Vor einem Jahr…
Letztes Lichtspiel: Pans Labyrinth
“But captain, to obey – just like that – for obedience’s sake… without questioning… That’s something only people like you do. “
Originaltitel: El Laberinto del Fauno
Herstellungsland: Mexiko / Spanien / USA 2006
Regie: Guillermo del Toro
Darsteller: Ivana Baquero, Doug Jones. Sergi López. Ariadna Gil, Maribel Verdú, Álex Angulo

Spanien 1944. Die elfjährige Ofelia zieht mit ihrer Mutter und ihrem Adoptivvater, einem Capitan des Franco-Regimes in eine kleine Militärsiedlung, die als Stützpunkt im Kampf gegen die letzten Rebellen dient. Ofelias Mutter ist Schwanger und sehr schwach, die lange Reise tat ihr nicht gut, doch Capitan Vidal bestand darauf, daß sein Sohn dort in einem Musterhort des Franco-Spaniens geboren wird.
Unbarmherzig lässt er alle umbringen, die auch nur im Verdacht stehen mit den Rebellen zu sympathisieren und auch zur eigenen Familie ist er kaum nachsichtiger. Da die Mutter zu geschwächt ist um sie zu betreuen, freundet sich Ofelia mit dem Dienstmädchen Mercedes an, die heimlich die Rebellion unterstützt.
Während um sie herum Tumult herrscht, die Rebellen vom Capitano bekämpft werden und ihre Mutter mit dem Tode kämpft, flüchtet sich die fantasievielle Ofelia in eine Traumwelt, in das Labyrinth des Pan, der ihr eröffnet sie sei eine Prinzessin, gestrandet in der Menschenwelt, die nur in ihr Reich zu ihrem wahren Vater zurückdarf, wenn sie drei Prüfungen besteht.
Während Mercedes den Kampf gegen den Capitano unterstützt, nimmt Ofelia ihre eigene Herausforderung an…
Von der ersten Sekunde an gelingt es Guillermo del Toro eine Welt im homogenen Look zu erschaffen, in der die Grenzen zwischen grausamer Militärdiktatur und phantastischem Märchenwald fließend sind. Die Bilder, die Kreaturen, sowohl CGI wie auch klassische Animatronics und Masken versprühen eine visuelle Originalität die ihres Gleichen sucht und leicht alles in den Schatten stellt, was in den letzten Jahren aus Hollywoods Creature-Shops herauskroch.
Märchenhafte Day-for-Night-Shots, die aussehend wie die grimmige Antwort auf Ridley Scotts “Legende“, kontrastieren mit den harten Realitäten des grausame Miltärregimes in dem Morde und Folter an der Tagesordnung sind. Del Torro schaut nicht weg, deutet nicht an, wenn es ans Töten geht. Da werden brutal Gesichter eingedroschen, das man an Irreversibel denken muss, da hagelt es Kopfschüsse, Tritte, Stiche, Wangen werden zerfetzt und Gesichter zerstört.
Einen Kinderfilm wie man nach den frühen ersten Filmbildern und Teasern denken könnte, hatte er nicht im Sinn, die Realistischen Passagen stehen als knallharte Erinnerung an das faschistische Regime, das mit Hitlers Untestützung an die Macht kam und erst Anfang der 80er, sechs Jahre nach Francos Tod endgültig beendet wurde.
Dennoch evozieren Ofelias phantastische Imaginationen ohne Zweifel Anklänge an “Labyrinth“, “Alice im Wunderland” oder “The Wizard of Oz” – Geschichten mit starken Mädchenfiguren die sich in Fantasiewelten träumen um dem Alltag zu entkommen oder dort Herausforderungen bestehen müssen. Ihr Name erinnert zudem an Hamlets unglückliche Geliebte, die sich am Ende dem Tode hingibt, nachdem der scheinbar wahnsinnig gewordenen Prinz sie verschmäht. Auch hier mag man Parallelen erkennen. Doch del Torros Phantasie ist mehr als eine Nachahmung, sie ist in ihrer optischen Komplexität in jeder Faser eigenständig und faszinierend. Eine Meisterleistung sind vor allem der Pan selbst (del Torros Antwort auf David Bowie) und die Figur des Menschenfressers, einer bizarren Kreatur die mit den Händen sieht und am liebsten kleine Kinder verschlingt. Die Tricktechniker und Designer, haben hier Wegweisendes geleistet, ob nun bei den Masken als auch den sehr gelungenen und fast nie als solche erkennbaren CGI-Effekten.
