Vor einem Jahr…
Immer so brutal
Computerspiele gehörten zu meiner Sozialisation, auch wenn ich aus einem eher technologiekritischen Haushalt stamme.
Angefixt wurde ich mit einer Digitaluhr, die mir mein Vater damals von der Metro mitbrachte. Damals hielt man, um mit Douglas Adams zu sprechen, Digitaluhren noch für eine ganz tolle Erfindung. In meiner war nicht nur ein Taschenrechner eingebaut, sondern auch ein Autorennspiel.
Auf einem winzigen Display konnte man mittels zahnstocherspitzengroßen Gummitasten ein kleines Autosprite eine Strecke entlangsteuern die aus drei Linien bestand. Wenn man das lange genug schaffte ohne irgendwo gegenzubullern, gabs Punkte und es ging ins nächste Level, welches genauso aussah.
Meine Mutter fand Computer doof. Ende der 70er waren Computer suspekt, nahmen Arbeitsplätze weg und steuerten Atomwaffen. Sie standen für Big Brother und alles was böse war (Big Brother stand damals noch für den Überwachungsstaat und noch nicht für Idioten-TV). Dennoch kam mit dieser kleinen Armbanduhr, quasi durch die Hintertür das erste Computerspiel in unser Leben.
Nach wenigen Tagen quengelte ich meine Mutter an, ob ich meine Uhr wiederhaben könne, auf der sie und ihr Lebensabschnittegefährte stundenlang Autorennen spielten.

Kurz darauf kauften wir ein paar kleine LCD-Games, bei denen man entweder als King Kong auf einem Hochhaus stand und Frauen auffangen musste, die anscheinend aus dem Nichts fielen (“…aufpasse, wenn King Kong lasse Mädche falle, Lebensanzeigungszähler gehe unten…“) oder als Forscher über einen mit Krokodilen verseuchten Fluss hüpfen durfte. Auch diese Spiele holte ich mir oft im Wohnzimmer wieder ab, nachdem meine Mutter versucht hatte einen neuen Rekord aufzustellen. Das Thema ob Computerspiele der Untergang des Abendlandes sind, wurde zumindest bei uns nicht mehr diskutiert.
Mein erster richtiger Rechner, war wie schon einmal erzählt, ein ZX81. Da war es mit spielen nicht so weit her. Später folgte der C=64.
Damals verbrachte ich die Nachmittage oft bei Freunden oder lud sie zu mir ein. Wenn die Schule aus war versammelte man sich zu zweit oder auch mal in größeren Gruppen bei jemand zuhause, quatschte, kalberte herum und zockte leidenschaftlich Spiele. Die schon damals gern gehörte These von Lehrerseite “die Kinder vereinsamen doch von dem Rechner”, fand ich immer schwer nachzuvollziehen, gab es doch kaum einen Nachmittag, an dem die Bude nicht voll war und man gegeneinander zockte, lachte, Spaß hatte.
Auch meine Mutter setzte sich manchen Abend zu mir rüber. Wir daddelten International Karate+, World Games, Winter Games oder Jumpman.
Jens, damals mein bester Freund, hatte noch einen C=16, für den es kaum Spiele gab und eine schon damals etwas altmodisch wirkende Spielkonsole. Ich glaube es war Collecovision oder Intellivision oder sowas. Mit Farben hatte sie es noch nicht so und auch die grafischen Fähigkeiten blieben hinter denen des C=64 zurück.
Eine meiner frühesten Erinnerungen ist die, als ich Jens einmal besuchte und wir entgegen seinem Rat (“Das ist aber ziemlich langweilig..!”) ein Modul in die Spielkonsole stöpselten und etwas spielten das sich glaub ich Battle Tanks oder so ähnlich nannte. Grafisch sah das ganze ungefähr so aus:

