Vor einem Jahr…
Letztes Lichtspiel: Der Nebel
-”You don’t have much faith in humanity, do you?”
-”None, whatsoever.”
Originaltitel: Mist, The
Herstellungsland: USA 2007
Regie: Frank Darabont
Darsteller: Thomas Jane, Marcia Gay Harden, Alexa Davalos, William Sadler, Laurie Holden, Chris Owen, Andre Braugher, Nathan Gamble

Ein Sturm fegt durch die Kleinstadt Bridgton in Maine und hinterlässt beträchtlichen Schaden. Am nächsten Morgen dürfen David Drayton (Thomas Jane) und seine Frau Stephanie (Kelly Collins Lintz) erstmal den Schaden besichtigen. Ein Baum ist ins Wohnzimmer eingeschlagen, ein anderer hat das Bootshaus platt gemacht und merkwürdiger Nebel treibt über dem See.
David beschließt zusammen mit seinem Sohn Billy kurz in die Stadt zu fahren um das nötigste einzukaufen. Aus Gefälligkeit nimmt er den Nachbarn Brent (Andre Braugher) mit, dessen Auto es ebenfalls zerlegt hat.
Auf dem Weg in die Stadt deutet sich erst das wahre Ausmaß der Katastrophe an, Militär und Rettungswagen sind unterwegs, der Supermarkt von Panikkäufern überfüllt. Kurz nachdem David angekommen ist, heulen Warnsirenen los und ein blutender Mann stolpert in den Laden: Da ist etwas im Nebel.
Schon Minuten später ist der Supermarkt vom dichten Nebel umschlossen in dem sich geheimnisvolle Schemen abzeichnen. David versucht einen kühlen Kopf zu bewahren und mit einigen anderen zu überlegn was zu tun ist, doch die fanatisch religiöse Mrs. Carmody (Marcia Gay Harden) ist davon überzeugt, daß der Nebel Gottes Rache ist.
Während sich die Stimmung im Inneren des Supermarkts aufheizt, sammeln sich immer mehr unheimliche Kreaturen vor den Türen…
Frank Darabont dürfte neben Rob Reiner einer der wenigen sein, der es geschafft hat Stephen Kings phantastische Stories erfolgreich für die Leinwand zu adaptieren. “The Shawshank Redemption” gehört zu den besten Filmen der 90er Jahre und gilt zurecht als moderner Klassiker und selbst “The Green Mile”, auf einer eher schwachen Stories King beruhend, hat unzweifelhafte Qualitäten. Darabont hat als einer der wenigen wirklich verstanden, daß die Stärke Kings nicht im Übernatürlichen liegt, daß er nicht die originellsten Monster der Welt erschafft oder jemand ist, der grandiose Welten konstruiert. Kings Story leben von der genauen Beobachtungsgabe, von der glaubhaften Figurenzeichnung, von der gut beobachteten Alltagszeichnung, die die Stories tief im amerikanischen Leben verwurzelt. Seine Figuren sind echt, man glaubt sie man fühlt mit ihnen und wenn das Übernatürliche dann auftritt, ist man so von ihnen gefesselt, daß man ihnen auch auf unwahrscheinliche Wege folgt.
Diese Stärke, Charaktere glaubhaft zu inszenieren, zeichnet auch Darabont aus. Ein Schauspieler-Regisseur der um die Macht guter Dialoge weiß und die Wichtigkeit einer kraftvollen Besetzung. Das sind dann auch zweifellos die Stärken seiner dritten King-Adaption, deren Vorlage (einer Mischung aus 50th-B-Movie und Goldings “Herr der Fliegen”) zu einer der besten und stimmigsten Novellen des Mainer-Bestseller-Autoren gehört.
Darabont nimmt sich viel Zeit für seine Figuren, allesamt nicht von Stars sondern von guten Schauspielern gespielt. Besonders glänzen darf Tobey Jones als Supermarkt-Leiter Ollie, der es schafft aus einer Nebenrolle eine unvergessliche Figur zu machen. Jones hatte zuvor in der hierzulande leider untergegangenen zweiten Capote-Verfilmung “Infamous” mit seiner Interpretation von Truman Capote bereits bewiesen, daß er nuancierte, vielschichtige Figuren kreieren kann.
Gleiches gilt für Darabont-Spezi William Sadler als stimmungschwankenden Lagerarbeiter und Marcia Gay Harden die es schafft die durchgeknallte Mrs. Carmody nicht zu einer reinen Comicfigur verkommen zu lassen. Thomas Jane, ein stiller Darsteller aus der zweiten Reihe, verleiht der Hauptrolle ebenfalls glaubhafte Züge, die ihn nie zum langweiligen, berechenbaren Helden werden lassen. Selbst der Sohn ist sehr liebenswert besetzt und schafft es nicht zu nerven oder disneyhaft niedlich aus der Wäsche zu gucken, was für kleinere Filmkinder ja immer schon eine ganze Menge ist.
