BatzLog - Noch etwas Salz?

Wombatz Weblog - Täglich etwas Salz

Zappat! – Kapitel 18

Nach einiger Zeit mal wieder ein weiteres Kapitel, um die Erlebnisse der glücklosen Okkultisten, die im beschaulichen Hannover ein paar Dämonen beschwören wollten. Wie die Geschichte anfing, könnt ihr hier lesen im ersten Kapitel. Die Übersicht über alle Folgen findet ihr hier.

Kommentare sind wie immer willkommen. :)

(K)ein ruhiger Abend

»Timmi..?« die unverkennbare Stimme meiner Mutter.
»Jo. Gleich hier.« Ich schaltete den Fernseher auf stumm.
»Bist du da?« Was für eine Frage.
»Nein«, sagte ich und setzte mich auf. Das Licht im Flur wurde angeschaltet. Mein Vater fluchte unterdrückt, er brachte wohl die Koffer herein.
Die Tür ging auf und Jana kam ins Wohnzimmer gerannt und hüpfte neben mir auf die Couch. Sie trug eine Strickweste und rote Kordhosen. Ihre Haare waren feucht vom Regen.
Ich erstarrte.
»Timmi… oh sei bloß das du nich’ dabei warst.«
Meine Hände bohrten sich in den Couchbezug, mein Herz setzte ein paar Mal aus. Ich konnte nicht atmen… mir wurde schwindelig. Statt einem Schrei entkam nur ein heiserer Kieckser meiner Kehle.
»Was ist denn?« Jana sah mich besorgt an. »Mama, ich glaube Timmi ist krank, er ist ganz weiß im Gesicht.«
Ich wollte aufstehen, wich vor ihr zurück…. Mein Kopf war ganz benebelt. Ich- stolperte über den Fernsehsessel und -Weg. Schwarz.
Driften im Weltall.
»Wonach riecht das hier..?«
»Ich weiß nicht Möbelpolitur glaube ich.«
»Oder Frischluftspray. Ich wette er hat heimlich Hasch geraucht.«
Als ich aufwachte lag ich auf der Couch und meine Eltern und… meine Schwester standen um mich herum. Mein Vater, wenigstens das hatte sich nicht geändert, sah ziemlich mürrisch aus. So wie Knäckebrot.
»Bist du wach?« Jana berührte mich an der Schulter und ich zuckte zusammen als wenn ich ins Feuer gepackt hätte. Zittern,
»Sie- Sie-! Sie…« Ich schwieg.
»Tim was ist mit dir?« Meine Ma betastete meine Stirn. »Hast du- hast du getrunken? Was ist mit dir los? Tim?«
»Das war das letzte Mal das wir dich alleine gelassen haben, junger Mann. Man sollte denken du wärst allmählich alt genug-«
Ich wurde ohnmächtig. Nur der Übung halber.

Das zweite Aufwachen brachte mich in mein Zimmer. Ich fror obgleich ich dick in Decken eingehüllt lag. Etwas war in meinem Mund und ich wollte es ausspucken.
»Nur noch ein paar Sekunden.« Das Ding begann zu piepen und wurde weggenommen. Ein Digi-Thermometer. Blinzelnd erkannte ich meine Mutter, die neben mir auf der Bettkante hockte und die Anzeige laß.
»Mama… mir ist kalt«, es klang jämmerlich, babyhaft, ich weiß, aber im Moment fühlte ich mich nach „Mama mir ist kalt“, okay? »Was ist passiert?«
»Du hast Fieber. Fast 40°. Du bist ohnmächtig geworden, Schatz; ich verstehe nicht wie so etwas passieren konnte. Du warst gestern doch noch kerngesund.«
Gestern war Jahre her. Aber wie sollte ich ihr das sagen.
»Bin naß geworden«, nuschelte ich, »nach dem Kino, es hat so geregnet.« Das war ja wenigstens die Wahrheit. Ich hüstelte mitleidsheischend.
»Du solltest besser auf dich achtgeben, ja, jetzt siehst warum ich immer rede du sollst dich anständig anziehen. Aber nein, Tim muß ja mit einem T-Shirt rausgehen wenn es regnet, weil er das für cool hält. Du brauchst gar nicht die Augen zu verdrehen, du siehst selbst was du jetzt davon hast.« Meine Mutter tippte mir mit dem Ther-mometer gegen die Stirn. »Jedenfalls bleibst du morgen erstmal zu Hause.« ordnete sie an. Wer bin ich da zu widersprechen. Kurz darauf brachte sie mir eine Trinkboullion und drei Aspirin ans Bett.
»Mama…?«
Sie drehte sich in der Tür noch mal um, hab fragend die Augenbrauen.
»Kannst du mir den Fernseher anmachen, bitte?« Wieder ein Hüsteln.
»Du bekommst nur Kopfschmerzen davon.«
»Ich hab doch schon Kopfschmerzen.«
»Um so schlimmer, Timmi, dann solltest du erst recht nicht-«
»Bitte Mama…« Hüstel Hüstel. Trauriger Blick.
Sie zuckte entnervt die Schultern.
»Also gut, du mußt es wissen« Meine Mom knipste seufzend den Apparat ein, dann verließ sie das Zimmer. Ich schaltete auf stand-by, also auf MTV.
»Timmi? Bist du wach?«
Ein Großteil der Suppe kippte ich über die Bettdecke, als Jana in ihrem „Night-Rider“-Nachthemd reinkam und sich an mein Bett hockte.
Einzelne Fettaugen trieben auf dem Biberbettzeug.
»Du bist ein Tolpatsch«, sie holte sofort ein Tuch aus dem Bad mit und gab es mir. Abwesend begann ich die Flüssigkeit aufzutupfen. Ich war nicht nur ein Tolpatsch mit einem freundlichen Zombie zur Schwester, sondern auch kurz davor überzuschnappen. Jana musterte mich nachdenklich. »Was ist denn mit dir los, du guckst mich an als wenn ich ein Geist bin.«
Treffer, sie hatte es erfaßt. Jetzt sah ich sie zum ersten Mal bewußt an. Es war Jana und sie sah ganz und gar nicht geisterhaft aus. Sie hatte, um der Wahrheit die Ehre zu geben, sogar eine wesentlich gesündere Gesichtsfar-be als ich. Das Einzige das sich verändert hatte war… das wirklich einzige was sie mir ein wenig seltsam erschei-nen ließ, ein wenig fremd, war…das fiel mir erst nach einigen Minuten auf. Sie war älter als ich sie in Erinnerung hatte. Sie war- Sie war genau um die Zeit gealtert die seit dem… Unfall vergangen war. Sie lebte. Es schien als sei sie niemals fortgewesen, als habe es nie einen Autounfall, nie einen verkrampfte beschissene Beerdigung gegeben. Als sei sie niemals… niemals…
Ohne das ich es aufhalten konnte begann ich zu heulen. Richtig tief. Es mußte raus. Keine Dämme mehr da um etwas zurückzuhalten.
»Timmi… was ist denn?!« Jana war richtig geschockt, als ich so plötzlich die Grätsche machte; sie war es nicht gewohnt mich beim flennen zu ertappen. Sie krabbelte zu mir und versuchte mich ungelenk in den Arm zu neh-men, zu trösten.

