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Kokette Kroketten

Ich erinnere mich (ich bin jetzt in dem Alter in dem man Sätze immer öfter so anfangen darf), ich erinnere mich an meine Uni-Zeit. Es war ein Seminar zur Medienwirkungsforschung mit dem Schwerpunkt auf Film und Fernsehen. Der Professor gab eine Übersicht wie er sich den Verlauf des Semester vorstellte, danach fragte er allgemein in die Runde welche Erwartungen die Studenten an das Seminar hatten.

Es wurden verschiedene Aussagen getroffen, der Name Neil Postman fiel natürlich ein-zwei Mal, weil es als schick galt “Wir amüsieren uns zu Tode” gelesen zu haben. Schließlich meldete sich eine Studentin zu Wort und begann mit folgendem:

“Ich schaue ja gar kein Fernsehen…” um dann auszuführen, das sie bei Freunden neulich, wahrscheinlich unter Anwendung von Zwang, in einen Tatort reingeschaut habe und über die dort dargestellte Gewalt mehr als entsetzt war. Irgendwann fiel wohl auch der Satzbaustein “..was sind das für Menschen…” und “…ich verstehe nicht warum sowas erlaubt ist…”

Was ich nicht verstand war, das wohlwollende Nicken mit dem die Aussagen dieser jungen Frau zur Kenntnis genommen wurden. In jedem Literaturseminar wäre wohl jemand der aufstünde um zu sagen: “Ich lese ja keine Bücher” ungespitzt in den Boden gerammt worden. Bei den Politwissenschaftlern machte man sich verdächtig, wenn man sich nicht hinter gefühlten 5qm Süddeutscher versteckte, zwischen den Seminaren, sondern wie ich das “US-MAD”-Heft, “Simpsons-Comics” oder Terry Pratchett-Bücher laß. Eine Aussage wie: “Ich interessiere mich nicht für Politik” wäre wahrscheinlich, nicht ganz zu unrecht, mit Stockhieben geahndet worden.

Und doch durfte diese junge Dame und viele andere dort unter anerkennemden Nicken sagen, daß sie sich mit dem Medium um das es im Seminar geht nicht auseinandersetzt. Es ging nicht darum, daß man sich kritisch damit beschäftigt und nicht alles toll findet, sondern es war jenes dämliche Kokettieren, das man in gewissen Kreisen immer wieder findet.

Eine zelebrierte Ignoranz, gegenüber vielen Medien und Technik, die die Leute aber nie davor bewahrt ihre Meinung zu dem Thema, die meist eine Ablehnende ist breitzutreten.

Als Professor hätte ich die junge Frau nach vorne kommen lassen und ihr höflich aber bestimmt ein paar hinter die Ohren gehauen und sie gebeten doch bitte lieber an einem der “Alle Männer sind Schweine”-Seminare teilzunehmen, die am Psychologischen Institut der Uni-Hannover damals im Übermaß angeboten wurden (Was mich in der Vorbereitung eines Referats einmal mit einem Studienkollegen zusammenbrachte der ernsthaft sagte: “Du, ich bin ja Feminist”, was mich beinah die Zunge kostete, als ich draufbiß um nicht zu erwiedern: “Ach so ich hab dich bisher für ne blöde Schwuppe gehalten.” – Aber das ist eine andere Geschichte).

Doch von mechanischen Ermahnungen hielt der Professor nicht viel. Vielmehr begrüßte er die kritische Einstellung, denn kritisch waren die meisten dort eingestellt. Kritisch hieß vor allem, das man lieber weiter die Arbeiterbewegung in Linden erfroschte, wie man es seit 30 Jahren tat, als die sozialen Veränderungen die das damals grade populär werdende Internet mit sich brachte.

Kritisch hieß, das man oftmals dieselben Argumente wie die BILD-Zeitung sie brachte vertrat, wenn es um Medientheorie ging, nur daß man drauf bestand sie schwurbeliger zu formulieren. Die Medienwirkungsforschung bot auch damals keine klaren allgemeintauglichen Welterklärungen und Patentrezepte, was aber niemanden davon abhielt sich für Verbote auszusprechen.

Kritisch hieß wohl auch, das die Profs nach etlichen Jahren im Dienst noch immer nicht in der Lage waren mit einem Videorecorder umzugehen und bei jedem vorzuführenden Film nach 5min Gefrickel einen hilflosen Blick in die Runde zu werfen, begleitet von dem Satz: “Ähm wenn vielleicht einer von Ihnen mal eben schauen möchte…”

Es galt als schick keine Ahnung von Technik zu haben, Computer für blöd zu halten und kein Fernsehen zu schauen. Hab ich nie kapiert. Klar man muß kein Detailwissen haben und kein absoluter Spezi auf jedem Gebiet sein, aber eine völlige Ablehnung eines Themas mit dem man sich kritisch beschäftigt, dessen Analyse man lernen soll, diese Koketterie habe ich nie verstanden.

