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Hartz Hunter Reloaded

Neulich wurde ich ja mal wieder gefragt, warum ich aufgehört hätte Spiegel und SpON zu lesen, immerhin wäre es ja das Beste was die deutsche Medienszene noch zu bieten hätte. Ich mag mir nicht anmaßen zu urteilen ob es “noch das Beste ist”, sollte dem aber so sein, würd ich dringend dazu raten mal darüber nachzudenken, ob man sich unter diesem Sudelbegriff noch Zusammenfassen lassen möchte, wenn der Scheißdreck den Augsteins Nachlaßverwalter schreiben tatsächlich schon das Bollwerk des hehren Journalismus darstellt.

Das sich das Blatt unter Austs tapferer Führung immer mehr in eine wortlastigere Version der BILD verwandelt, was das rumtölen und Meinungsgemache angeht, verwundert kaum, wenn man um die enge Freundschaft zwischen Diekmann und Aust weiß. Vom Nachrichtenmagazin zur Boulevardillustrierten oder zu “S.A. – Stefan Austs interessantem Magazin”, wie es der Herr Kutter vor Jahren schon so treffend bezeichnete.

Jetzt startete bei RTL ein weiteres Reality-Format im Gefolge von “Die Super-Nanny beim G8” und “Raus aus den Schulden, rein die Glotze” oder “Tine die lebende Abrißbirne un dihre dämonischen Schwimmkerzen“: “Projekt Zwangsarbeit”, nee “Der Arbeitsbeschaffer” heißt sie, was aber letztlich ein gradueller Unterschied ist. Ein Profi-Arbeitsvermittler wird auf sorgfältig als Assis gecastete HARTZ-Empfänger losgelassen und darf sich dort als moralisches Gewissen der Besserverdienenden in Szene setzen, der entlarvt was HARTZ’ler doch alles für faule Dreckschweine sind. Sie wollen nicht für Hungerlohn arbeiten, sie wollen keine 200km pendeln pro Tag und generell lassen sie es an der nötigen Ehrerbietung vor dem Arbeitgeber fehlen, der so gnädig ist ihnen überhaupt etwas anzubieten.

Für SPIEGEL-Redaktions-Ass Reinhard Mohr ein klarer Fall, da wird Wirklichkeit gezeigt. Da wird seziert wie es in diesem Wohlfahrtsstaat zugeht, wie sehr die Vollkasko-Mentalität beim Prekariats-Geschmeiß eingezogen ist. Wie der dümmste Stammtischbruder poltert er drauflos und watscht im selben Aufwasch auch gleich nochmal das dumme linke Kabarett von Priol oder Hagen Rethers mit ab, das ja mit dem HARTZ-Gesinde gar nicht auf einer Augenhöhe wäre (Nein – da gibts keinen Sinnzusammenhang, auch nicht wenn man den Scheiß mehrfach liest). Das diese RTL-Dokus in erster Linie auf Emotion getrimmt werden, daß letztlich alles was dort passiert auf Konflikt gedrillt ist, daß jeder Redakteur eines solchen Drecksformats gezwungen ist beständig Katastophen zu provozieren und inszenieren, damit die Folge die nötige Dramatik bekommt, scheint Herrn Mohr völlig neu zu sein.
Er nimmt brav 1:1. was ihm dort serviert wird ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wie hoch der Wahrheitsgehalt dieser Sendung sein mag.

Wenn in meiner früheren Firma eine Sendung rund um vertauschte Ehefrauen produziert wurde, war es normal, daß sich die Redakteure absprachen und man überlegte wie man die Protagonisten gegeneinander aufhetzt. Da wurden die Leute nach dem Dreh vom Redakteur zur Seite genommen und ihnen nahegelegt “morgen beim Frühstück doch mal anzusprechen”, was ihnen vielleicht bisher nur als unbedeutendens Problemchen erschienen war. Da war es normal, daß man auch mal einer getauschten Frau, die sich mühte einen Geburtstagskuchen für ein Pflegekind zu backen eine ganze Tüte Backpulver in den Teig mischte, damit der Kuchen mißlingt – nur um die Stimmung aufzuheizen. In anderen Fällen wurde auch schonmal diskutiert, ob man die Episode nicht so schneiden sollte, daß der Stiefvater einer Tochter als pädophil rüberkäme, weil dieser ja angeblich ein-zweimal einen unzüchtigen Blick auf diese geworfen habe.
Da gab es lange Seminare mit CvDs von Pro7 die darüber schwadronierten, daß jeder Beitrag wie ein Hollywoodfilm zu inszenieren sei, das es immer um Leben und Tod gehen müsse, daß man immer auf maximale Katatsrophe und Spannung inszenieren müsse. “Es muß jede Sekunde alles Scheitern können”, war die Maxime auf die wir eingeschworen wurden.

