird in verwilderte stadtgroße Gefangenenlager gesteckt in denen das Recht des Stärkeren gilt. Die meisten Bürger haben sich in die Städte zurückgezogen, ohne Nachwuchs verfielen Land und Dörfer in von marodierenden Banden bevölkertes Brachland.

Der jüngste Bewohner des Planeten, ein 18jr ist grade von einem wütenden Fan erschlagen worden. England trauert. Terroristen, die sog. Fishes, die für die Rechte von Immigranten kämpfen, zerbomben die Innenstädte.

Theodor “Theo” Faron (Clive Owen), ehemals Politaktivist, heute nur noch ein biederer, fatalistischer Regierungsbeamter wird von seiner Ex-Frau Julianne (Julianne Moore) kontaktiert, die Anführerin der Fishes ist. Sie bittet ihn Kontakte zu einem Cousin spielen zu lassen, der im Ministerium für Kunsterhaltung arbeitet, ein hohes Tier ist. Er soll ein Transitvisa für ein Flüchtlingsmädchen ausstellen, damit dieses zur Küste gebracht werden kann.

Das Mädchen Kee (Claire-Hope Ashitey) ist schwanger. Eine Sensation. Sie soll zu den Wissenschaftlern des legendären Human Project geschmuggelt werden, einer Gruppe autark agierender Wissenschaftler die als einzige weiter Forschen um ein Mittel gegen die Sterilität der Weltbevölkerung zu entdecken. Kee ist die große Hoffnung, aber auch politischer Spielball.

Theo organisiert die Visa, doch auf der Reise zur Küste läuft alles aus dem Ruder, sie werden überfallen, müssen fliehen, wissen nicht wem sie noch trauen können. Für kurze Zeit kommen sie bei Theos altem Freund (Michael Caine) einem lebensfrohen, in der Wildnis lebenden ehemaligen Politcartoonisten unter, dessen Frau vom Geheimdienst ins Wachkoma gefoltert wurde.

Doch die Rast währt nicht lange und schon bald muss Theo weiter versuchen sich mit der hochschwangeren Kee an die Küste durchzuschlagen…

Fans des Romans von P.D. James werden nicht mehr viel wiedererkennen, wenn sie sich diese Verfilmung von Alfonso Curaón ansehen und wahrscheinlich enttäuscht sein. Aus der verschachtelten, in Rückblenden erzählten Story, mit komplexen Verstrickungen ist eine recht stromlinienförmige Geschichte geworden, eine alptraumhafte Vignette aus einer Welt die zum Teufel gegangen ist.

Macht man sich frei von der Vorlage, wie Cuarón es auch schon beim dritten Teil der Harry Potter-Reihe gemacht hat, erwartet den Zuschauer jedoch eine ungebremste Tour-de-Force und einige der kraftvollsten und unbequemsten Szenen die man in diesem Jahr im Kino erleben durfte.

Die komplexe Vorgeschichte, das Scheitern der Wissenschaft, der Abstieg der Welt, die Kriege, die für die Flüchtlingsströme verantwortlich sind, all das wird nur angedeutet, man bekommt grade soviel explizite Information, daß man sich zurechtfindet. Unaufmerksame Zuschauer bestraft der Film sofort, denn jedes Bild ist gespickt mit Puzzleteilen die man für sich selbst zusammensetzen darf.

Die Überhöhung der Welt in die Science Fiction ist subtil und grade deswegen glaubwürdig. Keine Übertriebenen Spielereien, Winzigkeiten der heutigen Welt weitergedacht. Allgegenwärtige Flach- und Transparentbildschirme, Warnhinweise und Sicherheitsbeamte allerorten, eine Stimmung geprägt von lethargischer Paranoia. Erschreckend dabei ist, nicht nur die Welt selbst, sondern die fatalistische Einstellung mit der die Menschen sich an sie gewöhnt haben.

Es gibt keine Kinder, keine Hoffnung auf Zukunft. Man macht eben was man immer gemacht hat, egal wie unmenschlich das Umfeld wird. Wenn auf dem Weg zur Arbeit eben neben der allgegenwärtigen Werbung auch Käfige stehen, in denen illegale Einwanderer zusammengetrieben und eingesperrt werden, dann gehört das dazu. Genau wie Bombenanschläge und staatlich verordnete Fruchtbarkeitstests, die eh zu nichts führen.

Die Kamera klebt fast immer am Hauptdarsteller Theo, bisweilen klassisch beobachtend, doch oftmals wie ein unsichtbares Dokumentarteam. Hautnah lässt sie den Zuschauer dabei sein, wenn schrecklichste Dinge passieren. Ohne Schnitt, minutenlang bleibt sie wie der Held gefangen zwischen Kriegsparteien, Straßenkämpfern, in zu engen Autos und verfallenen Häusern, umgeben von allgegenwärtiger Gewalt.

Keiner Partei kann man wirklich vertrauen, man ist unterwegs mit Kee, Theo und deren Hebamme, zwischen allen Fronten die das erste Baby seit 18 Jahren für ihre Zwecke instrumentalisieren wollen. Cuarón zeigt schnell, daß er keine Gefangenen macht. Julianne Moore setzt er ähnlich ein, wie Hitchcock es in Psycho mit Janet Leigh tat – mit einer ähnlichen Schockwirkung.

