Vor einem Jahr…
Letztes Lichtspiel: Sweeney Todd
“I will have vengeance…”
Originaltitel: Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street
Herstellungsland: USA 2007
Regie: Tim Burton
Darsteller: Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Alan Rickman, Timothy Spall, Sacha Baron Cohen

Benjamin Barker (Johnny Depp) ein aussergewöhnlich talentierter Barbier kehrt in finsterer Mission nach London zurück. Er sinnt auf Rache, will das Unrecht gut machen, daß ihm Jahre zuvor vom egozentrischen Richter Turpin (Alan Rickman) angetan wurde.
Dieser ließ ihn, weil er ein Auge auf Sweeneys Frau geworfen hatte, kurzerhand nach Australien als Zwangsarbeiter deportieren. Barkers Frau wurde vom Richter vergewaltigt und nahm sich daraufhin das Leben, der Richter adopierte ihre Tochter Johanna.
Barker, der sich mittlerweile Sweeney Todd nennt, freundet sich mit der rustikalen Pastetenbäckerin Nellie Lovett (Helena Bonham Carter) an, deren Geschäft eher schlecht als recht läuft. Während Sweeney noch überlegt wie er es dem Richter am Besten heimzahlen kann, entdeckt Sweeneys Bekannter der junge Seefahrer Anthony Hope (Jamie Campbell Bower) Johanna, die immer noch in der Obhut des Richters lebt. Anthony verliebt sich sofort und ist von der Idee besessen sie zu befreien und mit ihr zu fliehen.
In der Zwischenzeit hat Sweeney einen florierenden Barbierbetrieb aufgezogen, ob Konkurrenten oder Kunden, viele sterben unter seiner Klinge und Nellie freut sich, daß sie endlich genug gutes Fleisch für ihre Pasteten bekommt…
Die neuste Verfilmung des dutzendfach adaptierten Stoffes um den psychopathischen Barbier zu beurteilen fällt mir schwer. Burton hat wieder einmal alle Register gezogen und macht sehr viel richtig. Das Setdesign ist in seiner desaturierten Schäbigkeit ausgesprochen beeindruckend. Jede Glasscheibe verzerrt ihre Umgebung und betont das alptraumhaft surreale der Geschichte. Alles wirkt stylish heruntergekommen irgendwo zwischen Sleepy Hollow und Dr. Caligari. Die Kostüme und Masken sind exzellent gearbeitet und bieten eine dichte Textur, die die Welt in ihren besten Momenten sehr greifbar, fast fühlbar werden lässt.
Und erst die Besetzung. Natürlich ist Depp gut als manischer Messermann, natürlich ist Helena Bonham Carter brillant und sehr, sehr creepy als bösartige-hemdärmlige Pastetenbäckerin. Und erst die Nebenrollen. Sacha Baron Cohen in einer kleinen Rolle als Konkurrent Sweeneys, der unheimlich sardonische Timothy Spalls, der nach seiner positiven Rolle in “Verwünscht” jetzt wieder einen Schleimbeutel vom Feinsten geben darf und nicht zuletzt der großartige Alan Rickman, der es schafft dem Richter unerwartete Tiefe und Emotionalität zu geben. Solide, wenn auch etwas blaß bleibt lediglich das Liebespaar Anthony und Johanna – aber sie haben auch nicht viel Material aus dem sie etwas machen könnten. Was den Gesang angeht schlage sich alle sehr wacker, bei Depp unterstützt die brüchige eher dünne Stimme oft sogar die Wirkung des Liedes, ähnliche wie dies bei Ewan McGregor in “Moulin Rouge” der Fall war.
Die Ausstattung ist wirklich opulent. Die Kamera fließend. Man merkt, daß alle Beteiligten sich wirklich in das Projekt gestürzt haben. Es sollte keine halbherzige Umsetzung von Stephen Sondheims Erfolgsmusical sein und wahrscheinlich ist es ihnen auch geglückt, der Vorlage gerecht zu werden. Das mag ich nicht beurteilen, denn ich kenne nur Aufnahmen der Theaterfassung, habe aber nie eine Inszenierung auf der Bühne gesehen. Im Film ist es auf jeden Fall beeindruckend wie rabiat Burton die Morde umsetzt, wie detailverliebt er das blutige Handwerks des diabolischen Pärchens zeigt.
Warum ich mich dennoch nicht zu mehr Punkten durchringen konnte liegt denn vielleicht auch daran, daß die Vorlage zu getreu adaptiert wurde. Sweeney Todd ist ein Musical, was die Werbung und die Trailer vielleicht nicht ohne Grund verschweigen und auch das ist nur die halbe Wahrheit. Sweeney Todd ist mehr eine Oper als ein Musical. Wo in anderen Werken des Genres – das ich im Gegensatz zu vielen meiner Filmfreunde sehr gern mag – bisweilen die Handlung durch einen Song unterbrochen wird, unterbrechen bei Sondheims Stück wenige Dialogszenen den Gesang. Und da sind wir dann auch bei dem Problem was ich mit dem Film, bzw mit Teilen davon hatte: Das Dauergesinge, das oftmals aus narrativen Gesang ohne Melodie, Refrain, Struktur besteht, ging mir bisweilen ziemlich auf die Nerven. Ich liebe es, wenn sich in anderen Filmen normale Situationen plötzlich in ausgefeilte Choreographien, in absurde Songs verwandeln, die die Geschichte ergänzen, aber dennoch als einzelne musikalische Höhepunkte funktionieren. Viele der Songs bei Sweeney sind jedoch nur ziemlich pathisch instrumentierte, gesungene Dialoge, die weder ins Ohr gehen, noch eine echte Nähe zu den Figuren entstehen lassen.
