Vor einem Jahr…
Beleidigt?
Ich kapier es nicht.
Diese Faszination und Klemmigkeit die viele Amerikaner mit “Curse Words” mit “Explicit Language” haben. Ich erinnere mich noch vital an einen Londonbesuch, bei dem wir in einer Jugendherberge nächtigten und einen Abend eine amerikanische Familie im Zimmer hatten, die einerseits sehr freundlich war und es lustig fand mal mit Deutschen zu reden, die aber andererseits bei jedem “Shit” und “Fuck!” merklich zusammenzuckte, das ich wie selbstverständlich in meine rustikale Ausdrucksweise einfließen ließ.
Obendrein konnten sie auch nicht nachvollziehen, warum die Europäer George W. Bush nicht mochten und sagten uns, nachdem sie rausbekommen hatten, daß wir aus Deutschland waren, das sie das Land ja toll fänden und auch gar keine Nazivorbehalte gegen uns hätten und man den Zweiten Weltkrieg auch mal vergessen sollte. Immerhin würden jedes Jahr Millionen Kinder abgetrieben, das wäre ja weit schlimmer als jeder Holocaust.
Da zuckte ich dann zusammen, aber ich glaube das konnten sie ebensowenig verstehen, wie ich ihre Befindlichkeit mit Fluchworten.
In der IMDB stolpere ich regelmässig über Threads, in denen besorgte Eltern nachfragen, wie schlimm denn in dem und dem Jugendfilm geflucht würde, weil sei entscheiden wollen ob ihre Kinder sich den Streifen ansehen. Da überlegt man schonmal ernsthaft, ob man es dem Nachwuchs zumutet, wenn “the Lords name in vain” gebraucht wird. Also in “Oh my God!” oder sowas. Auf speziellen Seiten werden Filme nach “christlichen Gesichtspunkten” bewertet und besonders auf die Sprache wird dort sehr viel wert gelegt. Weniger darauf ob die inhaltlichen Aussagen vielleicht fragwürdige Botschaften vermitteln, ausgrenzen oder diskriminieren. Wichtig ist, es wird der Hergott nicht gelästert.
Von richtigen Flüchen mal ganz zu schweigen. Bruce Willis darf in “Die Hard 4.0″ wie immer Massen von Gegnern erlegen und einen sogar in einen Häcksler werfen. Was er nicht darf ist seine Catchphrase “Yippi-Kay-Yeah-Motherfucker” sagen, weil der Film eine PG13-Freigabe erhalten hat.
Was läuft da falsch in den Köpfen? Klar vereinzelt gibts das hierzulande auch. Leute die verschämt Scheibenkleister statt Scheisse sagen, die verflixt zischen, wenn ihnen etwas danben geht und die englische Flüche immer noch so wörtlich nehmen, daß sie motherfucker mit Mutterficker übersetzen anstatt wahlweise mit “Schweinebacke”, “Arschloch”, “cooler Typ”. Aber es ist doch eher die Minderheit.
Zickig reagiert man hierzulande hauptsächlich dann, wenn man mit angeblich ehrverletztenden Bezeichnungen belegt wird. Sowohl als Beamter als auch als normaler Millionär, Politiker, Dikator, Fussmasseur, Internet-Entrepreneur oder gemeingefährlicher Geisteskranker, darf man sich wie die letzte Zimperliese anstellen und heulend zum Rechtsanwalt laufen, sobald einen jemand anderes als Arschloch, Wichser, Charakterschwein, Pissgesicht, Vollidiot oder Animeuse bezeichnet.
Und die Richter müssen sich tatsächlich damit befassen, anstatt das sie dem Kläger sagen dürfen, er solle sie doch bitte nicht mit derartigem Kindergartenscheiss belästigen. Sicher sobald eine Beleidigung eine falsche Tatsachenbehauptung ist, kann man drüber reden. Als schmieriger Päderast muss sich niemand bezeichnen lassen, auch wenn er so aussieht. Als dummes Arschloch sollte allerdings jeder bezeichnet werden dürfen, ohne das er dagegen vorgehen darf.