Wir hatten ca 10 Minuten gespielt und dem Knirxen und Fiepen aus dem Lautsprecher des Fernsehers gelauscht, als Jens’ Mutter die Treppe hinaufgedackelt kam, ein Teller mit Schnittchen im Anschlag, die sie uns jedesmal ungefragt aufdrängte. So fiese kleine Schwarzbrotdinger mit Mettwurst und Gürkskes drauf. Nett gemeint, aber extrem dröge. Jens war das immer sehr peinlich.
Als sie diesmal den Raum betrat um die Schnittchen abzuliefern, schaute sie auf den Bildschirm, auf dem Jens und ich in belustigter Langeweile die weißen Quadrate hin und her manövrierten um sie ab und zu kleinere weiße Quadrate spucken zu lassen.
“Was spielt ihr denn da?” fragte Jens’ Mutter.
“Bättel Tänks”, sagte Jens wahrheitsgemäß und versuchte zu erklären: “Das da ist Olivers Panzer.. und das da bin ich. Wir müssen versuchen innerhalb der Zeit möglichst-”
Seine Mutter schüttelte nur den Kopf. Sie betrachtete die weißen Klötze die sich in ihren Augen nun grade in waffenstarrende Panzer verwandelt hatten.
“Müsst ihr denn immer sowas brutales spielen? Du hast doch auch dieses schöne Tennis..?”
Ich gab mir Mühe nicht laut loszulachen. Jens wurde rot. Das Wort fremdschämen war damals noch nicht so etabliert, aber es beschrieb seine Reaktion wohl sehr gut.
“Wir wollten sowieso grad aufhören…” sagte ich ebenso wahrheitsgemäß wie diplomatisch. Jens knipste eifrig die Konsole aus. Seine Mutter ging, im sicheren Wissen uns beide vor gewaltverherrlichenden Spielen bewahrt zu haben.
Das waren die 80er. Und damals hörte man besorgte Eltern bei sowas aufschreien und die damals noch unter Herrn Rudolf Steffen geführte BPjS (heute BPjM) die alles indizierte, was irgendwie nicht koscher erschien. Der BpjS-Report, eine Liste aller indizierten Spiele und Filme, galt damals als Güteliste, dessen was man gesehen haben musste. Ob “Zombies im Kaufhaus“, “Tanz der Teufel” oder die berüchtigten Spiele wie “Barbarian” und “Friday the 13th” – man wollte die Sachen haben, die verboten waren.
Die Beschaffung war auch damals kein Problem. Lange vor Internet und selbst einfachen Mailboxen erledigte die Schulhof-Tauschszene die Grundversorgung. Die wenigsten Spiele wurden wirklich lange gespielt, das meiste schaute man sich einmal und gut wars. Längere Aufmerksamkeit bekamen natürlich die verbotenen Spiele, die gefährlich, die jugendgefährdend sein sollten.
Die von denen es in Berichten hieß, das sie unglaublich detailliert und realistisch Gewalt darstellten und zur emotionalen Verrohung führten.
Kettensägen als Waffe gibts nämlich nicht erst seit GTA. Auch das c=64-Spiel zur Filmreihe “Friday the 13th” konnte damit aufwarten.

Wer es nicht gleich sieht: Das weiße Gekrusel am unteren Bildrand ist die Kettensäge. Damit konnte man auf einen Pixelhaufen zugehen und BrrtBrrt machen und die Person schrie dann auf und man wußte ob sie der Mörder Jason ist oder nicht.
Auch das Kriegsspiel Commando, vorläufer heutiger Egoshooter galt als bedenklich, weil es abstumpfte und zum Massenmord aufrief:

Den Höhepunkt bildete damals aber Barbarian, dessen Entwicklung später zu solchen Klassikern wie Mortal Combat u.ä. führte. Hier sahen Jugendschützer gleich völlig rot, konnte man seinen Gegener mit einem entsprechenden Schlag nicht nur enthaupten, nein es kam danach auch noch ein kleiner Troll ins Bild, der den angeschlagenen Kopf einfach wegkickte.

