Vor einem Jahr…
Fanzeichen XY ungelöst

Ich habe einen angeborenen Gendefekt.
Mir fehlen die Fan-Chromosomen.
Einer der Gründe warum ich Wombats als Tiere so sympathisch finde, liegt in ihrer geruhsamen Art und einer gewissen Dickfelligkeit begründet, die sie zu einer der unhysterischsten Tierarten neben dem gemeinen Rheinkiesel macht. Schildkröten wirken gradezu hibbelig neben der Gemütsruhe eines Wombat, daß nur dann kiebig wird, wenn man sich zwischen ihm und leckerem Essen befindet.
Ich bin zwar ein Wombat-Fan, aber auch ein Fan-Wombat.
Mir fehlt jegliche Empfänglichkeit für Hypes und übersteigerte Vorfreude, genauso wie ich nie in der Lage war wirklich “Fan” irgendeiner Gruppe, eines Autors oder sonstwas zu sein. Ich mochte vielleicht einen Schauspieler geil finden oder talentiert, dennoch hab ich selten Spontanejakulationen erlebt, nur weil ich die Ankündigung eines neuen Films las. Auch Leute die ich gern mag, haben schon Schrott und Mittelmaß abgeliefert. Ich begegne den Werken von Künstlern die ich mag zwar mit mehr Wohlwollen als denen von “Kreativen” die bisher nur Scheisse abgeliefert haben, aber dennoch misst sich letztlich alles am aktuellen Werk.
Monatelang auf etwas hinzufiebern und es in den Himmel zu loben oder wie eine Offenbarung zu preisen liegt mir nicht. Kill your Idols, war schon gar keine so schlechte Losung, denn die Vergötterung im wortwörtlichen Sinne von Künstlern, Marken, Firmen ist mir genauso zuwider und suspekt wie spirituelle Religionen.
Bisweilen wird mit fehlende Begeisterungsfähigkeit vorgeworfen, was ich immer nicht ganz nachvollziehen kann, denn wenn mich ein Werk wirklich überzeugt, “lobpreise” ich seine Meriten ausführlich und empfehle aus auch gern weiter. Was nicht bedeutet, daß ich dies vorrauseilend für alle weiteren Werke derselben Hersteller auch mache.
Ich weiß nicht woran es liegt. Ich hab in meinem Leben verschiedene Phasen durchlaufen in denen ich mich für eine große Zahl von Werken eines Künstlers begeistern konnte. Sei es früher Stephen King, Terry Pratchet, John Irving, Stephen Spielberg, Woody Allen, Nirvana, Pearl Jam, James Taylor, HRK oder River Phoenix gewesen, vieles von dem was diese Leute gemacht haben fand und finde ich wirklich großartig und empfehle es gerne.
Aber ich bin kein klassischer Fan. Ich hatte nie den Drang mich in Vereinen zu organisieren oder mich anderswie mit Gleichgesinnten zusammenzuschließen. Immer wenn ich mal in Fan-Foren reinstolperte merkte ich, daß mir die Leute da sehr schnell auf den Sack gingen, weil es dort nur die Trennung zwischen den völlig unkritischen Fanboys gibt und den verbitterten “Worst [Kunstwerk] ever!“-Säcken, die nie drüber wegkamen, daß die Künstler nicht mehr genau dasselbe machen wie früher. Beide Sorten find ich zum speien.
Ich bin auch kein guter Patriot. Denn Patriotismus ist letztlich auch nur ein Fanboytum. Etwas unter Umgehung des gesunden Menschenverstands gut zu finden. My Country, right or wrong. Ersetzt man Country durch einen beliebigen Künstler, Firma oder Gott – dann bleibt der Fan übrig. Ein englischer Spruch besagt zurecht: “My country right or wrong is like My mother sober or drunk…”
Es muss ein Gendefekt sein, denn die meisten empfinden diese unkritische Hingabe und unbegründete Hysterie als durchaus positiven Aspekt. Bei mir überwiegt im besten Falle das: Klingt interessant, schauen wir mal.
Ich hab nie für Karten irgendeiner Band stundenlang angestanden, nie vor einem Kino campiert um unbedingt die erste Vorführung eines Film zu sehen, nie Sammelkarten ernsthaft gesammelt oder getauscht (oder gar nachbestellt), nie unbedingt eine “Limited Edition” von etwas haben wollen, hab nie gezittert, wenns drum ging irgendwelche Promis zu interviewen und was “Keynote”-Day ist war mir vor einigen Monaten auch noch völlig unbekannt.
Ich fand es traurig als Kurt Cobain, Freddy Mercury und River Phoenix starben. Aber ich wär nie auf die Idee gekommen deswegen in Depressionen zu verfallen oder andere unangemessenen emotionallen Ausfluss abzusondern. Die Bilder der heulenden Massen nach dem Austieg Robby Williams bei Take That und dem Tod von Lady Di, sind mir noch heute völlig unverständlich, genau wie kreischende Mädchenhorden bei einem beliebigen Boygroup-Konzert.
