Vor einem Jahr…
Letztes Lichtspiel: Die Welle
“Aber ich wollte doch Anarchie machen….”
Originaltitel: Die Welle
Herstellungsland: Deutschland 2008
Regie: Dennis Gansel
Darsteller: Jürgen Vogel, Max Riemelt, Christiane Paul, Maximilian Mauff, Jennifer Ulrich, Jacob Matschenz, Frederick Lau

Projektwoche an der Schule einer deutschen Kleinstadt. Lehrer Rainer Wenger (Jürgen Vogel) hat sich schon drauf das Thema “Anarchie” zu lehren, wird aber dazu verdonnert seinen Schülern “Autokratie” beizubringen. Ein Thema das dem Lehrer mit Punk- und Rockrebellen Vergangenheit so gar nicht liegt.
“Faschismus kann eh nicht wieder passieren”, glauben seine Schüler. Dazu ist man viel zu aufgeklärt. Doch Wenger denkt sich etwas aus. Statt langweiligem Faktendreschen will er seine Schüler hautnah spüren lassen wie sich Autokratie (hier als Verbrämung für Faschismus genutzt) anfühlt. Er verordnet zunächst einmal Einheitskleidung, weiße Hemden und eine neue Sitzordnung – und ist selbst überrascht wie willig die Schüler seine Ideen aufnehmen.
Aus dem ungeordneten Haufen wird innerhalb von zwei Tagen eine straffe Truppe, in der selbst Aussenseiter wie Tim (Frederick Lau) plötzlich ihren Platz haben. Die Begeisterung verselbständigt sich schnell. Bald werden auch ausserhalb des Projektkurses neue Schüler rekrutiert, das Experiment wird zur Bewegung, zu “Die Welle” komplett mit Logo, Internetauftritt und eigenem Gruß.
Lehrer Wenger droht zeitweise von diesem Sog, von der Eigendynamik dieser Bewegung mitgerissen zu werden, sich in der Rolle des Anführers zu gefallen . Erst als es zu Übergriffen von Wellemitgliedern gegenübern anderen Schülern kommt, als sich Tim ihm als Leibwächter andient realisiert wie ernst die Situation ist. Doch es ist nicht so einfach das “Experiment” zu beenden…
Die Story ist bekannt. Wer in den 80ern und frühen 90ern die Schulbank drückte, wird um die Pflichtlektüre “Die Welle” von Todd Strasser (als Morton Rhue), wie auch um den TV-Film der aus dem dünnen Büchlein gemacht wurde, kaum herumgekommen sein. Der damalige Film wurde als sog. “After School Special” produziert, als Teil einer Reihe von Filmen die meist mit dem pädagogischen Holzhammer “wichtige Themen” abhandelten. Drogen sind doof. Alkohol ist gefährlich. Zu Behinderten soll man lieb sein. Scheidungen sind schwer für Kinder. Faschismus ist irgendwie nicht so toll.
Film und Buch basieren auf einem schlecht dokumentierten tatsächlichen Vorfall, der sich so 1967 an einer Schule in Palo Alto abgespielt haben soll. Es gibt nur wenige wenige Dokumente und über das was sich dort abgespielt hat, die Schulzeitungen berichteten nur kurz wenig darüber und selbst der echte Lehrer Ron Jones, auf dessen Schilderung die gesamte “Welle”-Legende beruht hat seine Story erst 6 Jahre später zu Papier gebracht und sparte dabei wohl aus dramaturgischen Gründen aus, daß es sehr wohl organisierte und wirkungsvolle Proteste gegen “The Third Wave” gab und keineswegs alle Schüler wie brave Schäfchen innerhalb von 3 Tagen zu Nazis wurden. Jones hat seine Karriere auf diesem Experiment aufgebaut und zieht seitdem durch die Welt und warnt die Menschen davor wie schnell man zu Nazi, pardon zum Autokraten werden kann.
Jones war natürlich auch bei der Neuverfilmung von Denis “Napola” Gansel mit von der Partie, als Berater, aber wahrscheinlich auch, weil er es als gute Werbung für sein in die Jahre gekommenes Projekt ansieht.
Leider schafft es Gansel nicht wirklich etwas anderes als ein modernisiertes “After School Special” abzuliefern. Die Optik ist hip, der Schnitt ist schnell und schick, der Musikeinsatz packend und passend. Denn wenn Gansel etwas beherrscht ist es Bilder zu schaffen die gut aussehen, Stimmungsbilder von Größe und cineastischer Eleganz. Vom “Kleinen Fernsehspiel”-Muff der Erstverfilmung ist nicht viel geblieben, Gansel liefert modernes, schniekes Kino ab.
Was ihm leider wie schon bei Napola nicht so liegt ist Figuren zu entwerfen, die über ihre Klischeefunktion hinausgehen, die ein Eigenleben entwickelt und mit allen Zwischentönen als vielschichtige Persönlichkeiten erscheinen. Das ist sehr schade, denn wieder einmal hat er eine ausgesuchte und talentierte Besetzung zusammengetrommelt.
