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    Letztes Lichtspiel Frost/Nixon

    -”Are you really saying the President can do something illegal?”
    -”I’m saying that when the President does it, that means it’s not illegal!”

    Originaltitel: Frost/Nixon
    Herstellungsland: USA 2008
    Regie: Ron Howard
    Darsteller: Frank Langella, Michael Sheen, Sam Rockwell, Kevin Bacon, Matthew Macfadyen, Oliver Platt, Rebecca Hall, Toby Jones

    frostnixonposter

    Die Siebziger Jahre. David Frost (Michael Sheen) ist das erfolgsverwöhnte britische TV-Wunderkind. Mit seinen Comedy-Serien, Talkshows und Filmen begeistert er ein Millionenpublikum. Nicht nur im Vereinten Königreich, sondern auch in Australien. Nur in Amerika wollte der Erfolg nicht so recht gelingen, dort wurde seine Show abgesetzt.

    Als er im TV sieht, wie Richard Nixon (Frank Langella) sich, gebeutelt von der langen und schmutzigen Watergate-Affäre im August 1974 aus dem Amt verabschiedet, ohne ein Worten der Entschuldigung und des Bedauerns, reift ihn ihm eine Idee. Vielleicht kann er den US-Markt doch noch erobern.

    Nixon wird kurz darauf von seinem Nachfolger mit einer Amnesty bedacht, die ihm jegliche Strafverfolgung erspart. Für Forst steht fest: Er will das Interview des Jahrzehnts: Er will Nixon vor die Kamera holen und ihn in einem ausführlichen Gespräch eine Reaktion zu Watergate entlocken, denn er ist davon überzeugt, dass Amerika genau danach hungert. Es beginnt eine schwierige und langwierige Verhandlung mit Nixon und seinen Beratern, der sich für eine fürstliche Summe bereit erklärt das Interview zu machen. Doch Frost hat sich verkalkuliert, was die Einschätzung des Interesses angeht: Kein Sender will die Rechte an dem Interview kaufen, niemand will sich finanziell an dem Wagnis beteiligen. Es folgen zermürbende Monate, in denen Frost nicht nur das Geld auftreiben muss, um Nixon zu bezahlen, sondern intensive Recherche und Vorbereitungen trifft, um gegen den erfahrenen Redner bestehen zu können. Denn so einfach, wie Frost es sich vorstellt, ist der raffinierte Ex-Präsident nicht aus der Reserve zu locken. Als das Interview endlich aufgezeichnet werden soll, entwickelt es sich zu einem mehrtägigen, gnadenlosen Schlagabtausch, bei dem Frost sehr schnell, sehr alt auszusehen droht…

    Wer hätte gedacht, das ich je einem Ron Howard Film eine wirklich gute Bewertung geben würde. Steht der Mann für mich doch, für langweiliges Mittelmass und den cineastisch kleinsten gemeinsamen Penner. Abgesehen von Cocoon und Willow hat Howard, der durch seine Rolle in “American Graffitie” und die daraus resultierende Rolle in der Endlos-Sitocm “Happy Days” bekannt wurde, wenig vollbracht, das nicht fader, belangloser Einheitsbrei ist. Howards Filme sind in der Regel glossig, schmierige All-American-Stories die Pathos statt Sauerstoff atmen. Und doch: Frost/Nixon ist gelungen. Ein kraftvoller, hochspannender und sehr gut gespielter Thriller zwischen Boxduell und Mediensatire.

    Ein klarer Beweis dafür, dass Howard vielleicht bislang einfach zuviele beschissene Drehbücher verfilmt hat, denn sein solides Handwerk schafft es hier in Verbindung mit dem dialogstarken Drehbuch von Peter Morgan die Bühnenvorlage nicht nur adäquat umzusetzen, sondern stellenweise sogar zu übertreffen. Frost/Nixon lief seit 2006 bereits erfolgreich in London, wurde mit dem Tony Award und anderen Preisen geehrt und schaffte den Sprung an den Broadway. Howard profitiert eindeutig davon, dass die Titelstars der Bühnenversion auch im Film die Hauptrollen spielen. Schauspielveteran Frank Langella und Michael Sheen (hierzulande wohl hauptsächlich als Tony Blair bekannt, den er sowohl “The Queen” als auch in der TV-Produktion “The Deal” spielte) haben ihre Rollen sichtlich verinnerlicht und in unzähligen Vorstellungen perfektioniert. Ihr Kunststück besteht darin, sie im Film dennoch nicht runtergespult, nicht theaterhaft karikierend wirken zu lassen, sondern tatsächlich eine eigene, neue Performance abzuliefern, die auch in der Nahaufnahme bestehen kann.

    Interessanterweise geht es dabei weniger um die äussere Ähnlichkeit, die Double, die Look-a-like-Qualitäten der beiden. Die sind weniger groß, als man es vermuten möchte und der maskentechnische Aufwand der getrieben wird hält sich in Grenzen. Hier geht es nicht darum die Schauspieler mit Prosthetic-Sperenzchen in Nachäffungen zu verwandeln, es geht um eine innere Annäherung, genauso wie es dem Drehbuch um eine innere Wahrheit geht, die natürlich dramatisiert und sich historische Freiheiten nimmt, improvisiert und kondensiert.

    Natürlich war David Frost nicht ganz so naiv, wie er im Film dargestellt wird und hatte durchaus Erfahrung auch Politgrößen und Staatsoberhäupter zu interviewen, unbestritten ist jedoch sein gewaltiges Ego, sein Durchsetzungswille und sein Hunger nach Aufmerksamkeit, der ihn unter Kollegen nicht immer beliebt machte. Einige davon, unter anderem Peter Cook und die Monty Python-Truppe (von denen etliche sich in der Comedy-Sendung Frost-Report erste Sporen verdienten) äusserten sich nicht grade wohlwollend über Frost, der als Pun-Hog, als jemand der alle Pointen für sich wollte und sich dabei gerne auch bei anderen bedient, bekannt war. Frost ist ein zwiespältiger Charakter, trotz all seiner unbestreitbaren Meriten. Drehbuchautor Morgan hat das erkannt und spielt gekonnt mit den beiden.