*Spoiler Ahead*
Das Kammerspiel, die Belagerungssituation funktioniert auch immer dann am besten, wenn sich Darabont auf seine Schauspieler, auf die Gruppendynamik verlässt. Er weiß das er hier ein Ensemble führt, das keine gelackten Star vertragen kann, der die anderen an die Wand spielt. Die meisten Rollen bekommen ihre guten Szenen und die Spannung und die Konfusion und Panik der Eingeschlossenen lässt sich gut nachvollziehen. Kleine schwarz-humorige Momente, die nie aufgesetzt wirken, unterstreichen die generelle Dunkelheit der Geschichte, die in grobkörnigen, oft rauhen Bildern eingefangen wird, die im starken Kontrast zur Unwirklichkeit der Situation stehen. Mark Ishams zurückhaltender, einfühlsamer aber selten rührseeliger Score unterstützt die Gesamtstimmung sehr treffend.
Natürlich lassen sich politische Anspielungen erkennen, wenn man denn möchte. Natürlich sind Seitenhiebe auf Militär und die Bushregierung herauszulesen, wenn die Figuren den wachsenden Einfluß von Mrs. Carmody auf die Supermarkt-Insassen beobachten und sich fragen, wie lange es wohl noch dauern wird, bis diese nach radikalere Maßnahmen fordert. Dennoch sind dies keine aufgepropften oder gewaltsam hereingedrückten Ideologien. Die Themen des Films, dessen Dialoge zum Teil 1:1 der Vorlag entstammen, finden sich auch alle in Kings Novelle wieder. Religiöser Fanatismus ist seit Carrie ein immer wiederkehrendes Motiv in Kings Stories, an dem er sich wieder und wieder abgearbeitet hat. Das Mißtrauen gegenüber dem Staat, dem Militär und die Angst vor der Manipulierbarkeit der verängstigten Massen kommt eben so oft vor. Wenn hier einiges expliziter formuliert wird oder heutzutage einfach anders gelesen wird als Anfang der 80er Jahre, dann bedeutet dies jedoch nicht, daß es nicht von vornherein Bestandteil der Geschichte war. Es auszusparen oder abzumildern, aus Angst vor der religiösen Mehrheit, die sich durch die radikale Darstellung von Mrs Carmody beleidigt sehen könnte (und auch sah: Man rief zum Boykott des Films auf), wäre viel schändlicher gewesen, als es etwas plakativer zu gestalten. Das geschickte gegeneinander Ausspielen der menschlichen Monströsitäten, gegen die echten Monster vor dem Supermarkt und die Frage was schrecklicher ist, ist eine der Stärken des Films.
Die Schwachpunkte von Darabonts Film liegen an anderer Stelle und sorgen letztlich dafür, daß ich ihm “nur” 3.5 Punkte geben mag, wo anderenfalls durchaus mehr drin gewesen wären. Es mag am niedrigen Budget es Films gelegen haben(18 Mio$), aber leider verliert der Film immer dann, wenn man die Kreaturen des Nebels tatsächlich sieht. Das liegt nichtmal unbedingt an ihrem Design, an dem auch Comic-Legende Bernie Wrightson beteiligt war, sondern viel mehr an der Umsetzung. Schon beim ersten Auftauchen im Lager des Supermarktes wird einem schmerzlich bewußt, das hier nicht grade die Meister ihres Fachs am Werke waren. Wären die Tentakel, Fliegen, Spinnen und sonstiges Lovecraftsches Gefleuch vielleicht für einen TV-Film noch akzeptabel, so sieht man ihnen auf der großen Leinwand leider in jedem Moment ihre CGI-Herkunft an. Die Bewegungen sind nicht wirklich stimmig, die Beleuchtung stimmt nie so ganz und im Vergleich zu den realen Filmteilen wirken die CGI-Wesen immer leicht unscharf und einkopiert. Das mindert den Schrecken leider nicht unerheblich, auch wenn die Schauspieler mit ihrem Spiel und ihren Reaktionen viel retten können. Sie schaffen es, das man die schlecht getricksten Wesen dennoch irgendwie als Bedrohung ernst nimmt und zu vergessen versucht, wie lächerlich und unwirklich sie aussehen. Erst zum Schluß, wenn die Wesen nur als gigantische Schemen im Nebel zu sehen sind, schaffen sie es etwas tatsächlicheGröße und Ernsthaftigkeit zu vermitteln. Zwischendrin muß man leider oft beide Augen zudrücken und über die günstig gerenderten Viecher hinwegsehen die munter durch den Supermarkt sausen.