Der Hauptfokus des Film, liegt jedoch und das sollte man vielleicht auch erwähnen, nicht auf der Fantasy-Welt und Ofelia. Die meisten Inhaltszusammenfassungen sprechen von einem düsteren Märchen, vor dem Hintergrund der Franco-Diktatur – akurater wäre es zu sagen, wir erleben einen Ausschnitt aus der Franco-Zeit, aus einem kleinen Gebiet in dem ein Comandante und die Rebellen einander bekämpfen, während nebenher ein kleines Mädchen ab und an in eine Fantasywelt flüchtet.
Und hier, beginnt, so leid es mir tut meine Kritik am Film, in den ich sehr große Hoffnungen gesetzt habe, die er leider nur teilweise erfüllen konnte. Ehe jetzt alle ihre Steine auspacken und Zielübungen machen, ja ich finde “Pans Labyrinth” unbedingt sehenswert und er gehört zu den visuell kraftvollsten Filmen der letzten Jahre. Ja, del Torro beweist wieder einmal sein Gespür für dreckige, in der Realität verwurzelte Phantasmen, die nicht davor zurückschrecken wirklich gemein zu werden.
Dennoch hat der Film Schwächen über die ich schwer hinwegsehen kann. Da ist zunächst einmal die junge Ivana Baquero, die mit der Rolle der Ofelia deutlich überfordert ist. Ihr eher linkisches, undifferenziertes Spiel lässt aus Ofelia eine eindimensionale, wenig charismatische Figur werden, für die man eigentlich nur deswegen die Daumen drückt, weil sei eben ein kleines Kind ist, nicht aber weil sie besonders charmant, witzig, interessant oder intelligent wäre.
Im Gegenteil, die Fantasy-Einschübe, die kaum verzahnt sind mit der übrigen Story und zu denen der Film bisweilen widerwillig zurückkehrt (als habe del Torro im Laufe des Drehs festgestellt, daß ihn der Kampf der Rebellen doch mehr interessiert), fordern wenig von dem Mädchen und geben ihr kaum Möglichkeiten sich als gewitzt oder mutig zu profilieren. SPOILER Wie man es von Klischee-Mädchen in Filmen gewohnt ist, reagiert sie oft sogar eher irrational und dumm. Ob sie eher unmotiviert im Reich des Menschenfressers von den süßen Trauben nascht und diesen damit erweckt, ohne das es eine zwingende Notwendigkeit dazu gäbe (Die Trauben werden kaum als unwiderstehlich eingeführt und auch in der mageren Mimik Ofelias lässt sich kein echter innerer Kampf ablesen), sie braucht ewig bis sie mal in die Puschen kommt, wenn es darum geht ihren Bruder zu retten und wird selbst dann noch von einem Mann eingeholt, der mehrere lebensbedrohliche Stichwunden sowie hochdosiertes Schlafmittel intus hat. SPOILER ENDE
Verglichen mit Sarah, aus Jim Hensons Klassiker Labyrinth (aus dem del Torro sich anscheinend die Inspiration zum Irrgarten und das Motiv des zu beschützenden kleinen Bruders auslieh), macht Ofelia kaum eine Entwicklung durch, sie wächst nicht im Laufe des Films, wenn man es böse formulieren will ist ihre Story im Vergleich zum Kampf den die wesentlich faszinierendere Mercedes durchlebt, eher überflüssig.