Jeder Redakteuer solcher Formate steht unter immensen Druck Katastrophen, Spannungen, Tränen und Elend einzufangen. Wenn der Überraschungskandidat nicht heult, wenn die Mutter die nach dem krebskranken Sohn befragt wird nicht feuchte Augen bekommt, wenn sich die Doku-Teilnehmer nicht anschreien, ist die Abnahme eines ganzen Beitrags gefährdet. Und das können sich die ganzen kleinen TV-Produktionen die bundesweit Gossenfernsehen produzieren nicht leisten, sonst stehen die Redakteure (bzw. Volontäre und Praktikanten – denn wo wird wirklich noch mit ausbgebildeten, gut bezahlten Redakteueren gearbeitet) bald selbst neben ihren Darstellern auf der Straße.
Was zählt ist keine Wahrhaftigkeit oder ein Einblick in bundesdeutschen Alltag, wie Herr Mohr in perfider Naivität zu glauben scheint, was zählt ist ob der Zuschauer zuhause mitgeht, ob er sich aufregt, ob der Stammtisch bedient wird. Hätte Herr Mohr keine Agenda oder mehr als zwei Birnen im Kopf an, müßte ihm klar sein, daß es hier nicht um Dokumentation oder Journalismus geht sondern um Meinungsmache. Das bewußt seit Jahren der Mythos des HARTZ-Schmarotzers zementiert wird, daß gezielt so inszeniert wird, das diejenigen die noch schlechtbezahlte Arbeit haben, aufgewiegelt werden gegen die die keine Arbeit haben. Die Armen gegen die Armen aufgehetzt werden.

Wo bleibt die Doku die zeigt wie selbstgefällig Arbeitgeber auftreten? Wieviele Dankbarkeit und Ehrfurcht für mies bezahlte Drecksjobs erwarten, die niemandem eine echte Perspektive geben? Wo bleiben die Dokusoaps die zeigen wie Menschen zielgerichtet wegverwaltet werden, wie ihnen von Ämter das letzte bißchen Würde und Selbstwertgefühl benommen wird?`Wo die Doku die selbstherrliche Beamte zeigt, die mit einem Federstrich entscheiden ob jemand jemals wieder in den “ersten Arbeitsmarkt” kommt? Wo werden die Bürokraten massenhaft vorgeführt, die idiotische und sinnfreie Beschäftigungstherapien anordnen, aber keinerlei interesse dran haben Menschen wirklich weiterzuhelfen? Wo bleibt RTLs “Korruptionsberater” der jede Woche einen Politiker und seine Nebeneinkünfte überprüft und gezielt herausfindet wo dessen Interessen wirklich liegen?

Aber warum sich mit wirklichen Gegnern anlegen, wenn man wie Herr Mohr es so schön sagt, ja endlich mit dem blöden Tabu aufräumen kann, man dürfe über Arme nichts schlechtes sagen. Wenn es dieses Tabu je gegeben haben sollte, gilt es jedoch schon lange nicht mehr, denn die Hetze und systematische Propaganda gegen Arbeitslose und Arme ist nicht erst seit “Florida Rolf” in vollem Gange. Gezielt werden immer weiter Fälle herausgesucht in denen vorgeführt wie, wie der gemeine Sozialschmarotzer lebt. Die dringend notwendige Debatte über die Qualität von Arbeit, den Sinn von Arbeit, die auch etwas mit Würde und Selbstwertgefühl zu tun hat, die Erkenntnis das Arbeit letztlich dazu dienen soll gut zu leben und nicht der Selbstzweck ist, zu dem es hierzulande immer mehr stilisiert wird, diese Debatte verbleibt. Würde man sie führen, stände der Pöbel ja vielleicht bald mit Fackeln und Mistgabeln dort wo man ihn nicht haben möchte. Doch solange man brav diejenigen gegeneinander treibt, die wenig haben, braucht man sich keine Sorgen machen.

Es kann also kein Zufall sein, wenn SPIEGEL-Mann Mohr genau diese Hetze als erfrischend und ehrlich begrüßt, denn so dumm, daß er nicht weiß wie solche Sendungen gemacht werden, darf eigentlich jemand der für das wichtigste deutsche Nachrichtenmagazin schreibt nicht sein, oder?

Schön zu wissen woran man bei dem Laden ist.

