Vor einem Jahr…
Das Ende vom Lied 1: Schwarzfahrt
Blut ist hartnäckig.
Es klebt und schmiert und kriecht in jede Ritze. Es riecht süß und kupfrig, wie wenn man ein altes Zweipfennigstück in der Nase stecken hat.
Es tropfte noch immer und ich betrachtete wie es durch das durchweichte Taschentuch an meiner Hand herablief und Spuren zog. Mir war ein wenig schwindelig doch gleichzeitig dachte ich nur: Sieh bloß zu das du dir die Klamotten nicht einsaust. Blut ist hartnäckig.
Der gute Vorsatz hielt nur, bis die Bahn eine Kurve zu schwungvoll nahm und ich erst gegen ein Fenster stolperte und dort einen Abdruck hinterließ der aussah, wie virales Marketing für Blair Witch Project, um schließlich doch mein Shirt zu beschmieren, vom dem Bart Simpson jetzt etwas derangiert heruntergrinste. Immer noch fordernd, man solle keine Rinder besitzen. Irgendwie bekam ich mit daß mich ein Junge anstarrte, der auf der anderen Seite des Wagons hockte. Seine Frisur war verstrubbelt, sieht irgendwie Gothic aus, blauschwarze Haare, schwarze Fingernägel, blasses Gesicht. Er mochte 17 oder 18 sein und war wohl auf dem Heimweg von der Disco. Für eine Sekunde überlegte ich rüberzugehen und seine Hände und Arme nach Einlaßstempeln abzusuchen. Dann dachte ich wie ich auf ihn wirken mußte. Er sollte mich nicht so anstarren.
»Is was?« Ich ließ mich in eine Vierersitzgruppe fallen und tropfte dabei über zwei Stühle. BlutBlutBlut. Verdammt. Der Junge schaute scheu weg und starrte angestrengt auf den Bildschirm des U-Bahn-Fernsehens. Ich hatte Lust ihn zusammenzuschlagen, weil er da war.
Besser als einen Mülleimer vom Laternenpfahl treten.
TropTropfTropf.
Eine schwarzrote Pfütze bildete sich unter meiner Hand, die ich auf Armeslänge von mir hielt, weil es weiter nicht ging.
Scheißtropfen,ScheißBlut.Scheißabend.ScheißBasti.
Das Kopfweh, das den halben Abend hinter meinen Schläfen gepukert hatte streckte jetzt seine Tentakel in die Stirnlappen aus und mir wurde noch etwas schwindeliger. Jetzt bloß nicht kotzen. Bloß nicht. Ich atmete bewußt ein und aus. Wie Goofy beim Yoga. Ich spuckte aus um die Übelkeit zu vertreiben, die als Batteriesäure in meinem Mund zusammenlief.
EinsZweiEinsZwei.
Wie spät mochte es sein? Spät. Früh. Ich versuchte mein Handy mit der linken Hand aus der Hose zu fummeln, die noch immer feucht war. Es war früh. Der Scheißkiosk am Ubahnhof-Alexanderplatz an dem wir grade standen, kurbelte sein Scheißrollo hoch und begann irgendwelche Industriegebäckwaren in die Auslage zu sortieren. Vor dem Kiosk stapelten sich die Tageszeitungen. Was sollte die Scheiße. Keiner brauchte am Sonntag Tageszeitungen. Wieviele waren das? Gabs jetzt auch die Hürriet am Sonntag? Wieso standen wir hier überhaupt solange? Warum fuhr der verdammte Drecksfahrer nicht einfach weiter. Und was waren das für kranke Arschlöcher die allen Ernstes am Sonntag morgen schon wach waren und hier rumstanden. Das waren keine Partyleichen, die waren schon frisch und munter aus ihren Bettchen gehüpft, in die sie gestern abend, brav nach dem großen Genozid der Volksmusik gekrabbelt waren. Jetzt fahr doch zu du Wichser. Ich presste meine Stirn gegen die kalte Glasscheibe, daß sie mein Kopfweh einfrieren möge.