Pans Labyrinth könnte ohne Ofelia auskommen, ohne phantastische Elemente und es wäre immer noch ein bildgewaltiger, harter Film mit zwei starken Antagonisten: Mercedes, gespielt von Maribel Verdu und Sergi Lopez als Capitano Vidal. Natürlich wäre er dann weniger innovativ und würde wesentlich weniger Leute interessieren, aber vielleicht wäre er auch besser, weil man sich vollständig auf die Geschichte des politischen Kampfes, auf den faszinierend grausamen Comandante konzentrieren könnte, dessen eiskalte Sadismen die letzten 10 Bond-Bösewichte locker an die Wand spielen.
Natürlich ist Ofelias Welt wunderschön anzusehen und genau da liegt das Problem. In der Erwartung, daß sie eine wichtigere Rolle spielt, ist man oft enttäuscht nur so wenig von diesem anderen Universum zu Gesicht zu bekommen, scheint doch das was man sieht wirklich organisch, lebendig und spannend zu sein.
Stellenweise hatte ich wirklich das Gefühl zwei Filme zu sehen, die nebeneinander herliefen und sich kaum berühren. Es mag Anklänge des realen Grauens in der Fantasywelt geben, richtig ausgearbeitet sind diese Szenen nicht, als Spiegel eines gemeinsamen Kampfes in zwei Welten taugt Ofelias Erlebnis kaum, denn dazu bleiben ihre Handlungen zu wirkungslos. Würde man alles Fantastische aus dem Film herausschneiden, würde er wohl dennoch funktionieren.
Ob “Labyrinth” oder “Mirrormask“, ob “Unendliche Geschichte” oder “Zauberer von Oz”, die jugendlichen Helden und Vorbilder Ofelias sind leider allesamt spannender, ihre Abenteuer nachvollziehbarer, da sie immer auch etwas über persönliche Reifung, Weiterentwicklung und der Verarbeitung von Problemen aussagen. Ofelia ist nur ein überfantasievolles Mädchen, mit schlechtem Timing und beschränkten Talenten, die zudem von einer eher minderbegabten Jungschauspielerin verkörpert wird. Das geht zu Lasten der Empathie und ließ mich am Ende mehr um den Ausgang der Realstory mitfiebern, mit Mercedes, dem Doktor und den Rebellen.
Die Klammer die den Film einrahmt, die gesprochene Narration suggeriert eine Märchenhaftigkeit und Bedeutsamkeit, die del Torro bei aller visuellen Wucht seiner Fantasywelt selbst nicht zugesteht. Was bleibt ist ein optische faszinierendes, unbedingt sehenswertes und dennoch ein wenig unbefriedigendes Spektakel, das mich mit dem Gefühl zurückließ statt zwei wirklich brillianten Filmen, nur einen mittelprächtigen zu sehen, der bei aller Imagination und Grandezza erzählerisch weit hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Zwei Skizzierte Ideen in einem Film, die ausgearbeitet viel größer werden könnten.
Marketingtechnisch ist das nach “Bridge to Tarabitha” ein weiterer Film, der mehr Fantasy verspricht als er letztlich hält.
Schaut euch den Film an, aber schraubt eure Erwartungen lieber etwas runter. Sehenswert ist er in jedem Fall. Nur leider kein Meisterwerk.
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Von Batz am 28, 2, 2007 um 16:36 in CineBatz, TagesBatz | 7 Kommentare »___________________________________________________________________________
7 Kommentare zu “Letztes Lichtspiel: Pans Labyrinth”
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- achja der nächste der im Zusammenhang mit Inception vom "Film des Jahres" spricht bekommt einen Schuh an den Kopf. War 2010 echt so mies?
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28. Februar 2007 at 23:59
Es war ja sehenswert,aber ja auch kein Meisterwerk. Die Endung war nach meiner Meinung sehr schwach. Was war das?
01. März 2007 at 0:26
Ich fand ihn sehr gut und war gerade von der sparsamen Dosierung der Fantasy-Anteile angenehm überrascht. Klar, die Werbung bzw. das Plakat suggeriert ein umgekehrtes Verhältnis von Fantasy zu Realität als der Film bietet aber mich hat die Geschichte (für mich ist es eine zusammenhängende Geschichte) völlig überzeugt und mitgenommen.