Ich kann mich einfach nicht reinversetzen, in diese Begeisterung, dieses Inhalieren von Hypes, denn ich find es immer angenehm wenn man Dinge realistisch und nicht religiös bewertet. Vielleicht liegt es daran, daß ich aus Hannover komme, einer Stadt die einem jeden Patriotismus von kleinauf austreibt. Hannoveraner nehmen ihre, eigentlich sehr angenhme und auch im nationalen Vergleich sehr liebenswerte Stadt, von kleinauf als “provinziell”, “trist” und “langweilig” wahr, weil sie sich mit dem Image abfinden, daß Hannover nunmal hat. Das kann man bedauern, wenn man weiß, das die Stadt eine sehr angenehme Lebensqualität bietet, aber man kann es auch begrüssen, denn es schützt einem vor ekelhaftem Lokalpatriotismus jener Art, den z.B. die Hamburger pflegen, die meiner Erfahrung nach jeden Tag mit “sich selbst auf die Schulterklopfen” verbringen, weil sie sich und anderen beständig versichern, daß ihr eskaliertes Dorf eine Weltstadt und das beschissene Wetter eben “nordischer Charme” sei.
Ich lebe verdammt gern in Berlin und möchte derzeit nirgendwo anders sein, aber ich bin der erste der zugibt, daß vieles hier nicht rund läuft und ausgesprochen gewöhnungsbedürftig ist. Ich kann Berlin mögen, ohne ein Berlin-Fan zu sein. Denn an irgendeiner Stelle der Begeisterung kommt immer der Kopf dazwischen. Und Fan sein, heißt aus dem Bauch heraus zu denken.
Und dann wartet man nachts auf das neue Warcraft-Add-on und fiebert dem IPhone entgegen.
Vielleicht gibts für mich ja irgendwann eine Gentherapie.
Aber ganz ehrlich: Es eilt nicht.
Von Batz am 25, 6, 2007 um 20:53 in NetMondo, TagesBatz | 7 Kommentare »___________________________________________________________________________
7 Kommentare zu “Fanzeichen XY ungelöst”
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25. Juni 2007 at 21:52
Ich sehe den Gendefekt weniger bei Ihnen, Herr Batz, als beispielsweise bei den Horden hysterischer Transformers-Fans, deren höhere Hirnregionen offenbar schon so weit rückgebildet sind, dass die Phrase “Michael Bay macht einen Film über Spielzeugroboter” keinen spontanen Fluchtreflex mehr auslöst.
25. Juni 2007 at 23:08
man möchte sie liebhaben für diesen text(obgleich ihre sß-schreibweise etwas betrunken wirkt)…
personenkult ist auch mir fremd,
fans und stars und SSchäubles werden überschätzt.
wombats sollte man lassen wie sie sind.
hannover ist (m)eine grotte, ich bin sein/ihr olm.
hier passiert ganz schön viel.
bitte ewig bloggen!
bitte auch in zukunft möglichst
nicht-religiös!
möchte das hier bitte weiterhin
- ganz entfernt –
- und ganz nah -
anhimmeln, ohne ein fan zu sein.
26. Juni 2007 at 1:22
Hm. Spannender Text.
Mir geht es ähnlich… aber auch komplett anders *lach*
Was schwer verständlich klingt, lässt sich relativ schnell erläutern:
Ich habe ziemlich viele Fan-Kults durchgemacht. Ich war bekannt wie ein bunter Hund in der Star Trek-Szene, in der Rocky Horror-Szene und so weiter, und so weiter…
Aber irgendwie war da immer die von Dir beschriebene Distanz.
Ich hab das mit großer Freude mitgemacht, hab auch gesammelt…
Aber ich hab mich nie devot gegenüber der Diva oder was auch immer gezeigt.
Oftmals ging ich mit einem Kopfschütteln davon, wenn ich sah, wie hysterisch die Leute auf diese Dinge reagieren.
Ich hab meinen Spaß an sowas.
Aber quasi-religiös, wie deine beschriebenen Fans das betreiben, war ich nie.
komisch irgendwie^^
26. Juni 2007 at 12:34
Ich denke auch, dass es sich dabei nicht um einen Gendefekt handelt. Die Masse der Leute verhält sich (zum Glück noch) so wie Du oder Caliban das beschreiben.
Aber das die Hannoveraner ihre Stadt “provinziell, trist und langweilig” finden liegt einfach daran dass Hannover provinziell, trist und langweilig ist
26. Juni 2007 at 12:37
…und äh….was ist ein Keynote Day?
26. Juni 2007 at 13:46
*g* du hast keinen Gendefekt, dass ist erworben durch Umwelt und Erziehung
Ich weiß, wovon ich spreche.
31. Juli 2011 at 14:41
[...] dass ich Grafiker bin. Es liegt daran, dass ich Programmierer bin.Im Gegensatz zum René oder Batz bewerte ich Apple weder nach Sexyness noch pauschaler Aversion. Ich mache mir Gedanken zu den [...]