Vor einem Jahr…
Einer für alle: Zieht an meinem Finger!
Die zunehmende adicalisierung der Blogszene macht mir Angst.
Nee Blödsinn.
Man kann über alles reden. Nur nicht über 1:30. Danach hört einem eh keiner mehr zu.
Auch Blödsinn.
Mich irritiert bei der Diskussion um adical aber auch die re:publica vor allem dieser merkwürdige Alleinvertretungsanspruch, der den Machern und Teilnehmern dort unterstellt wird. Wer behauptet den? Und wer wird gezwungen, würde er behauptet, dem zuzustimmen?
Sprechen Johnny und Co. für die Blogosphäre? Wohl kaum. Sie sagen ihre Meinung, der man zustimmen oder sie für Gedöns halten kann. Sie wählen Themen aus, die sie interessieren, sie sagen was sie für blöd halten oder richtig. Das ihnen ein paar mehr Menschen zuhören mögen ist richtig, aber nicht zu ändern und sollte nicht zwangsläufig dazu führen, daß man nicht mehr das machen kann, was man möchte.
Die einen beklagen die fehlende Präsenz von Katzencontent-Blogger auf der re:publica, den anderen ist jede Form von Werbung ein Graus und das Sascha Lobo mindestens Idi Amin Reloaded ist, darauf scheint man sich mittlerweile geeinigt zu haben.
Ich mag naiv sein in dieser Hinsicht, aber ich kann auf Führerfiguren und Lichtgestalten verzichten. Ich stelle nicht den Anspruch, daß irgendjemand das Wahre, Schöne und Gute in seiner Essenz verkörpern muss, nur weil ich einiges von dem was macht, schreibt oder sagt wirklich klasse finde.
Nicht jeder Schwule der in der Öffentlichkeit steht, muß den Vorzeigekasper machen und besser sein als jeder Hetero. Drauf geschissen. Es gibt Leute die sind 15 Jahre nach ihrem Outing noch verklemmt wenn man sie aufs Schwulsein anspricht, machen aber gern den dicken Reportage-Onkel auf Werbeblogs. Was soll ich jetzt sagen? Kerkeling soll gefälligst mit umgeschnallter Regenbogenfahne auf dem nächsten CSD den Eintänzer geben, weil er verpflichtet ist das leuchtende Vorbild, den Vorkämpfer für Schwule Emanzipation zu geben? Muss ich jetzt alles von ihm hassen und ihn in Grund und Boden verdammen, weil er es nicht macht?
Drauf geschissen. Ich kann einige Sachen von ihm witzig finden (Club Las Piranjas ist nach wie vor großartig) und andere Sachen schweinelangweilig.
Ich will Spreeblick lesen und dennoch nicht als Jubelperser beschimpft werden. Ich finde viele Texte von Malte großartig, ich find einige von Johnnys Texten klasse, ich find eine ganze Menge der Musik- oder Techie-Themen auch eher langweilig. Aber mich zwingt niemand alles toll zu finden. Ich war noch nie ein Fanboy, der alles entweder in den Himmel lobt oder völlig verdammt. Wie das Web ist auch jedes Blog ein Angebot, bei dem man nicht gezwungen ist, entweder alles oder nichts zu konsumieren.
Bei jedem Kulturprodukt, daß eine Weile erfolgreich war kommt unweigerlich der Punkte, an dem die “Fans” plötzlich ein Anspruchsdenken entwickeln und meinen sie hätten das Recht irgendwas zu fordern. Bei den “Simpsons” wird seit 8 Staffeln immer wieder von neuem behauptet, die jeweils aktuelle wäre die “Worst Ever”. Aber wer wird gezwungen sich das noch angzugucken? Als Akte-X anfing sich so zu verzetteln, daß mich die Serie nur noch genervt hab, hab ich aufgehört zu gucken. Wenn “Lost” so weitermacht, weiß ich auch nicht ob ich die Serie weiterschauen werde. Das ist meine Entscheidung, genau wie ich darüber schreiben kann, was mich daran stört und wenn ich Lust dazu habe kann ich mit anderen darüber diskutieren.
Das steht mir frei, diskussionen können ja auch Spaß machen. Blödsinnig ist es nur, wenn ich anfange irgendein Blog, eine Serie, eine Person die erfolgreich ist, als Vorzeigefigur derartig zu zementieren, daß ich ihr das Recht abspreche noch eigene Meinungen zu haben, eigene Fehler zu machen und manchmal auch einfach unbedachten Quatsch zu reden.
Klar Sascha ist ein Selbstdarsteller, eine Rampensau, einer der mit flapsigen Sprüchen daherkommt und den Mund gern sehr voll nimmt und gut austeilen kann. Das mag manchen Leuten auf den Sack gehen, letztlich werden ihn die teilnehmenden adical-Blogger wohl daran messe, was nach einem Jahr bei der Sache herauskam. Genauso werden es die Werbekunden machen.