Alles kann passieren im Grabenkrieg, wenige Momente der Ruhe des Nachdenken könnens lassen grade genug Zeit für ein bißchen Exposition, damit die kommenden Ereignisse halbwegs nachvollzogen werden können. Die Parallelen zur heutigen Zeit sind unübersehbar, die politischen Fehler von heute sind präsent ohne daß explizit ausgeführt wird, wie sie zur jetzigen Situation führten.

Cuarón entwirft eine Welt die in sich sehr stimmig ist, er erklärt wenig, zeigt sehr vieles das sich der Zuschauer selbst zusammenreimen kann, ohne daß ihm eine Lösung auf dem Tablett serviert wird. Viel wichtiger als ausformulierte Politische Agenda ist sowieso die Inszenierung eines Höllenritts, der kaum Atempausen lässt, kaum Zeit zum Denken, der wenig positive Momente bereithält und unablässig weitertreibt.

Michael Caine, als kiffender Politsatirist, darf ein wenig Leichtigkeit einbringen, doch auch sein warmherziger Humor, wird rasch überschattet von dunkleren Momenten. Der Humor des Films ist dort wo er vorkommt tiefschwarz und feindlich. Einige der Graffities des Films wurden vom britischen Aktionskünstler Banksy gestaltet: “Last one to die, please turn of the light”.

Im Ministerium für Kunsterhaltung hängen unschätzbare Werke, die in dieser Welt keinen Wert mehr haben. Theos Cousin wacht über sie: Michaelangelos David, steht mit halb zerschossenem Bein in der Eingangshalle, Pink Floyds aufblasbares Schwein treibt zwischen Industrieschloten, das Dinner in entspannter Atmosphäre findet samt semi-autistischem Sohn vor Picassos Guernica statt, das als Spiegelbild der Verheerungen wie ein Abbild der Welt wirkt.

In diesen kurzen Momenten der Ruhe bleibt die Kamera auf Distanz, weicht die unruhige Handkamera der gewohnten Filmmontage, lässt kurz Reflexion zu über diese Welt, diese unerträgliche Wirklichkeit die immer nur drei Schritte vom Jetzt entfernt zu sein scheint.

Für Zärtlichkeiten, für zwischenmenschliches bleibt wenig Zeit. Die Charaktere müssen funktionieren, weil sie getrieben sind. Theo und Kee, genauso wie die Fishes, die Polizei und das Militär, die Immigranten, die verbliebenen Bürger. Funktionieren um zu überleben, zu machen, was zu machen ist. Streckenweise erscheint Kees Baby fast wie ein Fluch, weil die Hatz nach ihr, ihre Instrumentaliserung nur noch mehr Leben kostet, weil es eine Rasse am Leben erhält, die so wenig bewahrenswertes zu haben scheint. Die sich ihren eigenen Untergang doch scheinbar so bitter verdient hat.

Wenn für Sekunden alle Waffen schweigen, wenn Kee mit ihrem schreienden Kind im Arm durch ungläubige Soldaten und Strassenkämpfer irrt, fragt man sich ob es nicht doch noch Hoffnung geben könnte und es wird über das abstrakte Konstrukt hinaus begreifbar, was es tatsächlich bedeuten würde in einer Welt ohne Kinder zu leben, ohne Aussicht auf eine Zukunft, wie auch immer diese aussähe.

Doch im nächsten Moment zebricht diese magische Sekunde wieder in sinnloser, alles zerfetzender Gewalt. Das Ende lässt trotz einer vagen Hoffnung nicht froh gestimmt in die Zukunft sehen, bleibt letztlich doch der fahle Beigeschmack, ob die Menschheit es überhaupt wert ist, daß man sich noch weiter bemüht.

Cuarón hat einen Film abgeliefert der weniger Intellektueller Diskurs ist, als unnachgiebiges Erlebniskino. Kein angenehmes Erlebnis über weite Strecken, aber ein sehr faszinierendes, bestürzend intensives. Die grandiose Kameraarbeit von Emmanuel Lubetzki, das gnadenlos intensive Sounddesign und die hervorragenden Darsteller, allen vorran der oft wie in Trance getriebene Clive Owen, der weniger Held sein will, als sein muß, schaffen ein Kinoerlebnis, das man so schon lange nicht mehr gesehen hat, das auch nur auf großer Leinwand seine volle Wucht entfalten kann.

Ein schöner Film? Ganz sicher nicht.

Und jetzt schaut ihn euch an.

Die Buchvorlage “The Children of Men” im Original bei Amazon bestellen.
…oder die deutsche Ausgabe: “Im Land der leeren Häuser” lesen.

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Von Batz am 15, 11, 2006 um 17:03 in CineBatz | 2 Kommentare »

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2 Kommentare zu “Letztes Lichtspiel: Children of men”

  1. MC Winkel Sagt:

    Sollte sich mal die Schiefnase machen klasse, der Clive.
    Nicht, dass ich nicht auch eine hätte.
    Aber ich bin ja nur Blogger und kein Hollywoodianer!

  2. dantonbln Sagt:

    deine rezension hat mich gestern in die spätvorstellung getrieben. beeindurckender film, hat sich gelohnt.

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