Hätte den Oscar IMO sicherlich eher verdient als “unser” Machwerk über Stasi-Emotionen.
02. März 2007 at 8:07
Wow. Deiner Kritik gibt es nichts hinzuzufügen.
Was die “Unendliche Geschichte” angeht muss ich dir leider sagen, dass ich alle Filmumsetzungen grauenvoll schlecht umgesetzt fand, auch wenn Fuchur wohl von der Optik der Vorstellung Endes recht nahe kam.
“Pan’s Laybrinth” ist ein beeindruckender Film. Das Ende hat mir im übrigen sehr gut gefallen.
02. März 2007 at 15:29
Ich denke diese derart nüchterne Analyse ist Zeugnis dafür, dass dich die Magie des Films nicht in soweit erreicht hat, wie von Del Toro intendiert, was ich ein wenig schade finde. Als ich den Film im November völlig unvorbelastet gesehen habe, wurde ich umgehauen von der visuellen und vor allem narrativen Wucht dieses Meisterwerks. Ich bin mir sicher, dass der Film das Genre der Fantasy nachhaltig verändern und bald als Meilenstein gelten wird. Sein Ansatz – Fantasy als etwas individuell Greifbares, das sich im dunklen Unterbewussten generiert – verleiht dem Genre Funktion und Legitimität zugleich und lässt das Klischee epischer Drachen- und Monstergeschichten weit hinter sich.
06. März 2007 at 17:36
Deine Analyse ist sehr präzise aber m.E. zu “handlungsorientiert”, und wird dadurch dem Film nicht ganz gerecht. Natürlich hätte die reale Geschichte ohne die Fantasy-Geschichte auskommen können und es wäre vermutlich nicht groß aufgefallen. Aber damit wäre dem Film die komplette psychologische Ebene genommen.
Für den Film ist es vielmehr irrelevant, ob Ofelia scchlau, geschickt oder sympathisch ist. Entscheidend ist nicht ihre Wirkung auf die Außenwelt, die Story und den Zuschauer, sondern die Wirkung der Außenwelt auf sie und ihre Verarbeitung dessen in den Fantasy-Sequenzen. Ihr innerer Kampf, der sie umgebenden Realität einen Sinn zu geben. Und gerade dadurch, dass dieses NICHT in einem für einen Erwachsenen sinnvollen Rahmen geschieht (“warum isst sie bloß Weintrauben?”), macht den Film schlüssig und komplett. Die Wirklichkeit wird für Ofelia (und dadurch auch für den Zuschauer) erst durch die Negation der Wirklichkeit verständlich.
Das grenzt für mich schon an ein Meisterwerk.
06. März 2007 at 19:22
Sorry, aber das ist mir zu schwurbelig. Eben grade der fehlende Zusammenhang zwischen Aussen- und Innenwelt ist das was ich störend finde. Den auf Biegen und Brechen da reinzuinterpretieren, funktioniert für mich nicht. Und wieso sollte es unwichtig sein, ob eine Hauptfigur interessant ist? Ich find es etwas billig, wenn ein Film von mir erwartet, daß ich mich nur deshalb für seine Figuren zu interessieren habe, weil er sie als Protagonisten präsentiert. Fakt war für mich, daß Ofelia nicht sehr interessant ist, weder in ihrer Aussenwelt noch in ihrer Innenwelt.
Es gibt wesentlich spannendere und intelligentere Filme, die die Wechselwirkung zwischen kindlicher Wahrnehmung, phantastischer Aufarbeitung und der Realität dargestellt haben. Spontan fällt mir da “Leolo” ein, aber selbst “Mirrormask” fand ich erfolgreicher in der Umsetzung dieser Ziele.
08. März 2007 at 21:51
Der Regisseur muss irgendeinen Chirurgiefetisch haben. Mussten die Schneid-, Säg- und Nähszenen so in ihrer ganzen Herrlichkeit gezeigt werden?! Ein simples Geräusch mit anderem Bild hätte es manchmal auch getan. Vielleicht bin ich auch zu zimperlich. Ansonsten gut gemacht.