Es dauerte einige Minuten, bis sich meine Erstarrung löste und ich es über mich brachte sie gleichfalls zu umar-men. Nur langsam wichen Schock und Überraschung, Trauer und Unglaube. Es dauerte, bis ich die Fassung wiedergewann.
»Was ist denn los?«
Ich schüttelte den Kopf, wischte mir die Augen.
»Nichts… wirklich. Schon wieder gut.« Ich strich ihr zaghaft über die Haare, schniefte. »paß bloß auf, sonst stecke ich dich auch noch an.«
»Dann hab ich morgen wenigstens auch frei.« Sie ließ ihre Beine über die Bettkante baumeln.
Meine Mutter kam rein.
»He… du wolltest Tim doch nur noch kurz Gute-Nacht sagen. Ich hab dein Bett schon gemacht.« Sie ver-schwand wieder. Ich hörte wie die Tür zu Janas Zimmer klappte.
»Du bist wirklich okay?« fragte meine Schwester.
»Klar doch.« Eine glatte Lüge.
»Gut.« Sie beugte sich vor und gab mir einen kleinen Kuß auf die Wange. Ich wußte noch, wann sie daß das letzte Mal getan hatte: Als ich vor zwei Jahren mit dem Fahrrad hingeknallt war, während wir beide zum Stadionbad fuhren. Meine Stirn hatte geblutet und ich hatte geflucht und geheult gleichzeitig. »’Nacht.«
»Ja, träum was schönes«, rief ich hinter ihr her, als sie hinaushuschte.

Der Fernseher schaffte es nur mühsam mich an diesem Abend abzulenken. Irgendwann zwischen neun und halb elf, zwischen dem Kulturweltspiegel und “Geile Schlampen erwarten dich!”, muß ich eingeschlafen sein.
In der Nacht erwachte ich aus Alpträumen und mußte mich übergeben. Eine ausgewachsene Magen-Darm-Grippe unterhielt mich denn auch in den folgen Stunden in denen ich zwischen Bett und Toilette einen Trampelpfad in den Teppich stapfte. Mir war hundeelend. Oder timmi-elend, wenn das eine niedrigere Lebensform ist.

Updated: 7, 1, 2008 — 3:25

1 Comment

Add a Comment
  1. Gefällt mir wirklich sehr gut! Hab mir gestern (aufgrund dieses Kapitels) die ganze Geschichte von Anfang an durchgelesen und war hellauf begeistert, besonders diese Mischung aus grotesken Situationen inmitten des Vor-/Kleinstadtidylls und den liebevoll gezeichneten Charakteren hat es mir angetan. Vor allen Dingen Timmi hat ein recht hohes Identifikationspotential, mit seinen spießigen Eltern und allem drum und dran.
    Ich bin gespannt auf die weitere Fortführung!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

BatzLog - Noch etwas Salz? © 2014 Frontier Theme