»Verehrte Fahrgäste, auf Grund eines Unfalls am Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz, verzögert sich unsere Weiterfahrt noch um wenige Minuten, Wir bitten um ihr Verständnis.«
Jetzt kam auch noch der lustige Neger mit seiner Fliesenpoliermaschine, der Kopfhörer aufhat und irgendein Ballalalalalaeeeee-Lied lauthals mitsingt. Fresse du Penner.
Haltet alle die Fresse und JETZT FAHR DOCH ENDLICH WEITER VERDAMMT!
Trop Tropf. Ich konnte zusehen wie die Blutpfütze größer wird und die eigene Oberflächenspannung immer wieder bricht und bald würde das Blut meine Reeboks erreicht haben. Ich wollte keine blutigen Schuhsolen. Ich wollte nach Hause.
Doch Zuhause war 600km weit weg. Und statt mich zu amüsieren oder zu pennen, hockte ich hier im verschissenen Berlin und tropfte auf den Ubahnboden, den grauen Ubahnboden in dem kleine glitzernde Punkte waren, genau wie eben noch in meinen Handknöcheln. Über mir klebte eine Werbung: Das Licht der Gnosis! – Jesus erfahren!
Ich mußte lachen.
»Wir sind die Gnosis, keiner hat uns lieb…« sang ich und merkte erst als eine Frau die grad einsteigen wollte wieder kehrt machte und den nächsten Wagon nahm, daß ich wohl lauter gewesen war, als beabsichtigt. Noch son besoffener Verrückter, genau du panische Paula, renn nur weg, ehe ich komme und dich notzüchtige. Hab ja sonst nichts besseres vor und was mir heute echt noch gefehlt hat ist Sex mit einer verkniffenen 40jr, die Blümchenkleider ausm Telehsop anhat. Lauf nur sonst komme ich und spieß dich auf du Fotze.
Zu Hülfe! Ich sah sie schon rennen, wie Olive Oil die Alte von Popey, wenn Brutus ihr an die Wäsche will. Zu HÜLFE! EIN BETRÜNKENER VERFÖLGT MICH!
Und das Beste war, daß ich keinen Tropfen Alkohol intus hatte. Oder andere Rauschmittel. Ich war stocknüchtern und alles war tutti. Bis auf den Impuls zu kotzen, das Kopfweh und die dämliche Hand die immer noch vor sich hinblutete. Wie so ein kleiner Schnitt so saumässig suppen konnte.
+++
Ich werde wach. Gott sei Dank kein Regen heute. Es ist schon 12, aber es ist Samstag und ich kann keinem Tag böse sein, der mit blauem Himmel und Sonne anfängt. Die Katze sieht es ähnlich und schaut träge von ihrem Sonnenband auf. Malerisch hat sie sich unter das Fenster drapiert. Erst als sie sicher ist, daß ich aufstehe, kommt sie angelaufen und fordert Futter.
Ich gebe ihr was und schnappe mir auf dem Weg ins Bad das Handy. Zwei neue SMS. Bleibts bei heute abend? – Klar bleibts das. Duschen. Ohne Dusche bin ich scheiße. Ich platsche mit den Zehen und im Schaum treiben die Bartstoppel in den Ausguß. Der Blick in den Spiegel sagt Geil. Also ich würd mich ficken.
+++
Ich werde wach. Wach geschaukelt. Die Bahn wiegt mich hin und her. Und eine Hand an der Schulter ist nicht meine eigene. Auch sie wiegt mich.
Ich öffne die Augen und starry gegen die Decke der Bahn. Sonnenstrahlen huschen an den Fenstern vorbei. Das farbige Schemen über mir wird nach dreimal Blinzeln zu einem Jungen. Zu dem Jungen. Was zum Teufel will der an meiner Jacke.
»Hey… alles okay bei ihnen. Sind Sie wach.«
Ich schnappe mir das Handgelenk des Kleinen.
»Pfoten weg!«
»Ich wollt nur helfen. Sorry… « Er geht zwei Schritte zurück und setzt sich. Schaut schmollend unter seinem Emo-Mob zu mir runter.
