Vor einem Jahr…
Gayt doch einfach fort…
Die allgemeine Qualität publizistischer Periodika für den homophilen Markt ist in Deutschland ja doch eher bescheiden. Wo in den angelsächsischen Ländern schon lange qualitativ hochwertige, journalistisch diskutable Blätter wie “The Advocat” oder die “Gay Times” erscheinen, dominieren in Deutschland Magazine, die irgendwo auf halber Strecke zwischen Wichsvorlage und Werbebroschüre stehengeblieben sind.
Allenfalls einigen Gratis-Blättern wie der Siegessäule oder dem Hinnerk gelingt es doch mal ab und an ambitioniertere Artikel zu veröffentlichen, doch auch hier ist die Qualität durchwachsen und es dominieren die Stylishen aber inhaltsleeren Allesbewerber wie die Sergej, Box, Our Munich und wie sie alle heißen.
Deutschlands ältestes Schwuppenblatt, die “Du & ich”, die jahrelange nur als gedruckte Ausgabe von “Lowered Expectations” versuchte legasthenische Frontallobotomierte an den Mann zu bringen und als Masturbationshilfe für Leute diente die zu blöd waren einen Browser zu bedienen, wurde zwar nach einem Verlagswechsel generalüberholt und aufwendig ge-re-launched, kann sich aber immer noch nicht so recht entscheiden ob sie nun ein ernsthaftes Schwulenmagazin oder doch nur eine Gay-BRAVO sein möchte (wobei sie selbst in dem Bereich nicht das Niveau des XY-Magazins erreicht). Auf jeden Fall heiße ich nicht Sascha.
Die OUTLINE, die sich vor einigen Jahren anschickte sowohl Lesben wie auch Schwule anzusprechen und die vollends auf Fleischbeschau-Fotostrecken verzichtete, bot zwar spannende Artikel und ein gefälliges Layout, konnte sich aber dennoch nicht durchsetzen und verschwand nach nur einem Jahr wieder.
Insofern ist die Ankündigung endlich ein ambitioniertes, schwules Magazin auf den Markt zu werfen ja durchaus ein ehrenwertes Ansinnen, besonders wenn man verspricht sich dabei an Vorlagen wie der “Gay Times” orientieren zu wollen. So richtig professionell wolle man das Ganze angehen und sich abheben von den üblichen Blättern. Okay etwas stutzig wird man, vielleicht wenn man liest, sie wollten mit dem “G-Mag” betitelten Blatt mit der “Vanity Fair” konkurrieren, denn auf Bären auf dem Cover kann ich dann doch verzichten.
“Wir beweisen, dass auch schwule Medien professionell gemacht werden können”, so Chefredakteur Andreas Hergeth. “Unsere anspruchsvolle Zielgruppe verlangt mehr als Termintipps oder Nacktfotos. Moderner Look, starke Themen, trendige Erotik – das ist unser Konzept.”
(Quelle: DWDL)

Noch mehr zweifeln ließ mich dann allerdings der Blick auf das Titelblatt der neuen Postille. Vor fiesem Fliederton küsst sich ein beanzugtes Pärchen. Darüber ein eher hässliches Logo, daß durch einen ebenso hässlichen Regenbogenpunkt getrennt wird.
Okay es kommt ja nicht nur auf die Optik an, aber die springt einem zuerst ins Auge. Das Magazin sieht gruselig layoutet aus. Die dazugehörige Website könnte von 1998 stammen und scheint vom Praktikanten in der Mittagspause zusammengeklöppelt. Eine linkisch in Tabellen zergliederte Ansammlung in mauve, umbra und grau. Optimiert wurde Seite offensichtlich für… ja gar keinen Browser.
Vielleicht reissen die Themen was raus? Hm, der Aufmacher ist “Schwule Ehe”, na das hatten wir ja auch erst 300x. Dann was zum Grand-Prix, naja bietet sich an, ist aber eigentlich auch durch. Dann ein bissel Reiseschnickschnack und ein Bericht über L-Word, die Serie läuft ja auch erst seit über nem Jahr.
