Vor einem Jahr…
Radikal im Recht
Für vier sehr spannende Jahre habe ich im 1997 gegründeten Lokalradio Hannovers als Redakteur und Moderator mitgearbeite. Nach vielen Anstrengungen und Überzeugungsarbeit, durfte damals auch in Hannover ein Radio an den Start gehen, daß sich nicht nur auf die damals übermächtige “Schweinegutdrauf-Gewinnspiel-CelineDionBryanAdamsPhilCollins”-Art des Dudelfunkens beschränken wollte, sondern eine Alternative bot und auf Inhalte setzte, auf Musik auch abseits der Heavy Rotation.
Dennoch wollte man keinen Offenen Kanal im Radio, in den unkoordiniert jeder reinsenden konnte. Von Anfang an war Radio Flora als richtiger Sender geplant, mit festen Redaktionen, einer Sendeleitung und Planung Es sollte Zusammenarbeit bestehen, es sollte allgemeines Programm geben, zu dem alle Redaktionen neben ihren festen eigenen Sendungen beitrugen. Kein nebeneinander unterschiedlicher Grüppchen, die für sich wurschtelten, sondern ein Sender der als Einheit auch nach außen auftreten konnte.
Natürlich war die Qualität bisweilen durchwachsen, gab es Sendungen die hörbarer waren als andere. Die Qualität der Moderationen schwankte ebenso, wie die Erfahrung und das Talent der Moderatoren. Von routinierten Profis, bis zum aufgeregt sich verhapselnden Neuling war stets alles dabei. Mit Fortbildungen, Sprechtraining und Lehrgängen bemühte man sich aber immer besser zu werden.
Dennoch gab es immer diejenigen, die einen sehr eigenen Radioansatz hatten. Diejenigen die mich schon zu Studentenzeiten aus dem Uni-Magazin des “Offenen Kanals” vertrieben hatten (das auf den scheusslichen Namen “S’kratzt” getauft worden war), mit ihrer bizarren fundamentalistischen Einstellung. Die meisten dieser Leute würden sich wohl als sehr links bezeichnen. Das roch man bisweilen auch, würde ich behaupten, wenn ich unsachlich würde.
Für diese Leute, die es auch bei Flora in großer Zahl gab, stand nie im Vordergrund, ob sich irgendjemand für das was sie machten interessierte. Ob Globalisierungskritik, Hausbesetzungen, Sozialpolitik – viele wichtige Themen wurden von ihnen angesprochen, doch stets stand die Botschaft über der Vermittlung. Und schnell merkte ich in Plenumssitzungen, daß es im Grunde sinnlos war mit diesen Leuten zu diskutieren.
Im Zweifel war, ganz klischeemässig, wie aus einer schlechten 80er-Jahre-Kabarettnummer, jeder der nicht ihre Meinung vertrat oder Bedenken äusserte, faschistisch, kapitalistisch, imperialistisch. Tisch, Tisch, Tisch.
Das machte viele Diskussionen zu einer Farce, denn inhaltlich hatte niemand bei Flora je vor gewisse Themen auszugrenzen oder zu zensieren. Wenn diskutiert wurde, ging es immer darum, in welcher Form Themen weitergereicht wurden.
Die Realos, zu denen ich mich immer zählte, die Radio auch machten, weil sie Leute erreichen wollten, die Beiträge produzierten die gewisse Hörgewohnheiten vielleicht bis an die Grenze ausreizten, indem sie Längen überschrittem die im Kommerzfunk undenkbar waren und die auch im Öffentlich Rechtlichen Rundfunk eher ungern gesehen sind, die aber dennoch ein Publikum im Auge behielten, das man nicht völlig verschrecken und vor den Kopf stossen wollte – und die Fundis, denen es nur darum ging, daß ein Thema weggesendet wurde, egal wie strunzlangweilig, fanatisch, unverständlich und unzugänglich es präsentiert wurde.
Waren es im Offenen Kanal damals Interviews, mit schlecht englisch-sprechenden niederländischen Attac-Mitgliedern, bei denen man darauf bestand sie ungekürzt, ununtertitelt und mit allen Doppelungen, Versprechern in voller Länge auszustrahlen, anstatt die Aussagen inhaltlich so zusammenzufassen, daß sich auch Leute die keine Ahnung vom Thema hatten und deren englisch/niederländisch vielleicht nicht ganz so fliessend war, damit auseinandersetzen mochten, so waren es im Radio andere Kampfplätze.
