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    Irgendwann

    Irgendwann werden wir alte Leute haben, die sich nicht mehr an den Krieg erinnern können.

    Dann werden diejenigen die kein Internet als Kind hatten, Geschichten aus der digitalen Steinzeit erzählen.

    Als man sich noch in Kneipen wagen musste, wenn man Geschlechtsverkehr wollte. Oder Konversation mit völlig Fremden betreiben wollte.

    Als ich klein war und selbstgemachte Hörspiel und Radiosendungen auf Kassette produzierte (“Und hier ist wieder Ihmefunk…” – Ich wohnte damals in einem Einkaufszentrum, daß am malerischen und ausserhalb von Hannover völlig unbekannten Fluß Ihme gelegen war) lag meine Hörerzahl bei 3-4 Personen, von denen die meisten wohl auch nur aus Gutmütigkeit zuhörten oder weil sie mit mir verwandt waren und das mussten. Es ist seltsam sich vorzustellen, daß heutige 14jr wenn sie Talent haben auf YouTube leicht zwischen 100-3000 Zuschauer haben, die ihre Sachen kommentieren, Feedback geben, Videoantworten schicken.

    Es wird ja nicht nur alles immer schlechter. Es wird ja auch alles immer besser. Gleichzeitig. Gäbe es keine Rechteverwaltungsmafia, Abmahnanwälte und grenzdebile Politiker mit Terror-Paranoia, wäre diese Zeit fast unerträglich toll.

    So aber leben wir in Interessanten Zeiten in denen die spielverderbenden Ordnungsbefohlenen stets bemüht sind die Freiheit, die sich ungewollt und ungefragt Bahn brach, wieder einzudämmen.

    Vielleicht war es früher alles auch spannender. Als man sich noch heimlich kleine Siege erkämpfte. Ob es besser ist, beim gemeinschaftlichen Wichsen seine Schulkameraden heimlich und verstohlen zu beobachten, sich mit grad 18 in eine Videothek am Bahnhof zu schleichen und mit hochrotem Kopf einen Bi-Porno zu leihen (rein schwule Pornos gabs dort noch nicht) oder heutzutage mit 14 sein Coming Out zu feiern, über das Netz alle Informationen frei Haus zu bekommen und Wichsvorlagen in Hülle und Fülle per Torrent saugen zu können? Ich weiß es nicht. Für Anekdoten scheint mir die frühere Variante besser zu taugen, aber praktischer ist es wohl, wenn man sich nicht verstellen müsste.

    Vermutlich schwingt da auch eine Menge Neid mit. Mein Freund Gerhard stellte ja mal die Theorie auf, daß Schwule nur deswegen zu intellektuellen Höchstleistungen prädestiniert waren, weil sie sich über Jahrhunderte immer verstecken mussten und ihre Energie in andere Bahnen lenkten, sich der Kunst zuwandten, der Schriftstellerei, der Musik. Keine so dumme Theorie, wenn man Jungschwuppen beobachtet, die sich bereits in der Pubertät geoutet haben und ebenso oberflächlich und simpel gestrickt scheinen, wie ihre heterosexuell veranlagten Altersgenossen, die auch wenig mehr im Sinn haben als Party und Ficken. Und philosophische, mit suizidgedanken aufgestellte Adoleszensprobleme, wie die Erkenntnis der eigenen Winzigkeit in einem expandierenden Universum. Was bei Jungschwuppen bisweilen dazu führt, daß sie glauben ihr Schwanz sei zu klein.
    Abgesehen davon kann man jedoch heutzutage nach dem Coming Out relativ unbeschwert die fleischlichen und alkoholischen Genüsse und Extasen auskosten, wenn man ein bißchen auf persönliche Hygiene und grundsätzliche Bedienungshinweise achtet.

    Wobei richtig funktioniert das ja auch nur bei denen die gut aussehen. Der schäbige Rest muß weiterhin versuchen intellektuell zu punkten. Frauen stehen ja angeblich bei Männern immer darauf wenn sie Humor haben. Zumindest erzählen sie das immern, wenn die Sozialforscherinnen von der Brigiite vorbei kommen. Wobei es wahrscheinlich nie schadet, wenn man aussieht wie Josh Hartnett.

    Bisweilen ist es etwas frustrierend anzusehen, das es Leute gibt die gut aussehen und Talent und Humor haben. Da fragt man sich wirklich nach dem Sinn für Verhältnismässigkeiten… Wozu muß jemand der süss aussieht denn auch noch intelligent sein?

    Vielleicht wurde man einfach zu früh geboren. Gut, man hat die Star Wars Filme noch erlebt als sie wirklich cool waren und weiß “Stirb langsam” und “Indiana Jones” zu schätzen. Kann die Melodie von “Familie Barbapapa” und “Captain Future” mitsummen, aber all die coolen Dinge die man damals machen wollte, sind eigentlich erst heute möglich. Heute da die Knochen knirschen, jedes Stück Schokolade das man anguckt sofort auf den Hüften hängen bleibt und man am Wochende nur noch denkt: Ach wie schön, endlich mal wieder lange pennen und gemütlich auf dem Sofa sitzen.

    Wenn man die ernüchternde Erkenntnis gewonnen hat, das die Leute die man geil findet, intellektuell so spannend sind wie Topfpflanzen und die die zum Reden taugen einen erotisch so gar nicht tangieren.

    Wenn die Leute um einen herum entweder heiraten oder sterben.