Und dann kommt der investigative Knaller: Gayromeo – Dating am Ende. Moment hatten wir das nicht neulich erst bei Polylux in einem ganz ganz schlechten Beitrag? Stimmt und genau in dieselbe Hupe stösst G.Mag jetzt auch.
Das Ende von GAYROMEO
Die Fassade bröckelt: die „Blauen Seiten“ werden zur „Blauen Seuche“. Immer mehr User sind von Gayromeo frustriert: Sie kehren der virtuellen Datingwelt den Rücken und suchen ihren Traummann jetzt im realen Leben
Schluss mit dem Wahnsinn!“ Der Potsdamer Manuel (23) hat die Nase voll von Gayromeo. Zu seinem Geburtstag Ende April löschte er sein Profil und den Club, den er in den vergangenen Jahren betreut hatte. Vier Jahre Gayromeo sind genug.
Irgendeine beleidigte Trine wird zitiert, die jetzt ihr Profil gelöscht hat, weil sie endlich aus der Virtualität rauswill. Als wenn sie irgendjemand gezwungen hätte, die zu leben. Und natürlich wird die Mär der aussterbenden Schwulenkneipen die unter Romeo leiden, wieder ausgerollt, was zeigt, daß die Autoren wohl kaum ausserhalb Berlins recherchiert haben dürften. Das Ganze wird mit Fotos garniert, die der Redakteur anscheinend selbst geschossen hat und die so gar nichts gemein haben, mit dem angestrebten Hochglanz-Journalismus an dem man sich messen möchte.
Richtig peinlich wirds dann, wenn man nachdem man vollmundig konstatierte das “Die Gayromeo-Blase geplatzt sei” den Lesern allen Ernstes MySpace als Chatalternative empfiehlt.
G-MAG stellt die wichtigsten Konkurrenten vor: Sex ist für schwules Leben konstitutiv. Schwule sind Männer, die Sex mit Männern haben. Da mag es verwundern (oder gerade nicht), dass ein Hauptkonkurrent die Online- Community Myspace.com ist. Abermillionen Menschen haben hier ein Profil, Heten, Homos und Undefinierte. Der Gabi-Akquise steht nichts mehr im Weg, und man kann auch alte Hetero- Kumpels online die Freundschaft halten.
Ganz genau, bei MySpace stehen die Menschen im Mittelpunkt. Und zwar die die ihre Profile mit Scheissdreck, Musikplayern und Bildchen zuballern und den Eindruck vermitteln mit einer Überdosis Ritalin immer noch hippelig und schweinegutdrauf zu sein. Kein Wunder, wer das Layout des G-Mag für Stylish hält, der findet auch MySpace gut. Wer zu blöd ist Romeo auch ausserhalb der Sexsuche zu nutzen, geht einfach ins virtuelle Kinderperlenparadies für Aufmerksamkeitsgeschädigte. Wohoo. Thats Qualitätsjournalismus vom Feinsten.
Starke Themen und trendige Erotik. Genau.
Im Trend-Bereich darf ein Sprecher der Firma Schwarzkopf sagen, was denn die tollen neuen Frisurentrends sind und unter Erotik finden sich megakritische Pornofilm-Rezensionen. Öhem.
Obendrein darf man online noch Abstimmen, welches die erogensten Zonen des Partners sind
Welche erogene Zone sollte dein Partner am meisten stimulieren?
a) Hals und Gesicht
b) Rücken und Bauch
c) Armbeugen und Achseln
d) Beine und Füße
e) Hintern
f) das beste Stück und drum herum
g) überall
Die einzig richtige Antwort ist natürlich e) und genau daran geht mir dieses Blättchen in Zukunft völlig vorbei. Ganz innovativ und hochwertig.
PS: Unter Fernaliefen findet sich auf der Website nicht nur der Aufruf, daß man Fotos von sich kostenfrei zum Abdruck freigeben soll – mit der Verlockenden Aussicht dann vom “Profi“-Fotografen des G-Mag abgelichtet zu werden, nein man findet auch diese Aufforderung:
Du bist witzig, kreativ und machst dir deine eigenen Gedanken über die schwule Welt? Du kannst manchmal bitterböse sein und dann wieder über die Macken der Kerle schmunzeln?