Ob Muttersprachliche Sendungen oder Experimentalmusik, ob stotternde Moderatoren die konzeptlos ins Nichts lallten und Sendelöcher groß wie der Grand Canyon. Stets war Kritik verpönt, denn es kam nicht drauf an, ob sich jemand ausserhalb des engsten Familienkreises den Kram auch anhören mochte. Ob man es vielleicht schaffte Denkanstösse zu schaffen.
Ja, es kann spannend sein über andere Kulturen zu berichten und auch deren Musik vorzustellen, aber keine alte Sau wird bei unverständlichem Gequake zuhören, wenn dazwischen Töne zu hören sind die klingen als würde man einen Elch strangulieren.
Vielleicht gibt es ein “Special Interest”-Publikum, aber das wird dann kaum Samstagnachmittags zu finden sein. Da hätten vielleicht zweisprachige Sendungen wesentlich mehr Verständnis geweckt, genau wie jedes Magazin, daß seine Informationen zumindest ansatzweise hörerfreundlich aufbereitet. Man kann politisch radikale Inhalte formulieren, über sperrige Themen berichten, aber wenn man möchte das sich jemand dafür interessiert, der nicht eh schon die eigene Meinung vertritt, muß man ihm irgendwie entgegenkommen.
Den Fundis bei Radio Flora war das nie beizubringen. So wie man seine Dispute immer mit dem rhethorischen Totschläger im Munde führte, wie man interne Diskussionen auch gerne mal über irgendwelche im Keller hektografierten Sudelblättchen wie die RAZZ (Zeitung für ein radikales Hannover) austrug und in Offenen Briefen die zunehmende “Magazinisierung” von Flora beklagte, so egal war auch, wenn in den Reichweiten-Analysen konstatiert wurde, daß den Sender kaum jemand hörte. Es ging ja ums Prinzip. Darum auf der richtigen Seite zu stehen. Da wurde dann auch gern mal die von Kindern mitproduzierte Kindersendung böse dafür gescholten, daß die Kids eben die Musik spielten die sie mochten. Was oft genug eben halt typische Chartmusik war. Wie verwerflich. Ich fühlte mich damals immer an die alternativ bewegten Eltern erinnert, die ihren Kinder mit Ökofarben handbemalte Bauklötze schenkten, während die viel lieber Playmobil und Power Rangers wollten.
Solange ich im Sender war, hielt ich mich immer an die Realos. An die, die Radio machen wollten, daß inhaltlich besser, abwechslungsreicher, unangepasster war als der Formatfunk. Das grade auch die Themen aufgriff, die woanders keine Chance hatten und die dennoch drauf bedacht waren, es den Zuhörern nicht zu schwer zu machen. Ich mag privat dogmatisch rumzettern, doch in dem Moment wo ich jemandem für etwas interessieren, für meine Sache gewinnen möchte, bringt es nichts ihm gleich die volle Breitseite zu geben und wenn ich damals in der Sendung Florian, dem Schwulenmagazin immer auch wollte das Heteros zuhörten und mich gefreut habe, daß unsere Beiträge zum Teil als auch im regulären Vormittags- oder Nachmittagsmagazin liefen, dann wußte ich das es hilfreich ist, wenn die Sachen so aufbereitet werden, daß sie nicht alleine durch ihre Machart als dilletantischer Scheißdreck abschreckten.
Wenn der Inhalt stimmt, darf durchaus auch die Verpackung nett sein, ohne daß man sich damit gleich dem 1:30min-Diktat des Dudelfunks unterordnen muß. Klar Flora-Hörer bringen mehr Geduld und Offenheit mit, als Leute die sich nur Berieseln lassen wollen, aber auch deren Geduld muß man ja nun nicht von vornherrein aufs äusserste strapazieren.
Im letzten Jahr machte die Landesmedien-Anstalt nun ernst. Die Quoten des Senders seien verheerendverglichen mit anderen Lokalradios, wenn sich nicht schnell etwas änderte, würde man die Frequenz neu ausschreiben. Das führte erwartungsgemäß zur Krisenstimmung im Sender. Man überlegte, diskutierte was man machen könnte. Doch anstatt, daß nun alle Flora-Redakteure und Macher an einem Strang zogen, begann man eine basisdemokratische Grundsatzdiskussion. Die Fundis wähnten mal wieder die Tisch-Tischen-Unterdrücker am Werk und pauschal wurde jeder der sich ernsthaft damit beschäftigte, wie man mehr Hörer für sich gewinnen könnte als Anpasser und Büttel der Medienanstalt beschimpft.