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Von Batz am 3, 1, 2008 um 15:18 in MediaBatzBits | 18 Kommentare »

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18 Kommentare zu “Hartz Hunter Reloaded”

  1. Greedy Sagt:

    Toller Artikel, spricht mir ehrlich aus der Seele *bow*

  2. Ralf Sagt:

    Geringbezahlte Jobs in Zwei Städten, warum nicht? Es sind ja nur ca 140 km Straße bzw. 225 € pro Monat mit der Bahn (Monatskarten für den Nahverkehr in Halle und Erfurt kommen noch hinzu). Da muß man fast noch Geld mitbringen.

  3. Ralf Sagt:

    Nachtrag:

    Die Bahn benötigt 1h 40min, pro Strecke!

  4. Tuskegee Sagt:

    Hallo. Ich lese hier zum ersten mal, bin über nerdcore.de hergelangt. Wirklich ein guter text, danke fürs schreiben.

  5. Chilli Sagt:

    Ein original Batz, weiter so.

  6. Chilli Sagt:

    Aus der Rubrik: Texte die richtig Spaß machen. Weiter so!

  7. Der Optimist Sagt:

    Danke für diesen Text! So frei raus wird die Wahrheit kaum noch ausgesprochen!

  8. pantoffelpunk Sagt:

    Gut gegeben, Gevatter! ich ziehe den Hut!

  9. sabbeljan Sagt:

    guter text mit dem kleinen schönheitsfehler, dass er seinen ersten satz selbst widerlegt ;-)

  10. Josh Sagt:

    Um SpOn kommt man ja aber ohnehin nicht rum da sich die halbe Presselandschaft abgewöhnt hat, sich die Mühe zu machen Eigenrecherche zu betreiben – es geht ja viel bequemer indem man einfach abschreibt, was SpOn so ausspuckt.

    Mal sehen, wie es nach Aust weitergeht. Derweil bin ich bei der ZEIT und der taz hängen geblieben. Ob das besser ist sei mal dahingestellt. Online sind beide ne Katastrophe (wenn ich nicht total blind bin, hat die taz nicht mal nen RSS-Feed o.O) und beide haben auch jeweils ihren persönlichen, rechten Schmierfinken aber nach Henryk M. Broder kann mich diesbezüglich auch nichts mehr schocken XD

  11. Sebastian Sagt:

    Schöner Text. Ich habe nur den einen Einwand, dass es zumindest missverständlich ist, zu sagen, Redakteure solcher Drecksformate seien “gezwungen”, Katastophen zu provozieren usw. Sie werden nicht gezwungen. Sie haben sich entschieden, es für Geld (Prestige, Status, was auch immer) zu tun.

  12. Batz Sagt:

    @Sabbeljan

    Der erste Satz meint natürlich nicht mehr regelmässig, was nicht heißt, das ich nicht ab und an mal wieder über einen SpOnArtikel stolpere oder drauf aufmerksam gemacht werde.

    @Sebastian

    Naja Redakteure, bzw. in den meisten Fällen Praktikanten und Volontäre sind letztlich auch Leute die einen Job brauchen um ihre Miete zu zahlen. Ich bin zwar heilfroh, daß ich die Scheisse heute nicht mehr machen muß und nie mehr als Aushilfsweise und am Rande mit den schlimmsten Formaten zu tun hatte, aber dennoch sollte man nicht vergessen, daß viele eben hoffen einen Fuß in die Tür zu bekommen und glauben sie würden später einmal bessere machen können, wenn sie erstmal die Zähne zusammenbeißen und diesen Dreck mitproduzieren. Es mag diejenigen geben, die sich irgendwann einreden das wäre ein guter Job oder die Sachen wären keine Scheiße – und denen mag man einen gewissen Vorwurf machen, aber letztlich ist das Biz ziemlich gnadenlos und der Druck der dort von oben nach unten weitergegeben wird ist immens. Die Angst kleiner Produktionen, daß ihnen die Auftraggebenr abspringen oder sie von anderen unterboten werden ebenfalls. Die Fluktuation ist bei solchen Formaten in der Tat recht hoch und vieles wird einfach mit Berufsanfängern gedreht, die man verheizt und beschissen bezahlt. Ich glaub nicht, daß irgendjemand davon träumt für taff oder SAM oder Blitz oder Planetopia-Beiträge zu drehen, aber die Angst vor der Arbeitslosigkeit motiviert viele eben auch Mist zu produzieren, den sie sich privat nicht ansehen würden. Prestige und Status ist als Redakteur mit sowas kaum zu erlangen und die Bezahlung ist auch eher lausig.

