Vor einem Jahr…

  • ...Im Batzlog:
  • Bastzcast


    Fünf Filmfreunde


    Mein Herz für Kino - moviepilot

     
    Creative Commons License


    Total Verschwult…?

    Austausch ist ja immer gut. Sich austauschen. Wie früher in der Schule, man gibt das eigene Balg ab und hofft dafür ein wohlerzogenen Rangen aus dem benachbarten Ausland zu erwerben.

    Austauschen kann man sich aber auch bis ins gediegene Alter, wie ich jetzt dank des Suhrkamp Insel-Verlages erfahren durfte. Dort erscheint nämlich der spannende Diskurs zweiter ausgetauschter Autoren, einer aus Deutschland, einer aus dem Libanon.

    Joachim Helfer (“Du Idiot”) und Rashid al-Daif haben sich auf einen Besuch auf Gegenseitigkeit eingelassen und sollten später darüber schreiben. al-Daif plagen dabei schon vor Beginn der Reise arge Zweifel, was ihn dort erwarten wird, hatte man ihn doch vorgewarnt, das Helfer “homosexuell” sei. Überhaupt seien die Verlotterten westlichen Sitten ja bekannt und da befällt den libanesischen Schriftsteller die Angst, der Kollege könne mehr von ihm wollen, als nur kulturellen Gedankenaustausch zu betreiben. Weiß er doch, daß Schnauzbärte, Brusthaare und haarige Handgelenke auf Schwule unwiderstehlich wirken. Und so wird für ihn die erste Begegnung mit Helfer zu einem Exkurs in “weiblich fühlen”, glaubt er doch erstmals zu wissen, wie sich Frauen fühlen, wenn sie den gierigen Blicken von Männern ausgesetzt sind und keusch ihre Haut bedecken.

    al-Daif schilderte in seinem Bericht seine Eindrücke, sein Befremden aber auch stets sein Bemühen zu verstehen und seine Vorurteile in Frage zu stellen was ihm mal mehr mal weniger gelingt. Helfer kommentiert die Ansichten seines Kollegen, seziert anhand dessen Ängsten und Vorurteilen die fremden Befindlichkeiten, die dem aufgeklärten schwulen Berliner Intellektuellen oft lächerlich und albern erscheinen müssen.

    Was sie oftmals auch sind, aber dennoch lohnt es sich, sich auf diese Lektüre einzulassen, denn bei allen unterschiedlichen Ansichten, bei allen Absurditäten die einem auffallen, wenn man die altmodisch anmutetenden Beobachtungen al-Daifs liest, so kommt man nicht umhin auch Sympathie und ein Gewisses Verständnis zu entwickeln, veranschaulicht er doch deutlich unterschiedliche Denkweisen und grundlegende Konflikte zwischen “Orient und Okzident”. Und Perlodent wahrscheinlich auch. Denn natürlich ist al-Daif alles andere als ein verblendeter Religionsfanatiker, der von Ungläubigen fabuliert. Er ist ein Intellektueller seines Landes, der nicht zum ersten Mal über den Tellerrand blickt, der aber dennoch zutiefst von der Kultur seines Landes und dessen Moralvorstellungen geprägt ist. Ein fundamentaler Unterschied in sexueller Moral, ist der Angelpunkt vieler Unterschiede, die viel erhellendes über das allgemeine Denk- und Wertesystem erahnen lassen.

    al Daif, der gewohnt ist Frauen eher verhüllt und schamhafter zu sehen, kämpft oftmals mit der Reizüberflutung, die für den Kollegen Helfer nicht nur normal, ist sondern nachgrade uninteressant, da er die weiblichen Reize nicht als besonders anregend wahrnimmt, was beim libanesischen Kollegen ein ums andere Mal wieder für Verwunderung sorgt.

    Gerade deshalb ist der ehrliche Blick auf sich selbst, die eigenen Bedenken, Ängste und Vorurteile besonders spannend und sollte nicht voreilig der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Viele Ansichten und Befremdungen al-Daifs dürften wohl auch nicht nur typisch “Orient” sein, sondern sich auch bei konservativen westlichen Zeitgenossen und der religiösen Rechten in den USA wiederfinden – mit dem Unterschied, das bei den Leuten wohl eher selten die Bereitschaft zum Diskurs, zur Selbstreflektion und zur konstruktiven Auseinandersetzung besteht.

    Der komplette Text mit al-Daifs-Beobachtungen ist hier in voller Länge als PDF zu lesen. Die komplette Version, inklusive der Gegenrede Joachim Helfers, findet sich in dem lesenswerten Buch “Die Verschwulung der Welt“.

    Bestell dir: Die Verschwulung der Welt. Rede gegen Rede. Beirut-Berlin

    Joachim Helfers Roman “Du Idiot.”

    Von Batz am 5, 2, 2007 um 21:39 in LiteraBatz, QueerBatz, TagesBatz | 4 Kommentare »

    ___________________________________________________________________________
    ___________________________________________________________________________
    ___________________________________________________________________________

    4 Kommentare zu “Total Verschwult…?”

    1. rene Sagt:

      Brusthaare und haarige Handgelenke wirken auf Schwule anziehend? Oje, wenn wir uns mal treffen, darfst Du dich nicht über Rolli und Schweißbänder im Juni wundern ;-)

    2. diaet Sagt:

      Och René, nicht alles glauben, bloß weil’s schwarz auf weiß steht ;)

      Zum Thema, meinerseits noch nicht reflektiert, aber gehört hierhin: Gegenrede gegen “Rede gegen Rede” bei f*cking queers.

    3. Batz Sagt:

      Das mit den Haaren ist eh ein seltsames Gerüchte-Relikt aus den finsteren 70ern…

      Mit behaarten Armen, haariger Brust oder Bart kannste mich und sicherlich ziemlich viele Schwuppen scheuchen :)

      Da ist dann doch eher der Twink angesagt, als Beutemodell. Aber das dieses seltsame Klischee vom Village-People-Schwulen den Schwuppen angeblich geil finden noch immer derart hartnäckig in den Köpfen von Heteros rumspukt erklärt sicher auch, warum sie immer glauben man würde auf sie stehen, nur weil man schwul ist… *g*

      Am meisten Angst haben ja dann doch eher die, die man im Traum nicht anlangen würde.

    4. caliban Sagt:

      Ich fand das Buch klasse!
      Mal was ganz was anderes. Sehr, sehr geil!
      calibanblog.de/2006/...

      Hab das auch schon dem ein oder anderen wieder ausgeliehen… und alle fanden es zumindest spannend. Vor allem dieser aussenseiterblick auch auf uns selber.

    Sag was zum Thema!

    Kategorien

    Neueste Kommentare

    Archiv

     
    40 queries. 0,291 seconds.