G-MAG sucht Blogger mit Mut zum persönlichen Statement für den Online G-Blog! Bewirb dich mit einem ersten Text unter….
Na, soll ich mich da bewerben. Mit meinen manchmal bitterbösen Gedanken zu schwulen Medien?
Von Batz am 1, 5, 2007 um 23:33 in MediaBatzBits, QueerBatz | 12 Kommentare »___________________________________________________________________________
12 Kommentare zu “Gayt doch einfach fort…”
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01. Mai 2007 at 23:54
etwas qualitativ hochwertiges lässt sich da leider wirklich nicht finden.
da wird man wohl auf das nächste magazin warten müssen, vllt wird es sowas ja wirklich mal in DE geben.
abwarten und tee trinken.
(geiles blog übrings)
02. Mai 2007 at 9:46
ich weiß nicht, wie viele jahre ich schon die sogen. “schwule presse” ignoriere. vom g-mag hätte ich ohne dich wahrscheinlich nichts mitbekommen. also: danke.
kann es sein, dass “schwulsein” nicht ausreicht, um ein journalistisches (print-)produkt inhaltlich zu tragen?
02. Mai 2007 at 11:02
Danke für den Selbsttest, Batz. Ich glaube, ich halte es da weiterhin wie mit dem bloggen und schließe mich h.s Frage an:
warum sollte “schwulsein” für ein (ernstzunehmendes Printprodukt) Inhalt genug sein? Und selbst wenn: müsste das dann doch eigentlich ein Politik-, Glamour-, Sex-, Psychologie-, Mode- etc. Magazin gleichzeitig sein. Kann doch nicht klappen.
02. Mai 2007 at 12:42
In anderen Ländern klappt das ja mitunter doch recht gut. Natürlich sind auch nicht jede Ausgabe des Advocat oder der Gay Times supertoll, aber insgesamt machen sie doch einen journalistischeren Eindruck als die bisherigen deutschen Anläufe in dieser Richtung, wobei die OUTLINE wirklich noch recht gelungen war, aber vielleicht etwas zu ernsthaft daherkam.
Ich vermute einfach, daß es wie so einfach auch am Geld mangelt, denn anständiger Inhalt kostet eben. Das ist wie mit den übrigen Medien auch: Dort wo alles mit Praktikanten und Volontären gemacht wird und man beschissen bezahlt wird, leidet eben auf lange Sicht der Inhalt.
02. Mai 2007 at 15:36
oh ja, du sprichst mir aus der seele.
wenn ich sowas wie “homopresse” lese dann nur den kompass, obwohl der auch zu wünschen übrig lässt.
egal ob schwul oder lesbisch, die themen sind ähnlich, langweilig, klischeebehaftet und stellt die szene dar, als ob wir alle an unseren altbackenen stereotypen haften und alle ein bisschen auf beschränkt machen. peinlich!
02. Mai 2007 at 21:19
“kann es sein, dass “schwulsein” nicht ausreicht, um ein journalistisches (print-)produkt inhaltlich zu tragen?”
Genau das befürchte ich auch, es gibt ja eigentlich auch kein “Heteromagazin”, sondern entweder Männer- oder Frauenzeitschriften und auch hier sind die meisten Themen jenseits der “typischen” Interessengebiete (Mode und Autos) bereits bis zum Erbrechen durchgekaut.
03. Mai 2007 at 12:35
moment mal, mit “heteromagazin” lässt sich das nicht vergleichen, da hetero als kategorie ja der vorherrschende diskurs ist. bei der gay press geht es ja genau darum, den randgruppenstatus als konstituierendes element einer gruppenidentität publizistisch/kommerziell zu nutzen.
man könnte eher fragen, ob sowas wie ein “ausländer”magazin funktionieren würde. wahrscheinlich auch nicht, da innerhalb der gruppe die unterschiede zu groß sind.
03. Mai 2007 at 20:12
Jep genau das ist das Problem. So sehr ich gewisse Schwierigkeiten bei Schwulen Magazinen sehe, so sehr muß man dennoch feststellen, daß alle anderen Magazine spezifisch Homosexuelle Themen eben nicht bringen bzw. höchstens mal aus der Zoo-Perspektive, guck mal da die verrückten lustigen Schwulen.