Das ganze kann ein Erfolg werden oder furchtbar in die Hose gehen, aber wenn es floppt ist es für Sascha und Johnny sehr viel ärgerlicher, als für die adical-Blogs, denn die haben bis auf ein paar Artikel relativ wenig Arbeit damit gehabt. Insofern kann ich auch auf das Mitleid gut verzichten, was einige meinen uns armen Bloggern angedeihen lassen zu müssen, die wir auf adical reingefallen sind.
Wir konnten bisher ohne Werbung bloggen, es wäre cool wenn wir damit etwas Kohle verdienen könnten, aber wenn es nicht klappt dann bricht uns auch nichts weg, wir machen so weiter wie vorher, freuen uns über die paar Öcken die über Amazonlinks reinkommen und überlegen wie wir die Miete für den nächsten Monat zahlen sollen.
Man kann gerne drüber diskutieren ob Cisco nun der Superstartpartner war, aber ich bezweifle ehrlich gesagt, daß die meisten sich über die Werbung in der CT soviel Gedanken machen, wenn sie drüber wegblättern. Klar, es gibt vieles was diskutabel an Werbung ist und ich kann jeden verstehen, der sagt “Ich will keine Werbung sehen und keine machen”.
Aber das ist euer Bier, jeder muß mit sich klarkommen, sollte das Recht haben etwas auszuprobieren und im Zweifel hinterher auch zu sagen: Das war scheisse, lassen wir morgen weg.
Wer die ominöse Blogosphäre durch adical oder die Themen und Protagonisten der re:publica gefährdet sieht, hängt das alles glaube ich sehr viel höher und spricht ihnen sehr viel mehr Macht zu als sie selber haben wollen oder behaupten. Wer einen Führer sucht, der ist bei Johnny eh an der falschen Adresse, weil er der erste wäre, der zugibt, daß er eben nicht von allem einen Plan hat und immer weiß was richtig ist.
So wie ich jedem Schwulen sage, freu dich über positiv wahrgenommene Schwule in der Öffentlichkeit, aber mach dich nicht alleine davon abhängig und vor allem schrei nicht rum, daß dir die CSD-Tunten das Image versauen, so kann ich nur jedem Blogger sagen: Mach doch einfach dein Ding. Stell dich so da wie du willst, aber erwarte nicht, daß jeder Blogger den du magst, immer 100% für deine Interessen sprechen muss.
Wenn ich mit meinen Freunden immer einer Meinung wäre, würd ich mich langweilen. Im Diskurs, auch im emotional geführten liegt eine Spannung, die das miteinander lebenswert macht und einen hohen Wert darstellt. Warum sollte man aus Proporzgründen immer alles abdecken müssen? Wo bleibt das Recht auf Meinungsfreiheit und Interessenfreiheit für die Blogger die etwas bekannter sind? Darf einer nicht mehr aus dem Bauch heraus Gedöns schreiben, daß er tags drauf korrigiert, nur weil er statt 200 Leser 6.000 Leser oder noch mehr hat?
Wenn man an Blogs schätzt das sie eigensinnig sind, daß sie eben anders sind als andere Medien, dann muß man auch akzeptieren, daß Leute die man mag oder schätzt oder sogar für Vorbilder hält mal falsch liegen oder Dinge sagen die man für Blödsinn hält – ohne sie gleich in Bausch und Bogen zu verdammen oder zu behaupten, daß sie die Blogosphäre beschädigen… denn die Blogosphäre, das sind nicht nur die re:publicaner und die Katzenblogger, das seit ihr.
Und wie ihr euch darstellt, bleibt immer noch euch überlassen. Wer immer einen Schutzpatron braucht, aus dem er seine Legitimation zieht und durch den er sich repräsentiert fühlt, der hat ein Problem.
Kill your idols? Blödsinn. Man sollte gar nicht erst idolisieren, dann fällts leichter die Leute als normale Menschen zu sehen.
Jeder hat das Recht, ab und zu mal ein Arschloch zu sein. Wie oft er davon Gebrauch macht, ist jedem selbst überlassen.
Verwandte Artikel
Von Batz am 13, 4, 2007 um 11:59 in NetMondo | 9 Kommentare »___________________________________________________________________________
9 Kommentare zu “Einer für alle: Zieht an meinem Finger!”
Sag was zum Thema!
Batz Getwitter
- RT @hexachordal my new hobby: driving past fat women and shouting "Show us yer personality!"
- manchen alten Filmen tut blu-ray-Abtastung gar nicht gut #clashofthetitans
- @IamNoSuperman ich mußt bei dem film immer nur würgen #philadelphia
- timothy olyphants mimik ist wie schäfchen zählen. nur nicht so spannend.
- urgs. auf den artikel des tages der deutschen wikipedia hätte ich heute auch gern verzichtet... via @Arik_E
- @hexachordal disambiguation? Sounds like a good album title...?
Kategorien
- BatzCAST
- BatzToons
- CineBatz
- Derek und Kress
- Garry Poppers
- Karla im Koma
- LiteraBatz
- MediaBatzBits
- NetMondo
- QueerBatz
- SuchBatz
- TagesBatz
- Zappat
Neueste Kommentare
- Michael bei Reif für die Insel?
