Vor einem Jahr…
Brot und Scheiss-Spiele
Liegt es nur an meiner selektiven Wahrnehmung, dem beschränkten Fernsehkonsum oder häufen sich in den letzten Monaten wirklich beständig die Berichte in denen man den arbeitslosen Pöbel im Kampf um einen Job oder auch nur Ausbildungsplatz gegeneinander antreten lässt?
Egal ob Galileo, Explosiv, SternTV oder öffentlich rechtlicher Bouelvardjournalismus, überall heisst es: Los Hartz-Gesinde, zeigt mal wie weit ihr geht, für einen echt geil-unterbezahlten Job. Wie dankbar seit ihr, wenn ihr zum Bullettenschubser im Schnellfress-Restaurant ausgebildet werdet, wie sehr freut ihr euch drauf Azubi ohne Übernahmechance in einem Hotel zu sein, was machen 40jr Hausfrauen nicht alles um Putzhilfe für Superreiche zu werden.
Stets aus dem Off dabei, die tadelnde Stimme der Redaktion, wenn auch nur etwas Unwillen spürbar wird. Was Silke, Frittenbräterin bei McSiff zu werden ist nicht dein Traumberuf? Wie Frau Pupskoffski, sie finden 6,50€ die Stunde bißchen mager, für einen Job zu dem sie fast eine Stunde hinfahren müssen je Strecke? Und der dreiste Erwin beklagt sich, daß er am Ende einer 50h/Woche nur 830€ über hat und trotzdem noch Geld vom Amt erbetteln darf, um über die Runden zu kommen?
Was für arbeitscheues, undankbares Volk. Bestätigt wird das ganze auch noch vom zukünftigen Vorgesetzten, der ganz verwundert ist, das die Leute nicht über jede Brosame jubilieren die man ihnen hinwirft. Und auch der millionenschwere Besitzer eine Luxusvilla darf sich breit darüber auslassen, daß die Leute heutzutage nicht mehr dankbar genug sind, wenn sie seine Goldbarren abfeudeln dürfen.
Wie die Hardcore-Fassung eines DSDS/Popstar-Castings beurteilt oft noch eine Jury, welche der Arbeitsdelinquenten eine Runde weiter kommen und die Stimme aus dem Off kommentiert: “Für Sebastian ist es die letzte Chance noch Arbeit zu bekommen, er sucht bereits sei zwei Jahren ohne Erfolg”.
Ob man es Erfolg nennen mag, wenn er in einem miesen Job-Job unterkommt, der ihm keine Perspektive bietet und obendrein noch beständige Dankbarkeit gegenüber dem Arbeitgeber einfordert, der so großzügig ist überhaupt noch Geld zu zahlen, sei mal dahingestellt.
Die Stimmung ist eindeutig, Arbeit ist Selbstzweck und Lebenslegitimation. Wer nicht arbeitet sinkt im öffentlichen Ansehen und darf nach Willen der Politiker auch gerne angespuckt und beschimpft werden. Da tanzen sie alle gemeinsam auf den Massenarbeitslosigkeitsgräbern, vom fetten Monchichi bis zur ungefickt aus der Wäsche guckenden Staatenlenkerin.
Leben ist kein Grundrecht mehr, sondern muss gerechtfertigt werden. Wer nicht arbeitet soll nicht essen. Wär ja noch schöner. Und wenn rauskommen sollte, daß ein Arbeitsloser sogar ab und zu lacht oder Freude hat, dann steht schon ein strammes Team der Mediengestapo bereit um darüber zu berichten, im schmierigen Tonfall völkischer Empörung aufzuschreien, wie es denn sein kann, das jemand der sich nicht für einen Hungerlohn geistig und körperlich kaputt schuftet und mehr vom Leben erwartet als zu Arbeiten und Schlafen, wie so jemand heutzutage noch ungestraft Spaß haben kann. “Schaut her, schaut her Deutsche, die Drecksau lacht euch aus.”
Wir müssen das machen, denn würden wir nicht die schlecht Verdienenden gegen die nix Verdienenden ausspielen, könnten die sich vielleicht fragen, auf wenn sie ihren Frust, Hass und Abscheu ansonsten richten können. Und schonmal die Fackeln und Mistgabeln rausholen um bei Mehdorn, Merkel und Co. mal eine kleine ausserparlamentarische Anfrage starten.
Lange dauerts sicher nicht mehr, bis wir wieder bei Gladiatorenspielen sind, in denen Arbeitslose bis zum Tod drum kämpfen dürfen in die Sklaverei übernommen zu werden, während die, die das Recht in Form von Geld auf ihrer Seite wähnen von oben herunterblöken, das man sich doch bitte etwas mehr anstrengen dürfe.