Die Zeiten in den es als schick galt, damit zu prahlen, daß man “nicht mal den Videorecorder programmieren kann”, sind vorbei. Medien bieten immer eine Vielzahl von Inhalten. Grauenhafte wie Großartige. Ich kann Millionen Bücher finden die allesamt scheußlich sind, langweiliger Dreck, bei dem jeder Tisch beleidigt wäre, würde man ihn mit so einer Schwarte am Wackeln hindern. Trotzdem würde wohl kaum jemand der halbwegs was auf dem Kasten hat deswegen sagen: Bücher taugen nichts, ich lese generell keine Bücher.

Heute gehört das Internet zum Alltag. Es ist ein weiteres Medium, eine Vermengung aller alten Medien. Nachrichten, Unterhaltung, Informationen, Banales, Wichtiges, Hilfreiches und Dämliches.

Und dieselben Leute von damals, derselbe Typ Mensch, rennt heute wieder rum und sagt einem: “Ich nutze das Netz ja nicht. Es interessiert mich nicht. Ich hab da mal reingeschaut neulich, aber…

Und ich hab einfach nicht die Zeit, all den Leuten Ohrfeigen zu verpassen.

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Von Batz am 12, 12, 2006 um 1:31 in MediaBatzBits, TagesBatz | 5 Kommentare »

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5 Kommentare zu “Kokette Kroketten”

  1. Chilli Sagt:

    Hi Batz,

    ich kann das sehr gut nachvollziehen, mir geht dieses Mode-Politisch-Sein auch extrem auf den Zeiger. Viele brabbeln einfach die Meinung nach, die gerade in oder allgemeingültig ist, und somit den Weg des geringsten Widerstandes bedeutet. Es könnte sich ja eine Diskussion entwickeln, die dazu nötigt den Kopf zu benutzen (welcher selbst dann erschreckend häufig leer zu sein scheint).

    Dazu kommt die Vermischung von Technik und Inhalt. Ich habe den Eindruck, es will oft mutwillig nicht begriffen werden, dass es sich beim Fernseher nur um ein technisches Gerät handelt, welches in der Lage ist bewegte Bilder darzustellen. Wer diese Bilder mit welchen Inhalten versieht steht auf einem ganz anderen Blatt. Da passt Dein Buchbeispiel sehr gut. Oder wurde das Radio in letzter Zeit mal verteufelt, weil es irgendwann mal einen Volksempfänger gab, der in erster Linie der Verbreitung brauner Porpaganda diente?

    Gruss Chilli

  2. pascal Sagt:

    in noch schlimmerer form findet sich das ja bei deutschlehrerinnen wieder, denn die lassen sich nichteinmal herab derartige seminare zu besuchen. in bayern scheint man neben der allwissenheit während der ausbildung einfach gelernt zu haben, dass sämtliche nach 1820 eingeführten medien dreck und verdummung propagieren und es unheimlich wichtig ist, die eigenen schüler davor zu bewahren — und zwar indem man die dämlichstmöglichen jugendbücher liest (rest versteht eh keiner oder zu dick), die in unserem fall zu 75% einfach aus drehbüchern für noch dämlichere filme entwickelt wurden!

  3. Solon Sagt:

    Im Tatort kommt Gewalt vor? Vielleicht muss ich mir Tatort doch mal angucken. Hört sich interessant an. Tatort hatte auf mich bisher immer die faszinierende Wirkung, dass mich nach exakt 3 Sekunden Reinzappen das große Gähnen überkam. Ich bin also auch ein echter Tatort-Ignorant. Ich gucke mir stattdessen lieber schön dunkelblau ausgeleuchtete, geschauspielerte Leichen bei CSI an. Die Schauspieler sind ja mittlerweile auch ganz wild auf diese Leichen-Rollen (blog.wired.com/table...). Die Leichen bei CSI sind ästhetischer anzuschauen als die lebenden Kommissare beim Tatort.

    Also doch volle Zustimmung von mir zu der Typin aus dem Seminar: Tatort sollte man verbieten. Denn schließlich ist das dort stattfindende Verletzen ästhetischer Bedürfnisse des Zuschauers auch Gewalt.

  4. Solon Sagt:

    Noch was: Es gibt glücklicherweise auch andere psychologische Institute. In dem, das ich mal kennenlernen durfte, verbaten sich die Professoren irgendwelche einfachen Erklärungen zum menschlichen Verhalten. Denn das ist es ja genau, was Psychologen “bekämpfen”. Diese “Küchenpsychologie” mit ihren vulgären und einfachen Deutungen und Forderungen. Das Internet wurde übrigens in dem mir bekannten Institut begeistert angenommen. Meine erste Bekanntschaft mit Web und E-mail machte ich 1995 in den Räumen der allgemeinen Psychologie dort im eigens zusammengefrickelten internen Netz mit Anbindung ans Internet. Die Usability-Forschung hatte auch bald ihren Platz. Von Naserümpfen war da nichts zu spüren. Im Gegenteil.

  5. Jaaa, Blog. Sagt:

    Huch…

    Gestern gar nix gebloggt? Und heute bisher auch nicht?

    Na dann, wenigstens schnell noch einen Lesebefehl erteilen.

    Ach ja, und Soja macht natürlich schwul.
    ……

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