Vor einem Jahr…
Letztes Lichtspiel: The Day The Earth Stood Still
“Let me out of here!”
Originaltitel: The Day the Earth Stood Still
Herstellungsland: USA 2008
Regie: Scott Derrickson
Darsteller: Keanu Reeves, Jennifer Connelly, Jon Hamm, John Cleese, Kathy Bates, Jaden Smith
Ein Alien (Keanu Reeves) landet in einer riesiegen Blase im Central Park. Die USA rufen den Ausnahmezustand aus, das Militär macht überstunden und ein Soldat mit nervösem Fingerzucken ballert den außerirdischen Besucher über den Haufen, als er als Gastgeschenk einen Quirl aus der Jacke zieht.
Ein riesiger Roboter (Ralf Möller) kommt daraufhin aus der Blase und kann vom Alien nur in letzter Sekunde daran gehindert werden sehr ungemütlich zu reagieren. Das Alien, das sich als Klaatu vorstellt, aber verdammt nach Neo aussieht, wird daraufhin in ein geheimes Militärdingsbums gebracht, wo man es verhören will.
Eine mit vielen anderen Wissenschaftlern eigens herbeizitierte Astrobiologin (Jennifer Connoly) verhilft Klaatu zur Flucht. Dessen Mission ist es, wie sich herausstellt, die Menschheit zu zerstören, weil sie zuwenig Recycling-Klopapier benutzt hat. Ein alter Chinese namens Wu – ebenfalls ein Alien, das seit 70 Jahren auf der Erde lebt – erklärt Klaatu das die Menschheit unrettbar blöde sei, er sie aber trotzdem ganz gerne habe.
Während das Militär vergeblich versucht den Riesenroboter zu knacken und Klaatu wieder einzufangen, gondelt der mit Frau Connely und dem unerzogenen Sohn von Will Smith durch die Gegend und evakuiert Tiere in Seifenblasen. Werden Sie und der schwierige Steppke es schaffen Klaatu doch noch davon zu überzeugen, die Menscheit nicht koppheister gehen zu lassen?
Scott Derrickson hat uns vor einigen Jahren ja schon mit dem faden “Exorcism of Emily Rose” gezeigt, dass Kinobilder nicht so ganz sein Metier sind und er es schafft aus einem menschlichen Drama (dass Hans-Christian Schmidt in “Requiem” wesentlich besser erzählt hat) ein pathethisches Krippenspiel zu zaubern.
Das erklärt natürlich auch, warum das Remake von “The Day The Earth Stood Still” in der Weihnachtszeit startet, denn zu jeder anderen Zeit wäre die plakative Verquickung von Öko-Geblubber und religiösem Lehrfilm wohl auf wenig Verständnis beim Publikum getroffen.
Dabei fängt es gar nicht mal so schlecht an. Die ersten Minuten lassen Hoffnung auf einen soliden SciFi-Film für Erwachsene keimen. Die Landung von Klaatu, das herauspulen des Aliens aus seinem fleischigen Schutzanzug und die erste Konfrontation mit der von Kathy Bates souverän unsympathisch gespielten Präsidentensprecherin, ist gar nicht übel. Auch die fahlen Bilder lassen gemütliche Endzeitstimmung aufkommen, die wenn schon nicht originell, so doch recht effektiv ist.
Keanu Reeves, der Mann ohne Gesichtsausdrücke ist im Grunde die Idealbesetzung für den mimikamputierten Klaatu, dem der menschliche Körper den er trägt noch immer etwas zu klein ist und im Schritt kneift. Mag man den von Kritikern oft als “Old Man Wooden Face” verspotteten Reeves auch ansonsten eher für einen überbezahlten Sonnenbrillenständer halten – hier macht er seine Sache in der Tat ganz ordentlich.
Jennifer Connely hat jetzt nicht so viel zu tun, außer halbwegs sympathisch zu sein, aber auch das macht sie ganz gut. Anstrengend und alleine ein Grund die Menscheit zu vernichten ist das grauenhafte Kind, dass einmal mehr von Jayden Smith penetrant zwischen kulleräugiger Niedlichkeit und kotzbrockiger Bockigkeit gespielt wird und nur wenig mit dem smarten, neugierigen Billy Gray aus der Erstverfilmung gemein hat.
*Some Spoilers Ahead*
Überhaupt überrascht es, wie fade dieser neue Film im Vergleich zum Vorgänger daherkommt – obwohl er der Vorlage mit wenigen Ausnahmen recht brav folgt. Beide leben von ihrer kammerspielartigen Inszenierung, die eher auf Dialoge, denn auf große Aktion fokussiert. Der Klaatu des Originals überraschte oft durch seine Menschlichkeit, seinen trockenen, distanzierten Humor, sein Interesse an der Zivilsation, aber auch seinem Wissen über die Menschheit.
Seinem modernen Gegenpart bleibt leider wenig anderes zu tun, als stoisch die unvermeidliche Love-Story-Andeutung zu Frau Connely auszusitzen und die Pausen zwischen den Special Effect-Füllszenen runterzumuffeln.