Im Frühjahr machte diese ihre Drohung dann wahr. Obwohl es auch viel Fürsprache für Flora gab und man grade die Vielfalt des Programmes lobte, wurde die mangelnde Hörerschaft und der offensichtliche Reformunwille als Grund genommen die Sendefrequenz neu auszuschreiben. Zum 1.April 2009 läuft die Linzenz nun aus, damit muß dich Flora dann kommerziellen Mitbewerbern stellen und um seinen Weiterbestand fürchten.
Die Entscheidung ist knallhart, man mag sie als falsch einstufen, aber sie ist deutlich: Entweder Flora hat bis dahin mehr Hörer und eine aufgeräumtere Entscheidungsstruktur, weg von der Basisdemokratie, hin zu mehr verantwortlicher Planung oder der Sender hat keine Zukunft.
Die engagierten und nachvollziehbaren Bemühungen der Mitglieder des rein ehrenamtlich tätigen Vorstands eben dies in die Wege zu leiten, kollidierten allerdings mit den Ansichten der Fundis.
Sie fingen an Unterschriften zur Entmachtung des Vorstands zu sammeln, riefen zum radikalen Kampf auf, beschuldigten die Realos nur Handlanger der verhassten Landesmedienanstalt zu sein. Lieber wolle man erhobenen Kopfes untergehen, als Kompromisse einzugehen. Lieber Flora aus der niedersächsichen Medienlandschaft ganz verschwinden lassen, als unter leicht veränderten Bedingungen weitermachen und seinem Anliegen ein Podium bieten.
Ach ich vergaß… es kam ja nicht wirklich drauf an, daß man jemand erreichte. Es ging ja nur ums Prinzip. Darum für sich ein gutes Gewissen zu haben, daß man Recht hat.
Der Vorstand hatte unter diesen Bedingungen keinen Bock mehr. Er stellte jetzt die Vertrauensfrage und trat, da er dabei nicht die erwünschte, deutliche 2/3 Mehrheit erreichte, die ihm zeigte, daß man wirklich hinter ihm steht, zurück. An ihrer Stelle sitzen jetzt die “Ganz oder gar nicht”-Leute. Tisch-Tisch.
Womit die verbleibende Sendezeit von Radio Flora wohl noch knapp zwei Jahre betragen dürfte.
Aber immerhin, man ist sich ja treu geblieben. Hat keine Kompromisse gemacht.
Und dann haben wir da die Diskussionen rund um adical…
Hmmmm…
+++
Einen Podcast mit einem thematisch passenden alten Flora-Beitrag findet ihr hier…
Von Batz am 29, 5, 2007 um 22:06 in MediaBatzBits, NetMondo | 5 Kommentare »___________________________________________________________________________
5 Kommentare zu “Radikal im Recht”
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04. Juni 2007 at 19:31
Radio Flora. Einige Leute können später rumerzählen, dass sie die letzten waren, die das Licht ausgemacht haben. Nach zehn, zwölf Jahren diejenigen gewesen zu sein, unter deren Händen das Baby dann weggestorben ist. Vielleicht die einzigen Spuren, die sie hinterlassen werden. Aber schuld waren natürlich immer die anderen.
Andererseits. Mal sehen, wie lang die sich halten. In zwei Jahren kann viel passieren.
04. Juni 2007 at 19:40
Von der reinen Lehre direkt in die reine Leere.
06. Juni 2007 at 20:06
ja genau das ist es auf den punkt
gebracht.
es tut beschißen weh.
flora wird sterben, weil die angepassten arschlöcher der vermeindlichen revulotion die neuen chefs sein wollen.
warum wurden die leute, die sich sinnbringend für dieses projekt eingesetzt haben (der Vorstand in Person von: Lorenz Varga, Julia Meyer etc.) von in jeder form überholten Vorstellungen abgeurteilt?
die neuen “chefs” die doch alles so basisdemokratisch organisieren wollen, müssen sich am alltag messen. viel spaß dabei. karin hzw
07. Juni 2007 at 16:17
“… damit muß sich flora dann kommerziellen Mitbewerbern stellen …”
Verstehe ich nicht, wird es dann auf der Frequenz 106,5 keinen Bürgerfunk mehr in Hannover geben?
07. Juni 2007 at 16:23
Genau das kann passieren. Wenn die Frequenz einem anderen Sender zugesprochen wird, wars das mit Flora und Lokalfunk. Flora ist btw. kein Bürgerfunk.