Der typische Abwehrreflex “Muss es denn unbedingt etwas geben, daß sich speziell den Homos widmet”, egal ob es nun um TV-Sendungen, Magazine, Chats, Radiosendungen usw. dreht, ist solange albern, solange Schwule Belange in den Mainstream-Medien eben nicht vorkommen. Natürlich gibt es hetero-Magazine, denn jedes Magazin ist perse erstmal ein Hetero-Magazin. Solange sich das nicht ändert und nicht selbstverständlich und regelmässig auch dort über explizit schwule Themen berichtet wird, braucht es leider diese “Spezial”-Magazine.
Und wenn man sich im Ausland umguckt, dann sieht man, daß es durchaus möglich ist sowas in ansprechendem, journalistischen Selbstverständnis erfolgreich aufzuziehen.
04. Mai 2007 at 14:57
Passend zum Thema ein Interview mit dem G-Mag Chefredakteur: visdp.de/pdf_magazin...
Bilde ich mir das ein oder lest ihr auch zwischen den Zeilen die Herablassung und den Spott des Interviewers?
04. Mai 2007 at 20:24
So berechtigt einige Fragen auch sein mögen, wenn man so ein Krampfblatt wie die V.I.S.D.P. rausgibt, die in einem unlesbaren Format als PDF serviert wird, und gruselige Klippschulgedichte auf Medienleute verfasst, dann gilt doch eher der Satz vom Glashaus: Wer drinsitzt, sollte sich im Dunkeln umziehen.
14. Mai 2007 at 16:57
Also mal ehrlich, ich würde sagen dieser Blog bringt es auf den Punkt.
Weichgekochte Themen gibt es schon in diversen “schwulen Stadtmagazinen” zum .ten Male aufgewärmt, dafür muss man nicht auch noch Geld ausgeben.
Community hin oder her. Aber wenn ich dann solche Artikel lese von frustrierten Trinen die von Gayromeo flüchten weil es so oberflächlich ist. Dann ist das wohl doch vielmehr eine Kritik an uns Schwulen selbst und nicht an der Plattform welche die Basis dafür bereit stellt. Oder sollten wir hoffen dass es mit dem Aufkommen von einer künftigen Plattform im Zeitalter von Web 85.0 dann mal so läuft dass der Rechner sich ausklingt sobald das niveau der ansteuerten Seite (bzw. der User) unter der Zimmertemperatur liegt?
Stellt sich doch wirklich die Frage ob man den schwulen Leser für dummdreistnaiv hält oder ob sich diese Beschreibung einzig auf die Redaktion des “so innovativen neuen Magazins” beschränkt.
Warten wir mal ab was uns als nächstes als brisant verkauft wird. Ob eine andere Berliner Trine jetzt wohl die schnauze vom schwulen oberflächlichen Sex voll hat und ihre hetero-Seite ausleben will? Tipps und Tricks um dem (definitiv da es ja auch durch die EINE Trine als belegbar zu gelten hat) neuen MEGA-Trend zu folgen?
Traurig, traurig, traurig
06. April 2008 at 19:04
Es gibt in Deutschland halt nun mal keinen Markt für schwulen Qualitätsjournalismus. Zum Einen ist keine Gruppe so heterogen wie die Homos – ein Haufen anspruchsvoller Individualisten, von dem sich immer mindestens ein Drittel von einem Mainstream-Titel nicht angesprochen fühlen würde. Gescheiterte Versuche wie der “magnus” haben das ja bewiesen – was den Einen zu unsexy und verkopft war, fanden die Anderen zu flach und angepasst.
Außerdem wird der Grundbedarf an relevanten News bei uns von den kostenlosen Stadtmagazinen abgedeckt (die ja größtenteils im Umfeld der magnus-Pleite entstanden).
Und auch die Erotik-Kauftitel wie Du&Ich und Konsorten, Relikte der Schwulenunterdrückung der Nachkriegszeit, bieten ja gelegentlich mal interessanten Content – für den sie aber genau so wenig gekauft werden wie der Playboy für die tollen Interviews…