  13. Martin Sagt:

    Hab ich eigentlich schonmal davon erzählt wie sich die Beamten dagegen gestemmt haben, damit ich mir selber eine Wohnung suchen kann als ich Wohnungslos war? Die haben mich zum Psychologen schicken wollen damit ICH MIR eine EIGENE WOHNUNG suche. Ich war zu dem Zeitpunkt Wohnungslos – was aber bestimmt nicht durch meine Psyche verursacht wurde. Leute, traut denen nie… *insert random rant here*

  14. Sebastian Sagt:

    Mag sein, dass der eine oder andere von denen Angst vor Arbeitslosigkeit hat. Aber um einen Job beim Fernsehen zu bekommen, braucht man schon gewisse Qualifikationen. Die könnten auch anders ihre Miete bezahlen.

    Und jeder hat vor irgendwas Angst. Vielleicht hat Mohr Angst, dass seine besten Tage hinter ihm liegen und er in Vergessenheit gerät, und vielleicht würde ihn das in eine tiefe Depression stürzen. Man kann immer irgendwelche Zwänge aufzählen, unter denen Menschen handeln, weil immer irgendwelche Zwänge da sind. Aber eben nicht nur Zwänge, sondern auch eigene Entscheidungen, für die man verantwortlich ist. Mir ist auch völlig egal, was die sich vielleicht einreden und wovon sie träumen, entscheidend ist, was sie tun. Und aus Angst vor sozialem Abstieg so aggressiv und mit schmutzigen Mitteln auf die einzutreten, die schon ganz unten sind, das kanns irgendwie nicht sein. In diesem Sinne bin ich auch froh, dass du die Scheiße nicht mehr machst.

  15. Anna Sagt:

    Toller Artikel.
    Es gruselt einen beim Lesen – wegen der Art und Weise, wie heute (?) “Qualitätsjournalismus” betrieben wird, aber auch wegen dem, was man über die Hintergründe aktueller Fernsehproduktionen erfährt (den Titeln nach reichen die Sendeformate eigentlich schon völlig zum Gruseln aus).

    Und ich schließe mich Sebastian an.
    Andere Menschen für die eigene Lebenssicherheit gegeneinander aufhetzen ist genauso wenig entschuldbar, wie alten Menschen an Telefon oder Tür mit miesen Tricks Geld abzujagen oder das derzeit viel zitierte Witwenschütteln gewisser Papierschänder.

    Entscheidend ist, was man tut, nicht was man täte, wenn die Welt anders wäre. Ist sie nämlich nicht. Wird sie auch nicht werden, solange die Mehrheit nach ihren Ängsten handelt, nicht nach ihrem Gewissen.

  16. somlu Sagt:

    Sehr schöner Artikel.

    Bestätigt mich, als jemand, die nicht so hinter die Kulissen schauen konnte, eine Anfrage einer Produktionsfirma bzgl. einer jungen Frau, die bei mir betreut wurde, abzulehnen. Zwar ist das Mädel schon über 18 und hätte das eigentlich selbst entscheiden könne. Aber, ich sage es mal so, ich hatte nicht den Eindruck, dass sie in der Lage gewesen wäre, die Folgen einer Sendung über ihr Leben und ihr Berufssuche zu überschauen. Zumal ich einiges über ihren privaten Hintergrund wußte, der sicherlich jede Menge Stoff für Drama und Katastrophen hergeben hätte. Die Tante von der Produktionsfirma war wirklich sehr überrascht, dass ich diese tolle Chance für die junge Frau nicht sehen wollte. Vermutlich muss sie das so sehen.

  17. Cunctator Sagt:

    Der beste Artikel, den ich seit langem gelesen habe!
    Wenn man den Menschen nur ein Thema häufig und regelmäßig genug unter die Nase reibt, vergessen sie bald, daß es noch andere Themen gibt. Verdammtes agendasetting.
    Danke für diesen Artikel, ist gebookmarkt. Sind noch ein paar minimale Rechtschreibfehler drin enthalten, die der Text nicht verdient hat ;-)

  18. kalle Sagt:

    Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschliessen. Dieser Artikel zeigt sehr genau, wie heute das Volk geschickt manipuliert wird, durch kleine – scheinbar unauffällige – Kommentare und Szenen, die Stimmung gegen bestimmte Schichten aufzuheizen. Die Macht der Medien wird genutzt, um Politik zu machen und Wahlkämpfe zu gewinnen, denn vielen fehlen die Hintergrundinformationen, und sie sehen bzw. lesen nur die eine Seite. Doch diese beeinflusst dann ihr Handeln…Traurig, aber wahr!

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