    Und man nicht mehr so albern sein darf, wie man es gerne wäre. Weil man schon viel zu lange erwachsen ist. Wenn einen die Geschäftspartner in Emails fragen, warum man mails mit Fiep stat mit “mfg” unterschreibt.

    Wenn man nur deswegen sein jahrelanges Singledasein nicht mehr so schlimm findet, weil man jetzt schon für kaum etwas Zeit findet. Geschweige denn für einen Partner.

    Irgendwann, wenn wir alle fliegen können durch die Trümmer der Apokalypse, dann denken die YouTube Stars wehmütig an heute zurück.

    Als alles irgendwie besser war.

    Von Batz am 7, 10, 2007 um 19:56 in QueerBatz, TagesBatz | 15 Kommentare »

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    15 Kommentare zu “Irgendwann”

    1. René Sagt:

      Wunderbarer Text.

      Und:

      >Bisweilen ist es etwas frustrierend anzusehen, das es Leute gibt die gut aussehen und Talent und Humor haben.

      Oh. Danke für die Erwähnung meiner Person! ;-)

    2. dorn- Sagt:

      Erotik/Geilheit ist in der heutigen SMS-Romeo-Fickdate-Pferdeschwanz-Welt ein ganz schlechter Berater.

      Mag es sehr, wenn man sich davon abhebt.
      Und noch andere Interessen hat…

      Die Welt ist größer als YouTube.
      Gerd mag ein Freund sein, aber Küchenphilosoph.

      Barbapapa hatte auch so manches Stück Schokolade auf den Hüften hängen.
      Na und?
      (Wikipedia: “Die Barbapapas sind eine Familie von jeweils einfarbigen Fantasiefiguren. Im Normalzustand sind sie in etwa birnenförmig, sie können jedoch ihre Form knetmassenähnlich verändern und so zum Beispiel als Schubkarre oder Brücke dienen.”)

      Was ist denn mit dir, Batz? Midlifecri…?
      Weight-Watchers-liebäug.?
      Auf Partn.- Suche?

      fragt dorn-

    3. Batz Sagt:

      Nee gesucht wird nix mehr. Und Midlifecrisis ist was für Leute mit zuviel Zeit…

      Und Weight Watchers hab ich genug im Bekanntenkreis. Wie sagte mein Ex neulich: Na du hast aber auch ordentlich zugelegt ;)

    4. Lars Sagt:

      Hier?

      Cool.

    5. Pottblog Sagt:

      Die gute alte Zeit……

      … einen schönen Text dazu gibt es im Batzlog: Irgendwann
      ……

    6. Dangermaus Sagt:

      Fuck. So oft wie ich beim Lesen dieses Textes genickt habe…

      Sollte ich mir Gedanken machen? Ich bin doch “erst” 26!

      Hilfe!

    7. Ruben B Sagt:

      Irgendwann werden wir unseren Kindern und Kindeskindeskindeskindeskindeskindern erzählen wie ein Dreirad aussieht und was man mit einem Sandkasten macht, was ein analoges Telefon ist, und wie ein Fahrrad funktioniert. Wirklich?

      Ne ich weiß nicht.
      Die Welt wird sich doch nicht soooooo krass verändern. Oder doch. Ich weiß es nicht. Aber netter Denkantoß von dir :)

    8. Ruben B Sagt:

      Hä? Hat das mit dem Comment jetzt funktioniert oder nicht?

    9. Jens Sagt:

      @Ruben B:
      Und heute dürfen wir den Teenies schon erklären, was eine Wählscheibe ist…

    10. blaukehlchen Sagt:

      Bei jedem zweiten Satz habe ich genickt, bei denen dazwischen gelacht.
      Sehr guter Text, vielen Dank.

    11. pulmoll Sagt:

      es ist eine farce!

    12. hp Sagt:

      @dangermaus

      Ging mir exakt gleich…

      @Batz

      Der Text ist gut…

    13. stylebitch Sagt:

      Netter Text! Ich glaube, dass die heutige Freiheit für viele Homosexuelle eine virtuelle bleibt. Es gibt die Kleinstädte immer noch, wo es allenfalls Bi-Pornos gibt, stattdessen aber gern mal was aufs Maul, abends, im kerligen Wirtshaus. Während auf der nächsten Raststätte vor der Stadt LKW-Fahrer ihre Lümmel durch Klowandlöcher schieben. Völlig, hetero, sischa! Im Internet frei, berühmt, erfolgreich zu sein ist toll, macht kreativ, ist gefährlich. Wenn man glaubt, im real life liefe es genauso. Man sollte immer dran denken, das YouTube-Sensation Chris Crocker vor Anfeindungen ins Web geflüchtet ist! Cheerio.

    14. Ron Sagt:

      And so do I!

      LG
      Ron

    15. Stef Sagt:

      Hm. Ich glaube, ich sehe mittelokay aus und bin eigentlich auch eher mittelkreativ, dann bin ich also wohl so im Allgemeinen ziemlich mittel… Und ist das jetzt gut? Oder mittelgut?
      Jedenfalls weiß ich, wie man mit Wählscheibe wählt, würde mich aber ankotzen, wenn zum Beispiel mein linker Fuß in Flammen aufgeht und ich dringend wen anrufen will, weil der Wasserhahn verstopft ist.
      Jedenfalls mag ich Veränderung. Und die Nostalgie hat ja ihren ganz eigenen Charme.

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