Ähnliche Probleme hatte ich zugegeben auch mit RENT und den Rockopern von THE WHO. Nach einigen Minuten der Dauerbeschallung ertappte ich mich dabei nicht mehr richtig hinzuhören und die wenigen echten Dialogszenen als erfrischende Atempausen zu betrachten. Denn erst dann, hatte ich das Gefühl konnten alle Schauspieler zu ihrer wahren Größe auflaufen, konnten aufeinander reagieren und zeigen was in ihnen steckt.
Natürlich gibt es auch die schwungvollen, starken Songs, fast immer sind es die Uptempo Nummern die wirklich funktionieren und auch beim Publikum Reaktionen auslösten. Das Duell der beiden Barbiere, Sweeneys und Nellies Pastetenideen oder Sweeneys Hassphantasien. Der Film ist immer dann wirklich mitreißend, wenn er in Bewegung bleibt, wenn er aus der Enge der Backstube und des Barbierzimmers ausbrechen darf in der ich mich zum Teil arg eingepfercht, fast wie im Theatersitz gefangen fühlte. Es ist immer derselbe Blickwinkel auf den Rasierstuhl und nach dem 10 Mal, der 10 durchtrennten Kehle nutzte sich auch der Reiz der übertriebene Grand Guignol-Brutalität sichtlich ab. Für Hardcorefans von Sondheim ist es sicher Frevel, aber ich hätte kein Problem damit gehabt, wenn für die filmische Umsetzung etliche der narrativen Lieder in einfache Dialoge umgeschrieben worden wären.
Vielleicht würden alle Figuren dann weniger eindimensional wirken, weniger als Karikaturen. Denn so überzeugend Depp hier auch den Psychopathen gibt, eines schafft er nicht, weil es das Drehbuch ihm nicht erlaubt: Einen Blick auf sein Innenleben, seine Beweggründe, seine Menschlichkeit. Egal was ihm der Richter angetan hat, Sweeney erscheint in keiner Szene wirklich als fühlendes, menschliches Wesen. Er ist ein glühender zorniger Racheengel, mit dem man keine Sekunde wirklich Mitleid hat. Helene Bonham Carters Nellie ist ähnlich gelagert, sie ist bisweilen witzig, löst aber stets ein unwohles Gefühl in einem aus. Sie ist creepy, manipulativ und auch niemand dem man eine Träne nachweint. Der Junge Toby (Ed Sanders), der widerwillig von Sweeney und Nellie adoptiert wird, funktionietr leidlich gut als sympathische Figur, hauptsächlich weil er ein Kind ist, aber darüberhinaus bietet er auch nicht viel dramaturgisches Fleisch. Die einzige Figur die bei mir wirklich Mitgefühl auslöste war seltsamerweise ausgerechnet Alan Rickmans Richter. In seiner Stimme, seiner Mimik liegt echte Trauer, echtes Unverständnis und echte Verletzlichkeit, wenn er als Ungeliebter hilflos zusehen muß wie ihm die Kontrolle über Johanna entgleitet. Wie er davon träumt ihren Respekt und ihre Liebe zu gewinnen. Keine Frage er ist ein skrupelloses Schwein, der Kinder zum Tode verurteilt und seine Macht mißbraucht um sich zu nehmen was er will. Aber er hat Gefühle, er hat eine Innenwelt und deswegen birgt sein Schicksal eine wirkliche Tragik, während alle anderen Figuren mehr oder minder dramaturgische Effektpuppen bleiben.
In seinem Nachhall blieb Sweeney Todd für mich deswegen erstaunlich leer. Trotz der grandiosen Bilder, vieler guter Momente wollte sich das Ganze nicht zu einem runden Gesamteindruck fügen, jenem hungrigen, glücklichen Gefühl, daß man diesen Film auf jeden Fall noch einmal sehen möchte, das man ihn ins Herz schließt. Etwas für das grade Musicals eigentlich prädestiniert sind, denn in wenigen Genres liegen große Gefühle, Ironie, Drama und Spaß so dicht beieinander wie dort. Doch vielleicht ist bei aller Liebe zum Detail, daß genau das Problem des Films: Er hat, wie seine Titelfigur, letztlich kein Herz.
Sweeney Todd sollte man schauen. Aber man muß ihn nicht mögen.
PS: Nach “Charlie and the chocolate factory” ist dies der zweite Burton der mit einer mittelmässig animierten CGI-Sequenz beginnt, die mehr stört als Stimmung erzeugt. Ich wäre dafür sowas in Zukunft entweder aufwendiger zu produzieren oder lieber mit echten Bildern zu arbeiten. Digitales Blut sieht erbärmlich aus, wenn man es so lange anschauen darf.
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Von Batz am 22, 2, 2008 um 0:24 in CineBatz | Kommentieren »___________________________________________________________________________
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- achja der nächste der im Zusammenhang mit Inception vom "Film des Jahres" spricht bekommt einen Schuh an den Kopf. War 2010 echt so mies?
- lange kann es nicht mehr dauern bis die sparkasse verlangt, dass ich IHNEN Zinsen zahle für das Geld auf meinem Kapital-Plus-Sparkonto
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