Wie es zu einer anständigen Demokratie gehört, das sie viel unangenehmes Aushalten muß, vom homophoben Idiotenrapper bis zu Terroristen die ab und zu mal was in die Luft sprengen, so muß es jeder auch aushalten, wenn ihn andere für ein Arschloch halten und es auch aussprechen.
Er kann gern sagen, daß er der Einschätzung nicht zustimmt oder sie für unangemessen hält, es soll ihm auch freistehen gewisse Sprüche für geschmacklos und übertrieben zu halten – aber dabei muß es bleiben. Wer mich eine dumme Schwuchtel nennt oder ein arrogantes Arschloch, der hat das Recht dazu, auch wenn er nicht Recht hat. Ich bin nämlich eine arrogante Schwuchtel und würde einen Teufel tun, mich ausser verbal oder mit einem verspielten Tritt in den Magen gegen solche Äusserungen zu wehren.
Solange es nicht in den Bereich der Unterstellung geht, also tatsächlich jemand behauptet ich würde Omas im Keller vergraben, Geld unterschlagen und hätte Nackbilder von Brigitte Zypries im Spind hängen, ist mir das relativ egal. Sticks and stones can break my bones…
Woher kommt diese Zimperlichkeit? Woher das gefühlte Recht unbeleidigt durchs Leben gehen zu dürfen? Müsste man eine Ehre, die man verletzt sieht nicht erstmal unter Beweis stellen, ehe man sie rechtlich schützen lässt? Hat jemand wie Schäuble eine Ehre, die man irgendwie tangieren könnte?
Ginge es um Menschenwürde, dann wäre die Sache klar. Die gestehe ich jedem zu, gleich ob er ein Arschloch ist oder nicht. Dafür muß man nichts machen, daß ist ja das schöne daran. Aber die Menschenwürde darf verletzt werden, das weiß jeder der sich schonmal einem Ämtergang beugen musste oder einmal das Ausfüllen eines HARTZ-IV-Formular samt Einführungsbelehrung überstanden hat. Die Menschenwürde ist derartig schwammig, daß man sie eben nicht auf ein einzelnes Wort reduzieren kann.
Deswegen ist es sehr viel schwieriger rechtlich dagegen vorzugehen, wenn man menschenunwürdig behandelt wird, wenn die Kinder unter (am gesellschaftlichen Standard gemessen) unwürdigen Bedingungen aufwachsen, die ihre Chancen für die Zukunft von vornherein beträchtlich einschränken. Die Achtung der Menschenwürde, kostet im Zweifel einfach zu viel Geld und kann deswegen nach Belieben gedehnt werden.
Politiker, Wirtschaftschefs, Lobbyisten die Gesetze erlassen und Entscheidungen fällen, die die Würde der Bürger tangieren, die demokratische Rechte beschneiden oder die Lebensqualität vieler Menschen beschneiden sind somit im Recht. Diejenigen die sie öffentlich als blöde Wichser bezeichnen, könnten hingegen rechtlich belangt werden. Da wird dann wieder was von Anstand, von fairem Umgang gefaselt.
Was genauso verlogen ist, wie die Amerikaner die “frigging” statt “fucking” verwenden. Die “darn” statt “damn” und “shute” statt “shit” sagen. Die darauf achten nicht den Namen des Herren leichtfertig zu gebrauchen und nebenbei mal eben Abtreibungen mit dem Holocaust gleichsetzen.
Und ich hab auch genau dieselbe Antwort für all diese Leute:
Fuck You!
+++
Mehr zum Thema in der wundervollen Doku “Fuck!”
Penn & Teller zum Thema “Profanity”
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Von Batz am 23, 7, 2007 um 1:51 in MediaBatzBits | 11 Kommentare »___________________________________________________________________________
11 Kommentare zu “Beleidigt?”
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23. Juli 2007 at 9:59
Oh my Gosh! Selten ist mir so danach gewesen, den Punkt zu machen:
.
23. Juli 2007 at 11:50
Es ist nicht Zimperlichkeit die diese Kleingeister vor den Kadi treibt, sondern der altbekannte Satz: Getroffene Hunde bellen!
23. Juli 2007 at 19:51
hmm… irgendwie gelüstet es mich ein gesprochenes oder gefilmtes lexikon über deutsche schimpfwörter zu machen…
verfickt!