Jürgen Vogel, der zwar sowieso in jedem Film mitspielt, aber deswegen nicht weniger gut ist, gibt einen hinreichend sympathischen alternativen Lehrer, der im Endeffekt selbst noch nicht richtig erwachsen ist. Frederick Lau gibt den psychisch angeknacksten Außenseiter Tim ebenfalls sehr überzeugend und schafft es die mit vielen dramaturgischen Allgemeinplätzen beladene Figur nicht zur Karikatur werden zu lassen. Max Riemelt als All-Arian-Smiley sieht hübsch aus und darf seine Rolle aus Napola variieren und auch die restlichen Jungdarsteller wissen zu gefallen. An ihnen liegt es nicht, wenn sich bei den pädagisch-platten Dialogen ein ums andere Mal auch die Nackenhaare des gutwilligsten Zuschauers aufstellen werden. Sie haben einfach wenig andere Wahl, bei dem was ihnen das Drehbuch vorgibt. Die Dialoge sind streckenweise so schmerzhaft plakativ, als wolle man ängstlich jede Uneindeutigkeit ausräumen. Die guten Schauspieler werden verheizt, die eigentliche Entwicklung, mit dem Ergebnis, daß der bedrohliche Sog der Bewegung – auch hier eine Parallele zu Napola – nie wirklich spürbar wird.
Größtes Glaubwürdigkeitsproblem des Films, neben seinem penetrant pädagogischen Habitus, ist vor allem seine These, die unreflektiert Ron Jones These wiederkäut, so simpel würde Faschismus funktionieren. War das schon im original-Setting, Ende der 60er, schwer zu schlucken (und letztlich lief es ja auch anders ab), so braucht es in der modernen, nach Deutschland verlegten Fassung nochmehr Goodwill vom Zuschauer, um diese Hauruck-Autokratie zu schlucken. Es braucht mehr als ein paar flotte Parolen, gemeinsame Hemdchen und Gruppenturnen, um einen derartigen Wandel zu vollziehen. Selbst junge Neonazis in der Provinz geben sich in Interviews bisweilen differenzierter als die Schülerschablonen die Gansel auftreten lässt. Zumal er bewusst ein eher gutbürgerliches Setting einer Kleinstadt wählt. Es soll zeigen: Sowas kann überall passieren, nicht nur in Problemgebieten. Aber es reibt einem noch deutlicher unter die Nase, wie unwahrscheinlich die Brechstangen-Entwicklung ist mit der sich “Die Welle” entwickelt. Viele Probleme hätten hier vermieden werden können, wenn man von Anfang an die Laufzeit des Projekts verlängert hätte und zeigen würde, wie die Schüler langsam und allmählich dem Reiz einer faschistischen Ideologie erliegen.
Glaubwürdiger und besser wurde da ein anderes berühmtes Terror-Experiment nach Deutschland verpflanzt. “Das Experiment“, von Oliver Hirschbiegel orientierte sich an dem berüchtigten Standford-Versuch, der willkürlich zufällig in Wärter und Gefangene eingeteilte Freiwillige aufeinander losließ. Doch Hirschbiegel schaffte es Figuren mit mehr Innenleben zu erschaffen, den Schrecken, die Grenzüberschreitungen langsam in Szene zu setzen. Bei ihm war der überaus gewaltätige Klimax am Ende glaubwürdiger, weil er als logische Konsequenz aus dem Handeln der Figuren erwuchs.
Ganselns Westentaschen-Autokraten sind als Charaktere reine Behauptung, die “subtil” wahrscheinlich für ein Waschpulver halten. Sie unterhalten sich in bewusst jugendlichem Slang (oder dem was man dafür halten mag) und reden Sätze die man ansonsten in Soaps erwartet. Wenn jemand traurig ist, sagt er ich bin traurig. Wenn jemand zu einer Gruppe dazugehören will, wird dies ebenso platt ausgedrückt. Selbst ein gestandener Mime wie Jürgen Vogel liefert letztlich das Klischee eines “jungen” Revoluzzer-Lehrers, so wie man hierzulande eben als junger unangepasster Lehrer zu sein hat.
Das Ansinnen des Films ist ehrenwert, die Besetzung ist toll und sicher werden ganze Schulklassen in Sondervorführungen geschleppt um sich das ganze anzusehen. Und damit hat der Film sein Ziel vermutlich auch erreicht.
Fazit: Hübsch anzusehen, schicke Bilder, toll geschnitten, aber teilweise sehr anbiedernd jugendlich und sehr weit weg von der Realität, die der Film so gerne abbilden würde.
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Von Batz am 12, 3, 2008 um 1:11 in TagesBatz | 4 Kommentare »___________________________________________________________________________
4 Kommentare zu “Letztes Lichtspiel: Die Welle”
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- achja der nächste der im Zusammenhang mit Inception vom "Film des Jahres" spricht bekommt einen Schuh an den Kopf. War 2010 echt so mies?
- lange kann es nicht mehr dauern bis die sparkasse verlangt, dass ich IHNEN Zinsen zahle für das Geld auf meinem Kapital-Plus-Sparkonto
- Holt euch den Riesenlotso: http://is.gd/dSGDa
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13. März 2008 at 14:25
das ehrenwerte anliegen von george lucas, die welt in schwarz und weiß zu unterteilen, fand ich nie zu platt, andere ehrenwerte ansichten aber sind mir suspekt. man kann bei solchen filmen sehen wie die leute sich beim set gegenseitig die oberarme gestreichelt haben.
13. März 2008 at 14:53
Ich bin mir nicht sicher, daß sie sich nur das gestreichelt haben…
13. März 2008 at 19:06
Klingt nach verschenktem Potential. Schade.
20. März 2008 at 23:22
schaut euch lieber die Brücke von Wicki aus dem JAhre 59 an – der Film ist real und bedrückend. Die Welle ist völlig abgedroschen und plump pädagogisch!