Schon damals wurde in den Computerspielemagazinen leidenschaftlich diskutiert. Indizierte Spielenamen durften nichtmal in redaktionellen Texten genannt werden, weil dies den Redaktionen als Werbung ausgelegt wurde. Jahrelang schrieb man nur über D**** wenn man Doom meinte.
Für uns waren das damals einfach Spiele. Pixelkram. Für Erwachsene, Lehrer, Richter und Jugendschützer, die sich mit diesen Werken nie auf spielerischer Ebene auseinandergesetzt hatten, waren es Killerspiele. Für sie war es unglaublich realistisch. Für sie war jeder rote Pixel echtes Blut, jedes Computermännchen ein echter Mensch der kaltblütig ausgelöscht wurde.
Meine Mutter, die im großen und ganzen wußte was ich am Computer spielte, die selbst ab und zu zockte und sich einfach dafür interessierte was ich machte, waren es Spiele. Sie kannte mich, wir unterhielten uns, wir redeten. Es bestand keine Notwendigkeit sich von den Medien ins Bockshorn jagen zu lassen, weil sie aus erster Hand wußte, worum es beim Computerspielen geht. Natürlich nicht jedes Spiel, nicht jedes Detail. Aber sie wusste das ich mit Freunden spielte, das ich nicht alleine herumhockte, das der Computer mich eher mit anderen verband, denn isolierte.
Auf der anderen Seite war da Jens’ Mutter. Mit ihren Schnittchen.
Ob weißes Quadrat, C=64-Pixel, Amiga-Doom oder Counterstrike und Soldier of Fortune – die Leute die nicht spielen, empfinden jede Darstellung immer als extrem realistisch, brutal und gefährlich.
Das sie Dinge völlig anders wahrnehmen, als der Großteil der Konsumenten, kommt ihnen nicht in den Sinn.
Man könnte sich allmählich mal fragen, wer die Probleme damit hat Wirklichkeit und Spiel zu unterscheiden.
Von Batz am 28, 11, 2006 um 22:49 in MediaBatzBits, TagesBatz | 11 Kommentare »___________________________________________________________________________
11 Kommentare zu “Immer so brutal”
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28. November 2006 at 23:38
Auch in meiner Sozialisation habe ich viele Pixelleben ausgelöscht. Und wie ich dadurch “verroht” bin… überall schätzt man mich wegen meiner ruhigen, friedlichen Art, die jeden Streit zu ersticken vermag.
29. November 2006 at 10:35
Die Mutti mit den Schnittchen sitzt jetzt wahrscheinlich am PC und spielt Moorhuhn, Mahjongg, Sudoku oder Solitaire
29. November 2006 at 11:47
konnte deine mutter noch was anderes, als am computer sitzen? häkeln, stricken, kuchen backen..
unverantwortlich, einen jungen menschen auch noch dabei zu unterstützen… da muss man sich nicht wundern, was aus solchen Kindern wird. *gacker*
30. November 2006 at 1:12
Dem Sebastian nahm seine Mutti damals die Doom-Disketten weg. In meinem Beisein! (“Das ist ein ganz, ganz schlimmes Spiel.”) Ein Glück, dass ich mit der Häme hinterm Berg hielt.
Ich glaub, dann gingen wir zu Markus und probierten in seinem Hobbykeller alle Fatalities von Mortal Kombat II aus, die irgendwer als ausgedruckte Liste besorgt hatte.
30. November 2006 at 9:45
Schöner Artikel. Habe an den Brotkasten auch nur beste Erinnerungen. Angefangen zu zocken habe ich aber mit Pong. Das war in etwa so aufregend wie Toast beim trocknen zugucken (das war dieses Strichtennis). Dieser kleine schwarze Kasten hatte nur zwei Drehknöppe, um die Striche hoch- und runterzufahren, aber dafür noch’n Squash-Modus
30. November 2006 at 10:22
Weiss jemand, was man mit der Kettensäge in Maniac Manson anstellen muss?
30. November 2006 at 14:57
Super Text! Gerade für Menschen wie mich die gleich mit Super Nintentdo begonnen haben und dann irgendwann am Rechner gleich CS… Auch wenn ich nicht mehr spiele empfinde ich diese Panikmache in aller Regel doch etwas übertrieben, wie gesagt es kommt eben immer etwas “schlimmeres”.
Außerdem wird es immer vom Charakter des Menschen abhängen ob ihm derartiges schadet oder ihn in seinem Handeln unterstützt. Das so etwas passieren KANN da werden mir sicherlich alle zustimmen, es gibt eben doch Menschen die (sie müssen nicht mal verweichlicht oder sonstwas sein, ist einfach Natur) gewisse Dinge nicht verkraften oder ordentlich verarbeiten können und dementsprechend umsetzen…
MfG Anselm
30. November 2006 at 21:52
Du meine Güte… Diese Bilder. Ich fühle mich so…, so…, so zurückversetzt. Es scheint mir, wir sind sind ein sehr ähnlicher Jahrgang, vielleicht kommt noch der Name hinzu – aber du hast mich getroffen. Ich habe schon immer böse, böse Computerspiele gemocht. Wobei ich bis gerade eben gar nicht an Battle Tank gedacht habe… Aber das war wohl der Anfang meiner Verrohung. Zwei Klassiker dieses Genres und dieser Zeit hast du nicht erwähnt… Da waren noch das wirklich makabere Commando Lybia und das lange indizierte Raid over Moscow. Im BerlinerFenster war heute eine Umfrage erwähnt, wonach 65% der Deutsche Killerspiele für verursachend halten… Die Macht der Medien!
.olli
01. Dezember 2006 at 0:19
boah batz. was für ein toller artikel. bitte ausdrucken und einrahmen. ich hatte die gleiche sozialisation, zu meinen c 64 zeiten gabs sogar ein spiel namens “teacher buster” wo man am anfang die namen der lehrer eingeben musste, die man hasst und dann konnte man die mit nem panzer abknallen oder über sie rüber oder so. da ich aber auch immer mit interesse und freunden und sozialer kompetenz erzogen wurde, langweilte mich das spiel nach gefühlten 8 sekunden.
01. Dezember 2006 at 10:14
ich stimme dir voll und ganz zu
[... Das sie Dinge völlig anders wahrnehmen, als der Großteil der Konsumenten, kommt ihnen nicht in den Sinn. ...]
das ist denke ich das hauptproblem, wenn man sich für etwas nicht interessiert wird man immer anders denken als die die es als hobby haben und etwas negatives entdecken
04. Oktober 2007 at 22:58
Sudoku Puzzles Online…
I couldn’t understand some parts of this article, but it sounds interesting…