“Mehr Speer du Pissnelke! Nimm das Netz höher!”
Kleiner Trost: Die Verlierer sind danach dann wenigstens tot und müssen sich nicht von Frauke Ludowig fragen lassen “Wie sie sich denn jetzt fühlen”.
Von Batz am 28, 10, 2007 um 14:56 in MediaBatzBits | 12 Kommentare »___________________________________________________________________________
12 Kommentare zu “Brot und Scheiss-Spiele”
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- so ich bin dann mal weg hier... wir sehen uns dann zur orscarverleihung wieder bei twitter #ibes
- hmmm das aufgewärmte von gestern #ibes naja gucken wirs halt auch noch weg
- so morgen sehen wir uns nochmal zur reunion show.... gute nacht #ibes
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28. Oktober 2007 at 15:40
Ist ja ekelerregend, dass es solche Sendungen gibt. Aber letztlich nur folgerichtig – der Pöbel kriegt das Programm, das er will. Da hilft nur: Fernseher aus dem Fenster werfen und jedem Idioten, der freudestrahlend davon erzählt, was er da doch gestern wieder für eine tolle, unterhaltsame, menschenverachtende Sendung gesehen hat, ordentlich eine runterwatschen. Gnnnnng! Dummheit muss endlich bestraft werden, sonst -> siehe Idiocracy.
28. Oktober 2007 at 16:56
Vom Leben in simulierten Welten…
Immer wieder fragt sich der fühlende und denkende Mensch, wie diese ganzen Consulting- und Wirtschafts-”Wissenschafts”-Institute auf ihre recht weltfremden und Menschen verachtenden Ideen zur Umgestaltung der betrieblichen Abläufe…
28. Oktober 2007 at 17:41
Danke für die klaren Worte – darf ich diesen Beitrag bei hartzboykott.de in das Forum stellen? — Beste Grüße, Ingmar
28. Oktober 2007 at 18:22
@Ingmar
Klar, solang du eine Quellenangabe dazu gibst, ist das kein Problem
28. Oktober 2007 at 18:36
Bei den unzähligen Super-Super-Castingwellen warte ich noch auf den Moment, in dem ich unentdeckte Fähigkeiten aufweisen und ein Casting absolvieren muss, um beim Bäcker eines dieser Einheitsbrötchen zu bekommen. Ist doch schön, in einer Zeit zu leben, in der dicke Frauen dir sagen, dass Du scheisse wohnst, Dein Garten hässlich aussieht und man die Erziehung seiner Kinder nicht in den Griff bekommst.
Ellenbogengesellschaft im Showformat – denke ich an Deutschland…
28. Oktober 2007 at 21:29
Hunderprozentig ins Schwarze getroffen. Kurz und prägnant, einer Deiner besten Einträge seit langem, wie ich finde.
28. Oktober 2007 at 22:22
Brot und Spiele…
Das Batzlog fasst sehr prägnant eine Beobachtung zusammen, die auch der Hartz4all-internen Medienüberwachungs-Abteilung bereits aufgefallen ist:Egal ob Galileo, Explosiv, SternTV oder öffentlich rechtlicher Bouelvardjournalismus, überall heisst es:…
28. Oktober 2007 at 22:55
Großartig. Brillianter Beitrag!
29. Oktober 2007 at 0:48
word!
ich hab eh schon seid 5 jahren kein tv mehr weils mir so aufn sack ging… sogar meine eltern seid 2 jahren nicht mehr… und keiner von uns vermisst es… ok wir hören nachdem der hessische rundfunk hr1 versaut hat meistens hr2 um an nachrichten zu kommen weil beim radio ist es ja fast genauso schlimm wie im tv… die privaten haben den kulturellen nährwert des rattenfutters was mir gerade runtergefallen ist
29. Oktober 2007 at 8:25
Oh vielen Dank für den Text!
30. Oktober 2007 at 12:02
Vor über 10 Jahren sah ich einmal einen Bericht aus Südamerika, in dem solch eine Sendung über Arme, die um einen McJob kämpfen durften gezeigt wurde und ich dachte angewidert, was für eine sozial kranke Gesellschaft das sein muss. Tja, hätte nicht gedacht, sowas mal in unserem Sozialstaat Realität wird.
P.S.: pauschales TV-Bashing ist deshalb m.E. trotzdem völlig daneben oder lehnt Ihr auch alle Zeitungen ab weil es die BILD gibt?
25. November 2007 at 18:51
Super geschieben und mir voll aus dem Herzen gesprochen. Darf ich diesen Text mit Quellenangabe natürlich,auf meiner HP veröffentlichen?