Vor einem Jahr…
Letztes Lichtspiel: Hallam Foe
“Does it feel like fucking mommy?”
Originaltitel: Hallam Foe
Herstellungsland: Großbritannien 2007
Regie: David Mackenzie
Darsteller: Jamie Bell, Claire Forlani, Ciarán Hinds, Sophia Myles, Ewen Bremner

Hallam Foe (Jamie Bell) ist kein gesunder Junge. Der 17jr hat auch nach zwei Jahren den Tod seiner Mutter nicht verwunden. Als eigenbrödlerischer Sonderling beobachtet er seine Mitmenschen am liebsten per Fernglas. Nicht aus sexuellem Interesse, Hallam ist kein klassischer Spanner, er scheint sich nur sicherer zu fühlen, wenn er am Leben aus der Entfernung teilhat.
Der reale Umgang fällt ihm schwer. Er flüchtet sich in die Erinnerungen an seine Mutter, deren Hinterlassenschaften er in seinem Baumhaus wie einen Schatz hütet. Das er die neue Frau des Vaters obsessiv hasst und sie für den Tod der Mutter verantwortlich macht, erleichtert die Sache keineswegs Auch nach dem Geständnis seines Vaters, daß die Mutter sich umbrachte, lässt er von seiner Vorstelllung nicht ab und es kommt zum Eklat. Nach einer irritierenden Konfrontation mit seiner Stiefmutter flüchtet er sich nach Edinburgh, wo er zunächst ziellos durch die Stadt irrt. Bis er eine Frau trifft, die seiner Mutter zum verwechseln ähnlich sieht. Hallam beschliesst ihr zu folgen und mehr über sie herauszufinden…
Regiesseur David Mackenzie liefert nach “Young Adam” ein weiteres Aussenseiterportrait ab, daß es schafft trotz eines hochkomplexen und durchaus nicht durchgängig sympathischen Hauptcharakters zu keinem Zeitpunkt nach Problemfilm oder depremierendem Drama zu schmecken. Das liegt zum einen dem wirklich großartigen Jamie Bell, der sich nach “Dear Wendy”, “The Chumscrubber” und “King Kong” nun endgültig von seinem “Billy Elliot”-Image losgestrampelt haben dürfte, aber auch an der lakonisch-präzisen Erzählweise des Films.
Wenige Filme schaffen es über die volle Spielzeit so sehr auf ihren Hauptdarsteller fixiert zu bleiben, ohne das dies zu einem anstrengendem Gimmick wird. Mackenzie klebt in fast jeder Einstellung an Bell, lässt die Zuschauer die Welt aus seiner Sicht entdecken und beobachtet diesen Hallam Foe gleichzeitig mit fast zoologischer Neugier. Seine Macken, seine Neurosen und Ticks, seine Faszination am heimlichen Beobachten anderer, seine Obsession mit jener Frau die seiner Mutter zum Verwechseln ähnlich sieht und in einem Edelhotel gleichzeitig seine Chefin ist.
Hallam muss oftmals nicht reden, Bell spricht durch Blicke die seine ganze verkorkste Seele offenbaren und ihn in keiner Sekunde zu einer Karikatur eines Freaks werden lassen, auch wenn er eindeutig und immer wieder ein Verhalten an den Tag legt, daß in hohem Maße ungesund ist. Ob er nun seine verhasste Stiefmutter begehrt oder selbstmörderische Risikien auf sich nimmt, wenn er über Dächer klettert um seine Chefin heimlich zu beobachten, während sie sich mit ihrem Liebhaber vergnügt.
Es hat etwas zutiefst beunruhigendes und durchaus creepiges wenn man Hallam zusieht, der als Stalker hinter seiner Chefin herwandert, in ihre Wohnung einbricht und sie ständig beschattet. Vor allem, weil Hallam ansonsten kein schlechter Kerl ist. Er hat Witz, kann sich durchsetzen, gewinnt die Sympathie seines Kollegen in der Hotelküche der ihn zunächst mit den Worten begrüsste “Weisst du, ich hab mal nen Kerl umgebracht, ich dachte ich erwähn das mal”. Sogar seine Chefin hat einen Narren an diesem linkischen jungen Mann mit dem intensiven Blick gefressen. Der im einen Moment einnehmend grinst und dann wieder dreinschaut wie ein gehetztes Tier. Der sich wenn er alleine ist schonmal mit Lippenstift und Dachsfell als Großstadtindianer verkleidet oder versucht seine Stiefmutter bei der Polizei des Mordes anzuzeigen.
Hallam Foe ist ein wandelnder Widerspruch, eine Psychoknacksauf zwei Beinen, ein Gesicht wie eine offene Wunde in der die Emotionen blank liegen. Der selbst nicht genau weiß, warum er so verzweifelt zornig ist. Liebenswert, unheimlich und hilflos auf der Suche nach einem Zugang, der ihn doch wieder zu den Menschen zurückbringt.
Jamie Bell bewältigt die Herausforderung einer Hauptrolle in der er fast in jeder Szene im Bild ist beeindruckend souverän. Dabei hilft es das er von trefflich besetzten Nebenfiguren umgeben ist, die ihre Figuren mit einer Beiläufigkeit zum Leben erwecken, daß man keine Sekunde daran zweifelt echte Menschen vor sich zu haben. Besonders Sophia Myles als Mutter-Lookalike Kate schafft es mit wenigen Szenen eine Figur zu skizzieren, die auf ihre Weise genaus beschädigt ist wie Hallam. Beruflich erfolgreich fehlt es in ihrem Privatleben Fixpunkten, schwankt sie zwischen mädchenhafter Impulsivität und erwachsener Analytik. Ihrem Spiel und der Chemie zwischen ihr und Bell ist es zu verdanken, daß die Annäherung der beiden trotz ungesunder Untertöne weder eklig noch kitschig wirkt.
Dem Kitsch beugt auch die Kameraarbeit vor die zwischen dokumentarischer Ungeschliffenheit und rauer Stilisierung schwankt, Looks und Filmmaterial mischt und das ganze dabei überraschend homogen daherkommen lässt. Die trockene, einfühlsame aber nie gefühlsduselige Musikauswahl tut ihr übriges das erfreuliche Ganze zu vervollständigen.
Hallam Foe ist ein Film der in dieser Art vielleicht nur aus dem Vereinten Königreich kommen kann. Phantasievolle Geschichten, die gleichzeitig tief in realistischen Settings verwurzelt sind, die zwischen Humor und Drama perfekt die Ballance halten. Also schnell angucken, ehe er wieder aus den Kinos fliegt, weil die Lichtspielhäuser Platz für den nächsten Blockbuster brauchen.
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Von Batz am 31, 8, 2007 um 2:08 in CineBatz | Kommentieren »___________________________________________________________________________
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