Gut getrickst sind zumindest die handfesten Make-Up-Effekte bei denen Greg Nicoteros KNBFX-Team seine blutigen Finger im Spiel hatte und so überrascht der Film mit zum Teil recht deftigen Gore-Effekten die man in einem so charaktergetriebenen Drama zuerst nicht vermutet hätte.
Gröbste Änderung zur Vorlage und ein wirklicher Schlag in die Magengrube ist das Ende des Films, das sicher zum ungewöhnlichsten und gewagtesten gehört, was man in einem Hollywoodfilm in letzter Zeit gesehen hat. Dort wo sich “I am legend” in ein schmierig-verlogenes Happy-End rettet, lässt Darabont selbst den Schwachen Hoffnungsschimmer den Kings Story bot nicht mehr zu, in der die Überlebenden mit wenig Hoffnung und noch weniger Benzin auf ein ungewisses Ziel zusteuerten (ähnlich dem Ende von “Dawn of the Dead”). Am Ende von “The Mist” steht Verzweiflung und Depression, ein pessimistischer Blick auf die menschliche Rasse und Seele, der düsterer ist, als das meiste was man in letzter Zeit, oft augenzwinkernd serviert bekam.
Und alleine für die beiläufige Carpenter-Referenz zu Beginn des Films, der mit “The Fog” ebenfalls einen Horrornebel dirigierte, muß man den Film letztlich mögen.
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Von Batz am 21, 1, 2008 um 2:53 in CineBatz | 3 Kommentare »___________________________________________________________________________
3 Kommentare zu “Letztes Lichtspiel: Der Nebel”
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21. Januar 2008 at 11:01
Hab den Film gestern gesehen, und muss sagen das End ist das Best was Hollywood seit Jahren gemacht hat. Hut ab vor Frank Darabont dieses Ende zubringen. Klasse Film und um langen Besser als I am Legend.
22. Januar 2008 at 0:31
Ich halte die Beurteilung des Endes als pessimistischen Schluss ja für äußerst fraglich.
Das Ende im Buch ist ja bekanntlich offen, die Fahrt führt ins Nichts, keine Hoffnung, keine Zukunft, alles ungewiss.
Bei Darabont bewahrheitet sich die religiöse Ahnung, der ganze Schrecken ist – gemäß Mrs. Carmody – Ausdruck eines Zorns Gottes, am Ende schließlich sind die Opfer erbracht, der Nebel verzieht sich, die Helfer nähern sich…. da kann sich erschießen wer will, letztlich ist das Ende viel hoffnungsvoller und von daher völlig pseudokonsequent.
Und wie kann dir diese völlig neue Form des Over Actings nicht wehgetan haben?
Ich glaube wir haben zwei verschiedene Filme gesehen oder wirklich völlig unterschiedliche Maßstäbe.
22. Januar 2008 at 1:20
Ich glaub da interpretieren wir das Ende einfach unterschiedlich. Ich wär nie auf die Idee gekommen, daß sich der Nebel durch die “Opferung” verzieht. Es gibt keinen Gott, also warum sollte es plötzlich eine religiöse Erklärung geben. Und die “Helfer” sind letztlich diejenigen die die Plage erst übers Land gebracht haben und jetzt panische Schadensbegrenzung treiben – wenn man King kennt vermutlich ähnlich rigeros wie in “Dreamcatcher”.
Das Ende zeigt, daß Menschen sich in Stressituationen leicht manipulieren und instrumentalisieren lassen und wie Arschlöcher benehmen. Das Religion gut dazu angetan ist Sündenböcke und einfache Erklärungen zu suchen und jede mißliche Lage zu ihren Gunsten ausnutzt. Der Film hat ein sehr pessimistisches Menschenbild, das weit über die Hauptfiguren hinaus reicht und ich seh in dem Ende keine Rettung und wenig Zuversicht, denn die Notsituation ist austauschbar. Der Nebel letztlich nur eine Metapher für menschengemachtes Unglück, das durch jede andere Angst vor realem wie eingebildetem Terror ausgenutzt werden kann um die Menschen zu fanatisieren und zu radikalisieren. Die Tagline “Fear changes everything” wurde nicht umsonst gewählt, denn ich glaube in Darabonts sicht (und auch in der Kings) sind die Menschen schlimmere Bedrohungen als die Tentakelmonster.
Und Overacting: Ich fand Mrs Carmody passend, wenn man in berlin Ubahn fährt laufen einem genug geisteskranke über den Weg. Oder einfach mal Talkshows gucken. Schäuble und Carmody unterscheiden sich auch nur graduell.