- r-a-d-o bei Garry Poppers: Kapitel 42
- Jürgen bei Die YouTube-Zensur Offensive
- nvonatiq bei Spanische Tarnkatzen und schamloses Betteln
- rauskucker bei Die YouTube-Zensur Offensive
Archiv
del.icio.us
- ACTA: Haftstrafen für Filesharer? - Golem.de
- Menschenrechtsinitiative: Scientologen narren Uno und Politiker - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama
- heise online - 13.01.09 - Bundesregierung treibt Netzblockaden gegen Kinderpornografie voran
- Heiliger Zorn: Evangelikale führen Kreuzzug gegen Schüler-Autoren - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - SchulSPIEGEL
- Bloomberg.com: Opinion
- Heilmann und die deutschen Gesetze down « FUNK_FEUER
- Sicherheitsmaßnahme an Flughäfen - Der entblößte Bürger - Politik - sueddeutsche.de
- The Complete Walrus Bucket Saga - Mah associates has informed me
- heise online - 11.09.08 - EU-Innenpolitiker wollen sämtliche digitalen Nutzerspuren überwachen
- gulli: ACTA:Geheime Urheberrechtkommission berät beim Abkommen?
- Landtag: Neue Hürden für Demos | Aktuell | BR
- Medienwächter fordert internationales Porno-Verbot im Internet - heise online
- sciencevsreligion.jpg (JPEG-Grafik, 800x600 Pixel)
- Archive > Real Men Love
- Sex pictures shock! « Curly’s Corner Shop, the blog!





13. April 2007 at 12:22
Hach ja das war doch jetzt mal fein geschrieben, danke dafür! Ich bleib bei meiner Theorie, die meisten, die diese unsägliche Grundsatzdiskussion angestoßen haben, sind doch nur Neider
13. April 2007 at 12:55
Solche Artikel sind der Grund warum ich (noch) nicht blogge….so schön schreiben kann ich’s wahrscheinlich nicht und außerdem wäre ich wieder viel zu langsam gewesen. Deshalb freue ich mich jeden Tag darüber viele, viele Blogs lesen zu können und ab und zu zu kommentieren….Danke an Euch Alle!
15. April 2007 at 21:05
Danke Batz! Einfach nur: Danke!
15. April 2007 at 22:07
Ich kann dieses deutsche Gejammere auch nicht mehr ab, da darf man sich dann auch gerne mal ne Scheibe bei den pragmatischen Amerikanern abschneiden. Werbung ja/nein ist eine persönliche und individuelle Entscheidung. Wenn die Zeit die man ins Blog steckt auch irgendwie materiell versilbert wird ist das doch okay.
Allerdings sollte Lobo definitiv vom CEO-Posten ins Entertainment-Biz wechseln, er ist verdammt unterhaltend und komisch!
15. April 2007 at 23:51
sehr schick, danke dafür.
16. April 2007 at 1:23
Lost ist und bleibt toll. So.
16. April 2007 at 1:51
dieser merkwürdige Alleinvertretungsanspruch, der den Machern und Teilnehmern dort unterstellt wird. Wer behauptet den?
Den behaupten die einzigen, die hinreichend Aufmerksamkeit auf die Blogosphäre lenken können. Die sogenannten klassischen Medien. Den Erst erledigt die Schweigespirale.
16. April 2007 at 1:52
Den Rest, meinte ich.
16. April 2007 at 2:38
Das war ja u.a. eine der Behauptungen die ich im Schweige, Spirale!-Artikel schon nicht nachvollziehbar fand.
Was kümmert es den einzelnen Blogger, welches Bild Otto Pupsmichel von ihm hat? Und sollte Otto Pupsmichel durch Zufall mal über einen Bloggertext stolpern, kann er nicht vielleicht doch selber denken und entscheiden, ob ihm das nun gefällt oder nicht?
Klar es gibt viele idiotisch-dumme Artikel der etablierten Medien übers Bloggen. Aber die gab es vor der re:publica und wirds weiterhin geben. Den Protagonisten dort nun die Dummheit der Journaille vorzuwerfen halte ich für den falschen Weg, denn meine Erfahrung zeigt: Man kann den Medien noch so genau und differenziert etwas erklären, sie werden letztlich doch den Blödsinn schreiben den sie wollen.
Jemand der sich auskennt und freiwillig über das Thema schreibt, der wird ab und zu mal einen besseren Beitrag bei den etablierten Medien veröffentlichen, dazwischen gibts viel Gedöns wie zu jedem verdammten Thema. Ich hab auch selten gehört, daß sich die Veranstalter von LAN-Parties, DVD-Börsen oder oder Comic-Cons so rechtfertigen mußten, nur weil sie ihre Nasen für etwas hinhielten, was in der Presse dann falsch oder einseitig wiedergegeben wurde. Auch diese Leute haben in der Regel nie behauptet für alle Gamer, Film- oder Comic-Fans zu sprechen.