»Helfen ja sicher. Ich rapple mich auf und checke ob meine Börse und das Handy noch da sind.« Okay vielleicht sagt der kleine Penner die Wahrheit. Alles da.
»Ja sorry, daß ich lebe. Sorry das ich nachgesehen hab ob Sie noch leben.«
Sie. Der kleine Penner siezt mich. Soweit isses schon gekommen. Wenn er noch mein Herr sagt, hau ich ihm aufs Maul. Ich versuch mich mit der verletzten Hand aufzustützen. Keine gute Idee. Fuck. Beim Halt suchen land ich in der Blutpfütze zwischen den Sitzen. Willkommen in der eigenen Sitcom.
»Hier« Der Junge hat sich eines seiner Nickitücher vom Hals gebunden und schmeisst es mir hin. Dazu ein eine Packung Tempos. »Machen Sie sich sauber. Sie sehen aus wie ne Sau.«
Eine Minute später landet er mitsamt seiner Scheißumhängetasche auf dem Boden den Steinfliesen des nächsten Bahnhofs. Es tut so schweinemässig weg, jemand mit ner verletzten Hand aufs Maul zu hauen. Ich sehe noch, wie er seine Sachen zusammen sammelt und mich anstarrt, als die Ubahn weiterfährt. Ich taumele in meine Sitzecke zurück, schüttle drei Tempos aus der Packung und presse sie auf den Schnitt. Dann wickle ich das Nickituch um die Hand. Besser.
Ich brauch nur meine Sachen. Schlafen werd ich im Zug können, nur die Sachen. Den Rollkoffer. In zwei Stunden kann ich weg sein aus Berlin.
Weg sein. Fuck Basti. Und schreib jetzt keine SMS, darauf kann ich jetzt nicht. Schreib mir nie wieder SMS. Sonst brech ich dir die Finger, hast du verstanden.
Ey das ist so krass. Was machen die alle hier. Um diese Zeit, es ist Sonntag. Sonntag. Sonntag. Blaukittel. Ich hab erst als sie vor mir standen gerafft, daß es Bullen waren. Sehen aus wie verdammte Kontrolleure in ihren blauen Verrutschijäckchen. Ich hab den Bullen wirklich meinen Fahrschein gezeigt. Als wenn die nichts besseres zu tun haben, als einem auf den Sack zu gehen.
»Bitte Stehen Sie auf und kommen mit.«
Was fuck nein. Was soll ich hier? Ich muß zu meiner Pension. Ich muß meine Sachen.
»Wir haben ein paar Fragen an Sie, stehen Sie bitte auf. «
Ich stehe auf. Ich lächle, ich sage klar und entschuldige mich und gehe zwischen den beiden Beamten aus der Bahn. Potsdamer Platz. Und dann stolpere ich die Treppen hoch und sehe noch wie sich der zweite Polizist wieder aufrappelt und seiner Kollegin folgt.
Diese Stadt geht mir so auf die Nüsse.
Stehenbleiben, my ass. Wo habt ihr denn gelernt? Bei Derrick?
Von Batz am 31, 3, 2008 um 4:34 in LiteraBatz | 4 Kommentare »___________________________________________________________________________
4 Kommentare zu “Das Ende vom Lied 1: Schwarzfahrt”
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- Okay Weekend... now would be a good time to start... please? http://t.co/zWvVKuo2
- so ich bin dann mal weg hier... wir sehen uns dann zur orscarverleihung wieder bei twitter #ibes
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- so morgen sehen wir uns nochmal zur reunion show.... gute nacht #ibes
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31. März 2008 at 11:47
Typisch Wombat. Immer mittendurch…
31. März 2008 at 20:36
ähem? ich hoffe es handelt sich um fiction! ansonsten nehme ich dir das scheiss basti übel…
31. März 2008 at 21:55
*lach* Die Rubrik in der das ganze veröffentlich wurde, sollte das Ganze eigentlich beantworten.
03. April 2008 at 16:42
pah in jeder literation steckt ein fünkchen erlebtes