23. Juli 2007 at 20:37
Heck is for people who don’t believe in Gosh.
24. Juli 2007 at 3:31
Als Kind habe ich mich über den eigenwilligen Umgang mit Schmipfworten meines 60-jährigen Nachbars weggeschmissen, der sich über die Fäkalworte von Kindern mokierte. Er fand unsere Ausdrucksformen nämlich total Scheide.
24. Juli 2007 at 11:26
Gibts nix zu kapieren. Komplexbeladene Amis halt. Und eben nicht weniger komplexbeladene Deutsche, die ihre “Ordnung muss sein” Metnalitaet eben nicht unterdruecken koennen. Also bitte, wo kaemmen wir denn hin, koennte jeder jeden so nennen wie er wollte.
24. Juli 2007 at 12:43
. – nein, besser – !
24. Juli 2007 at 16:10
Naja, tourettehafte Fuck-Endlosschleifen nicht nur monoton, sondern auch noch für nicht jugendkonform zu befinden, muss ja nun nicht gleich in christlichem Extremismus begründet sein.
Manche Eltern stehen eben nicht darauf, dass das 4jährige Töchterchen, dank Agrro Berlin und total coolem Recht auf Beleidigen, ihre Kindergartenfreundin als “Archfickerin” bezeichnet (und das womöglich aus Unwissenheit auch noch nett meint).
24. Juli 2007 at 16:18
Das schlimme an Aggro und anderem unflätigen Schrott ist doch aber nicht das Fluchen sondern die prollige Dummheit die dort vermittelt wird.
Es besteht ein Unterschied ob ein Denis Leary sich in “Fuck”-Orgien ergeht oder ob ein deutscher Proll-Rapper irgendwelche pubertären Fäkalien ins Mikro kotzt.
Und das Recht auf Beleidigen schließt ein, daß es reflektiert passiert und nicht als versehen oder aus unwissenheit.
Bedenklich wird Sprache doch dann, wenn sie sich auf einen mageren Wortschatz beschränkt, der eben hauptsächlich derbere Sprache umfasst. Solange sich jemand bewusst entscheidet aus dem großen Wortschatz den er hat eben die derberen Worte zu benutzen, weil er sie als trefflich erachtet ist das ganze kein Problem.
Die Frage ist doch grade bei den US-Eltern das sie eben verlogen sind und lieber irgendwelche Babysprachen-Flüche verwenden, als das wahre Wort. Entweder man flucht oder man flucht nicht – aber zu behaupten ein Frigg sei harmloser als ein Fuck und Scheibenkleister sei besser als Scheisse ist hochgradig verlogen…
24. Juli 2007 at 20:54
Leider hat nicht jeder soviel Humor wie du und ein erzkonservativer christlicher Amerikaner schon garnicht. Besonders schade, dass sich da eine ganze Nation ihr Anstandsgefühl von einer kleinen Gruppe durchgeknallter Hinterwäldler diktieren lässt. Mir ist eine Freiheit inkl. Aggro lieber als Unfreiheit mit dem Bonus, die Schimpftiraden aus den Handies einiger Ghettokinder nicht hören zu müssen.
Hoffentlich lässt sich Deutschland nicht so unterkriegen!
Animöse
25. Juli 2007 at 13:33
Das Verbote generell traurig sind, weil sie die Kapitulation der Selbstbestimmung darstellen, steht ja ausser Frage. Aber grundsätzlich bin ich durchaus gegen eine Verrohung der Sprache, wie sie nunmal durch die Medien (dazu zähle ich jetzt auch mal ganz dreist die Blogs) voran getrieben wird. Dagegen zu wirken halte ich schon deshalb für sinnvoll, da ich selten (eigentlich eher “nie”) einen “bewussten Gebrauch” bei vorhandenem grossen Sprachwortschatz entdecken kann.
Und ob man es nun unbedingt als “verlogen” bezeichnen muss, wenn Eltern sich vor Gästen oder ihren Kindern anders unterhalten als wenn sie allein zusammen in ihrem Schlafzimmer rumturnen? Dann bin ich nach dieser Definition wohl auch verlogen, weil ich mich zu gegebenen Anlässen auch tatsächlich mal in einen Anzug quäle…