    Das finale Rede-Duell, das in der Tat – und hier kann an den unermüdlichen wiederholten Interview-Snipplets der Pressemappen ausnahmsweise mal zustimmen – wie ein Boxkampf inszeniert ist, lebt von diesem aufeinanderprallen dieser Egos. Dem Clash zweier Menschen, die jeder für sich nach Anerkennung und Erfolg Hungern und die nur schwer eigene Fehler erkennen und einsehen mögen. Der Zweikampf Frost / Nixon gewinnt seine Dynamik aus der Gravitas die beide haben, der bisweilen satirisch-augenzwinkernden Liebenswürdigkeit mit der die Figuren als mehrdimensionale Figuren zum Leben erweckt werden. Nixon wird entlarvt, aber nicht dämonisiert und gewinnt so seine ganz eigene Faszination. Und auch wenn das Drehbuch für einen der Schlüsselmomente völlig frei dreht und einen nächtlichen, betrunkenen Anruf Nixons bei Frost hinzufabuliert, der durch keinerlei Fakten gedeckt ist, es fühlt sich richtig an. Die innere Logik des Films stimmt und lässt die Geschichte archetypischer, ja größer werden als die Realität.

    Howard findet dabei immer wieder angemessene Bilder, versteht es die Kraft der Nahaufnahme, die Nixon schließlich das Genick bricht, effektvoll einzusetzen. Wo im Theater die reine Schauspielkunst die finale Konfrontation tragen muss, übernehmen die Fernsehkameras hier eine vitale, eigenständige Rolle. Sie machen die Gedanken sichtbar, sie sind die Schiedsrichter im verbalen Boxduell. Doch nicht nur die beiden Hauptdarsteller tragen, den Film. Zwei Egomanen die beide nur bedingt als Sympathieträger taugen, brauchen Erdung, brauchen echte Menschen die sie umgeben und den Kontakt zur Realität halten. Hier wird wieder klar, warum es im englischen Supporting Actors heißt, denn Nebenrollen klingt viel zu abschätzig für die A-Akeure die hier zu sehen sind: Kevin Bacon macht dabei genauso eine gute Figur, wie der immer brillante Toby Jones oder Sam Rockwell.

    Die immer wieder durchschimmernden humorvollen Elemente, bewahren den Film zudem davor, zu einem sauren Moralstück oder einer nachgetretenen Abrechnung zu verkommen. Natürlich gibt es wenig absolut neues, das wir hier erfahren. Keine tiefen Enthüllungen. Die Idee das Amerika, das nach Watergate eine Phase tiefster Desillusionierung durchlitt nach einer Entschuldigung des straffrei ausgegangenen Nixon hungerte, ist nicht brüllend originell, aber sie funktioniert als Motor dieses Films sehr gut.

    Für ein paar Sekunden erlaubt uns das finale Interview tatsächlich einen Blick in das Selbstverständnis der Macht, in die Mechanismen die im Kopf nicht nur von Nixon, sondern sehr vielen politisch Verantwortlichen ablaufen dürften. Die Erkenntnis, dass die Schurkerei Nixons, die Verfehlung seines Amtes tiefer geht als platte Verteufelung abdecken könnte. Ein bißchen von diesem Nixon steckt in ihnen allen, in allen Ertappten, Selbstgefälligen die wie Kohl, Koch, Strauß, Lambsdorf, Mölleman etc. oft unfähig sind die moralische Frevelhaftigkeit ihres Tuns zu realisieren.

    “Wenn ich es tue, dann ist es nicht illegal.” Die Moral der Mächtigen. Nixon war nur einer von vielen.

    Howard schafft es aus diesem schwergängigen Thema und einem starken Buch einen fesselnden Medien- und Politthriller zu basteln, der trotz der Dialoglastigkeit nie geschwätzig, oft witzig und immer spanned bleibt. Angucken. Und direkt danach am besten noch die Original-Interviews (bei denen man dann feststellen kann, das der echte Nixon nicht ganz so ein guter Schauspieler ist wie der grandios nuschelnde Langella).

    Von Batz am 4, 2, 2009 um 0:08 in CineBatz | 5 Kommentare »

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    5 Kommentare zu “Letztes Lichtspiel Frost/Nixon”

    1. pulmoll Sagt:

      und er läuft hier nicht :(

      wieso gab es bei den filmfreunden eigentlich keine kritik zur revolutionary road, den ich mir kürzlich ansah?

    2. Batz Sagt:

      Weil ich leider keine Zeit hatte für ein Review :( Fand den auch sehr gut, aber durch den ganzen Berlinale und sonstigen Job(s)-Stress bleiben leider einige gute Filme auf der Strecke. Vielleicht gibts noch mal Kurzreviews…

    3. Kiki Sagt:

      Schade. Der billige unter-den-Gürtel-Hieb auf Ron Howard ist dem Rest der ansonsten sehr guten und zutreffenden Kritik nicht würdig.

    4. pulmoll Sagt:

      @batz: ich weiß, deshalb sah ich ihn mir ja auch an, 50% meiner begleiter waren nur anderer meinung, für die hätte ich gerne was geschriebens aus deiner hand gehabt ;)

    5. meistermochi Sagt:

      was heißt hier nicht würdig? umso mehr wiegt das lob.

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