Und natürlich muß es Effektszenen geben, auch wenn das Original bis auf die initiale Landung und die im Park herumstehende Untertasse im wesentlichen effektfrei war. Heute reicht es nicht mehr einen Mann im schlechtsitzenden, silbernen Gummianzug zu zeigen, heute muß CGI ran und Roboter-Gort muß sich diversen Angriffen der US-Miltärs erwehren. Leider sieht der heutige Gort dem alten Modell nicht nur sehr ähnlich, er ist auch ähnlich schlecht getrickst, wenn auch mit wesentlich mehr Aufwand.
WETA ist wohl für diesen Gort verantwortlich, dem man seine Computerherkunft nur zu deutlich ansieht. Teilweise war ich an die Trickeffekte für eine TV-Serie erinnert, denn nichts vom CGI-Zauber dieses Films sieht wirklich real aus. Vielleicht war es Zeitdruck oder Schlamperei, aber mit Ruhm hat sich WETA – die Firma die mit King Kong und Herr der Ringe neue Standards setzte – hier wahrlich nicht bekleckert.
Und leider kommen grade zum Ende hin eine ganze Menge unnötige Effektszenen hinzu. Entstand im Original die Bedrohung grade im Unausgesprochenen, in der stillen Macht die Klaatu Gort zuschreibt ohne dass dieser sie wirklich einsetzt, wird im Remake schonmal die Apocalypse Gassi geführt. Gort zerlegt sich in Milliarden winziger Roboter-Heuschrecken die die menschliche Zivilisation auffressen sollen, nachdem die Tiere brav in Seifenblasen-Archen evakuiert wurden.
Diese Szenen sind nicht nur optisch unterwältigend und nehmen dem ganzen viel vom ursprünglichen Schrecken – denn die Bilder wirken billig und austauschbar – hier wird auch die Holzhammerhaftigkeit deutlich, mit der Derrickson seine biblische Botschaft vermittelt. Natürlich waren auch im Original die christlichen Bezüge unübersehbar und wer wollte konnte Klaatu schon immer als Fancy-Dressed Jesus interpretieren, inklusive Opfertod und Wiederauferstehung, doch im Vergleich zum Remake war die Erstverfilmung ein Musterbeispiel an Subtilität.
Derrickson liefert uns “Keanu Himmelfahrt” mit allen Schickanen. Klaatu wird nicht erschossen und von Gort befreit und wiederbelebt, er opfert sich, nachdem er erkannt hat, dass Jennifer Connoly weint, wenn nervige kleine Jungen sterben. Und währendessen tobt draußen Gottes Zorn in Form einer digitalen Heuschreckenplage, die alle sündigen Menschen von der Erde radieren soll. Nur durch Keanus Opfer (“Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“) wird die Apocalypse abgewendet und Will Smiths Sohn darf am Ende für alle ganz blöden, die das Gleichnis noch immer nicht kapiert haben erklären: He is gone!, nachdem Frau Connely versehentlich “It is gone” gemurmelt hatte.
Natürlich kann man diskutieren ob die Aussage des Original: “He who has the bigger stick, makes the rules” mit dem verordneten Zwang zum Frieden eine befriedigende Lösung ist und die Unterordnung unter die göttliche Allmacht der Gorts erstrebenswert erscheint. Doch ob der neutestamentarische Keanu, der Gottes Zorn durch sein Selbstopfer Einhalt gebietet, weil er Gutes in der Menschheit erkennt, nun wirklich besser oder fortschrittlicher ist, sei dahingestellt. Letztlich bleibt viel dick aufgetragener religiöser Mumpitz, der halbherzig mit einer modischen Ökobotschaft verquirlt wurde, die aber auch nicht tiefer geht als jedes “Rasen betreten verboten”-Schild.
“Der Tag an dem Keanu stillstand” bleibt ein merkwürdig-halbgarer Film, der zu dumm ist um tatsächlich zum Nachdenken anzuregen (ausser bei der Fraktion an Zuschauern, die beim Lesen die Lippen mitbewegen), zuwenig Charaktere bietet um als Drama wirklich zu funktionieren, zu läppische Dialoge hat um als Kammerspiel wirklich zu überzeugen und mit seinen aufgepfropften uninspirierten wie überflüssigen Actionszenen zu abgenudelt ist um ein Blockbuster-Publikum wirklich zu beeindrucken.
Achja das Mikro-Cameo von John Cleese ist ganz nett anzusehen, aber auch diese Rolle wurde soweit eingedampft und entwertet, dass sie wenig tatsächliche Relevanz für die Story hat.
Das dieser Streifen Erfolg haben wird liegt wohl hauptsächlich an seiner Banalität und dem Starttermin, der nicht besser gewählt sein könnte.
Meine Empfehlung: Wartet bis dieser Quark in zwei Jahren im Feiertagsprogramm von SAT.1 läuft und holt euch die DVD vom alten Film. Da sah der Gort zwar auch lächerlich aus, wenn er sich bewegte, aber die restliche Story macht Spaß und kommt auch heute noch nicht so bräsig daher wie dieses platte Remake mit Öko-Jesus Keanu.
Von Batz am 9, 12, 2008 um 21:01 in CineBatz | Kommentieren »___________________________________________________________________________
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